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Automobil-Ausstellung : Hybride küsst man nicht

Hybridautos sind auf der IAA gefragt - auch bei der Bundeskanzlerin Bild: AP

Noch vor zwei Jahren standen Hybrid- oder Biogasfahrzeuge brav in ihren Alibi-Ecken herum. Heute wimmelt es geradezu vor sauberen Fahrzeugen. Die IAA fährt auf die Umwelt ab. Ein Rundgang mit Hannes Hintermeier.

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          Die Trendfarbe der Saison ist Weiß, aber der grüne Anstrich ist das Gebot der Stunde. In der vierten Ausgabe des einundzwanzigsten Jahrhunderts dreht sich bei der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt auffallend vieles um den CO2-Ausstoß unserer liebsten Spielzeuge. Noch vor zwei Jahren standen die Hybrid-, Elektro- und Biogasfahrzeuge brav in ihren Alibi-Ecken herum. Heute wimmelt es geradezu vor sauberen Fahrzeugen, schon 2010 will Mercedes ein emissionsfreies Auto bauen. Zeh-oh!-zwei: Das bleibt nicht folgenlos, denn der Besucher kann nun nicht mehr anders, als nach diesem Wert Ausschau zu halten.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Natürlich ist es perfide, wenn Nörgler wie die Bundeskanzlerin darauf beharren, die deutsche Industrie habe den Trend verschlafen - dabei hat sie vermutlich nur das getan, worin sie schon Übung hat: ihn nämlich so lange auszusitzen, bis es einfach nicht mehr länger geht. Und jetzt hat sie auf einen Schlag alles ökologisch Hoffnungsvolle aus den Labors und Werkstätten geholt. Bleibt die bange Frage, ob das geneigte Publikum mit der Klimarettung freiwillig in der eigenen Garage beginnen wird? Das nachgerade wollüstige Stöhnen, das einem Besucher beim Anblick des sich langsam auf ihn zudrehenden Heckbürzels des Ferrari 430 Scuderia entfährt, lässt daran Zweifel aufkommen. Noch ist Hybridantrieb nicht sexy.

          Die R-Klasse - „Die neue Form, Größe zu zeigen“

          Im Wecken von überflüssigen Begehrlichkeiten sind die deutschen Hersteller Weltspitze. Aber keiner hat die große Geste offenbar so nötig wie der Daimler, der jetzt nicht mehr Chrysler heißt, sondern Mercedes. Im Vergleich zum Toyota-Auftritt - größter Hersteller der Welt, Hybrid-Triumphator und Qualitätsweltmeister - prunken die Stuttgarter mit ungebremstem inszenatorischem Furor. Wo zuletzt noch Supersportwagen wie der McLaren zur Anbetung aufgestellt waren, hat man nun vor lauter Umweltbegeisterung aufs leuchtende Laufband nur noch Modelle gestellt, die in eine saubere Zukunft fahren sollen.

          Die Ampeln auf der Automobil-Ausstellung stehen auf Grün
          Die Ampeln auf der Automobil-Ausstellung stehen auf Grün : Bild: dpa

          Die Musik aus der Kuppel klingt, als würde jede Augenblick ein Raumschiff landen und die rettende Brennstoffzelle ausladen. Doch noch wachsen die Dimensionen der Fahrzeuge weiter; sie sollen etwa im Fall der wuchtigen R-Klasse dem Käufer „die neue Form, Größe zu zeigen“, vermitteln. Den Smart hat man deswegen als schwarzgelben Boutiquenwürfel in die Ecke gestellt; den Maybach hat man diskret weggesperrt in ein Kabuff - auch er als weißer Ritter Relikt einer automobilen Großmachtphantasie.

          Ein Automobil ähnlicher dem Fahrrad als der Kutsche

          Die ganz tollen Spritfresser stehen im ersten Stock, ein CL 65 AMG mit 612 PS für 240 000 Euro und einem CO2-Wert von 355 Gramm. Eine „Ich als Journalistin“-Moderatorin stellt den F 700 vor, einen Reisewagen, der direkt aus einem Batman-Film kommt. Mit „DiesOtto“-Antrieb soll das Mischwesen sämtliche Annehmlichkeiten und Sicherheiten bieten: Ein Laser tastet die Fahrbahn nach Unebenheiten ab, das Fahrwerk schluckt, frühzeitig informiert, beschwerliche Buckel einfach weg.

          Das Automobil verdankt dem Fahrrad entwicklungsgeschichtlich mehr als der Kutsche. Als fernes Echo dieser Stammesgeschichte haben Premiumanbieter auch Räder im Programm - auch wenn sie davon erkennbar nichts mehr verstehen: Das Mercedes Fitness Bike ist mit güldener Klingel, unterdurchschnittlicher Schaltung und dicken Walzen kein Ruhmesblatt - ausgerechnet die beim Fahrrad existentielle Gewichtsangabe fehlt.

          Die Klimakanzlerin lässt sich nur den Motor erklären

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