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IAA Frankfurt : Alle Wege führen zum Strom

Wegweiser in die Zukunft: der Tesla Roadster Bild:

Auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt beginnt das Zeitalter der Elektromobilität. Speziell die Verbrauchs-, Haltbarkeits- und Reichweitenversprechen des Motorenbauers Tesla sind verheißungsvoll: Sie propagieren Ökologie ohne Entsagung.

          Das Elektroauto hatte lange keinen guten Ruf. Elektroautos waren die schmalen Dinger, in denen Rentner ohne Führerschein im Kriechtempo scharf am Bordstein entlang zum Einkaufen fuhren, wenn sie nicht gleich den Radweg benutzten. Dass Elektroautos einmal eine ernsthafte Alternative zu ernsthaften Familien- und Supersportwagen sein könnten, damit hätte vor ein paar Jahren keiner gerechnet - und jetzt das: Bei der diesjährigen IAA taucht ein ganz neuer Typ von Automobil auf, vergleichbar mit dem Auftauchen des Homo sapiens auf einer Versammlung von hübschen und hässlichen, kleinen und großen Affen. Es gibt Hybrid- und Elektroautos zu sehen, wie man sie noch nie sah.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Am erstaunlichsten sind die neuen Autos, die aus den Vereinigten Staaten kommen. Ausgerechnet das Land, das vor kurzem noch als untergehendes Reich benzinsaufender Blechdinosaurier galt, steht plötzlich für einen grundlegenden ökologischen Umschwung in der Massenfortbewegung. Zum Beispiel die kalifornische Firma Tesla: Finanziert wird das Unternehmen von Google-Gründer Larry Page und Hyatt-Vorstand Nick Pritzker, Chairman ist Elon Musk, Mitgründer des Online-Bezahldienstes Paypal. Der Name Tesla ist eine Hommage an den Ingenieur Nicola Tesla, der den zweiphasigen elektrischen Generator entwickelte und die Verbreitung des Wechselstroms möglich machte. Das Bahnbrechende am Tesla ist sein Antrieb: Der Energiespeicher besteht aus 6831 wiederaufladbaren Lithium-Ionen-Akkus, wie man sie aus Laptops und Mobiltelefonen kennt. Je nach Fahrweise kommt man damit laut Hersteller bis 450 Kilometer weit, dann lädt man drei Stunden an einer Starkstromdose. Und: Das Elektroauto hängt in der Beschleunigung sogar Ferraris ab, der Motor dreht auf 14.000 Touren, und zu Supersportwagen verhält sich der Tesla wie ein Surfbrett zu einem Motorboot: Genauso schnell, lautlos, umweltschonend.

          Ökologie jenseits der Entsagung

          Zu kaufen gibt es bei Tesla schon jetzt ein vollelektrisches Sportmodell, auf der IAA wird das Kombi-Coupé Model S gezeigt, das unter 50.000 Dollar kosten, sieben Passagiere beherbergen und mit einer Ladung 480 Kilometer weit kommen soll, wenn es in zwei Jahren ausgeliefert wird. Wie ernst große Autohersteller Tesla nehmen, zeigt sich daran, dass Mercedes Benz sich an der Firma beteiligt und die neuen Smarts mit Tesla-Technik ausstatten wird. Die US-Regierung gab der Firma dazu einen 465-Millionen-Kredit für die Entwicklung neuer Antriebe - was auch ein politischer Akt ist: Hätten amerikanische Autos denselben Durchschnittsverbrauch wie Autos in Italien, wären die Vereinigten Staaten von Erdölimporten aus der arabischen Welt unabhängig.

          Strom an! Künftig kommt hier kein Benzin mehr in den Tank

          Dazu kommt eine folgenreiche ideologische Leistung: Eine breite ökologische Bewegung gerierte sich lange, als sei alle Technologie vom Teufel, endlose Kongresse wetterten gegen „Fortschrittsglauben“, forderten pauschal „Entschleunigung“ und boten als Gegenmodelle nur reaktionäre Fluchten in vormoderne Selbstversorgeridyllen. Die neuen, ebenso sauberen wie schnellen amerikanischen Autos zeigen, dass Ökologie nicht nur Reue und Entsagung bedeuten muss - anders als „Passivhäuser“ und andere, zu einer generellen Fortschrittsfeindlichkeit neigende Öko-Produkte wie „Drei-Liter-Autos“, deren eingebaute Genussfeindlichkeit zu großen Teilen an ihrem krachenden kommerziellen Misserfolg schuld war. Mit einer Bewegung, die ökologisches Bewusstsein und moderne Technologie zusammenbringt, kommt es auch zu einer ideologischen Schubumkehr - und zu weniger depressiven Ökoprodukten.

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