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Honda Crosstourer : Das Abenteuer kann beginnen

Da, wo man sitzt, ist oben: Honda Crosstourer Bild: Hersteller

Im Segment der großen Enduros geht es gerade richtig rund. Honda mischt mit der neuen Crosstourer mit. Erster Fahrtbericht.

          Das Phänomen SUV gibt es nicht nur auf vier Rädern. Man fährt dick auf und macht auf Macht. Da, wo man sitzt, ist oben. Ein Ausblick zum Genießen und dazu das Gefühl, dass einen nichts aufhalten könnte, wenn man denn wollte. Kein Schlammloch, kein Stoppelfeld. Aber man will ja gar nicht.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Das SUV auf zwei Rädern ist die hubraumstarke Groß-Enduro. Es ist ein Phänomen, wie sich dieses Motorradsegment gerade entwickelt. Momentan ist es das interessanteste überhaupt, weil es wächst, während andere schrumpfen, und weil es sich durch diverse Neuheiten belebt. Der andauernde Erfolg der BMW R 1200 GS hat allerorten Begehrlichkeiten geweckt. Die Karten werden neu gemischt.

          Crosstourer mit Koffern im Reisetrimm Bilderstrecke

          Honda zieht die Crosstourer aus dem Ärmel. Sie kommt im März für 13 845 Euro auf den Markt, das ist ein konkurrenzfähiger Preis. Für die Version mit Doppelkupplungsgetriebe (DCT genannt) sind 1000 Euro draufzulegen. Dieses DCT, 2010 im Sporttourer VFR1200F vorgestellt, ist einer der zwei Spezial-Trümpfe Hondas im harten Kampf um SUV-Kumpane. Ein Alleinstellungsmerkmal, das zweite ist der 1237 Kubikzentimeter große V4-Motor. Der hat Charisma.

          Damit fühlt sich die Flügelmarke gerüstet, um in Deutschland "die klare Nummer zwei" zu werden. 1500 Stück sind für 2012 angepeilt. Die klare Nummer eins, die BMW, gilt als unantastbar. Mit mehr als 6100 Zulassungen lag sie im vergangenen Jahr weit vor der zweitplazierten Yamaha Super Ténéré (948 Stück) und der Ducati Multistrada (868). Platz zwei wird wohl auch die neue Triumph Tiger Explorer (die wir in Kürze vorstellen) für sich beanspruchen wollen, Kawasaki hat soeben die Versys 1000 in die Schlacht der "Adventure Bikes" geschickt, an der auch noch KTM 990 Adventure und Moto Guzzi Stelvio teilnehmen.

          Verwegenes Aussehen wie Crocodile Dundee mit Hut ist Ehrensache im Segment der "Abenteuer-Motorräder". Was die Geländetauglichkeit betrifft, ist die Gewichtung von Hersteller zu Hersteller höchst unterschiedlich. Honda bezeichnet sein Werk ehrlicherweise als "Straßen-Enduro". Über holprige Feldwege und Schotterpisten bolzen kann die Crosstourer durchaus, für komplizierte Aufgaben jenseits davon ist sie mit vollgetankt 275 Kilogramm (DCT-Version 285) allerdings zu massig. Die Honda ist die schwerste im Vergleich - ein Handicap? Der Gewichtsaspekt habe bei der Entwicklung nicht im Vordergrund gestanden, heißt es. Das wäre auch schwierig gewesen angesichts der mächtigen Konstruktion mit dem von der VFR1200F stammenden, 95 kW (129 PS) leistenden Vierzylinder-V-Motor sowie der massiven Kardan-Einarmschwinge, die baugleich mit jener der VFR und auf deren gewaltige 174 PS ausgelegt ist.

          Elegant ins Fahrzeug integrierter Zubehör-Koffersatz

          Auf Asphalt jeglicher Qualität kann die vielseitige Maschine nach den Eindrücken einer ersten Probefahrt dafür so ziemlich alles von Fernreise bis Kurzstrecke. Sie wirkt - auch mit dem elegant ins Fahrzeug integrierten Zubehör-Koffersatz (1300 Euro) - stabil bei hohem Tempo, ist bei sehr niedrigen Geschwindigkeiten gut in der Balance zu halten und hat einen erstaunlich kleinen Wendekreis. Für schnelle Schräglagenwechsel auf kurvigen Nebenstrecken braucht sie klare Ansagen, weigert sich aber nicht. Das Arrangement von Sitzbank, Fußrasten und breitem Lenker ist bequem, die Übersicht exzellent, Rückspiegel und Cockpit-Display sind vorbildlich plaziert, das ganze Gebilde wirkt gediegen verarbeitet.

          Für Honda ist es das neue Flaggschiff einer "Crossover"-Familie, die weiter wachsen soll. Touring-Merkmale werden mit denen eines Naked Bikes vermischt und mit einer ordentlichen Prise Enduro gewürzt: aufrechte Sitzposition, moderat lange Federwege, die den Komfort steigern, und nicht zuletzt - ausdrücklicher Wunsch der Kundschaft - schöne Speichenräder mit Alu-Felge im Format 19 (vorn) und 17 Zoll (hinten). Sie sollen nebenbei flexibler auf Stöße regieren als Gussräder.

          Traktionskontrolle sowie ABS mit Kombi-Funktion (der Fußhebel aktiviert außer der Hinterradbremse auch einen Bremskolben vorn) zählen zur Serienausstattung. Gepäcksystem, Heizgriffe, Schutzbügel und dergleichen gibt es gegen Aufpreis, leider kosten mit Hauptständer, Bordsteckdose und Alarmanlage auch solche Dinge extra, die man an einem "Flaggschiff" eigentlich voraussetzt. Gar nicht anzubieten hat Honda Feinheiten wie elektrisch verstellbaren Windschild (nur mit Werkzeug), veränderbare Sitzhöhe, vom Lenker aus bedienbare Cockpitanzeigen oder ein elektronisch einstellbares Fahrwerk nach Vorbild von BMW und Ducati. Statt dessen jenes optionale Doppelkupplungsgetriebe mit zwei Automatik-Modi und der Möglichkeit manueller Gangwechsel über Tasten am Lenker. Das DCT ist überarbeitet worden und funktioniert prima, schaltet weich und ohne Zugkraftunterbrechung und kann sich mit Hilfe hinterlegter Kennfelder dem gerade praktizierten Fahrstil anpassen.

          Womit die Crosstourer in jedem Fall ihren Stich machen wird, das ist der charaktervolle V4 mit 76 Grad Zylinderwinkel und "Big Bang"-Zündfolge. Gegenüber dem VFR-Motor wurden 44 PS geopfert zugunsten eines erheblich höheren Drehmoments in niedrigen und mittleren Drehzahlen bis etwa 6000/min - also dort, wo man es im wahren Leben am ehesten nutzen kann. Dass es ganz oben dafür zäh wird, spielt keine Rolle. Druck, Durchzug, Laufkultur fühlen sich großartig an, hinzu kommt ein einzigartig pulsierender bassiger Klang des Antriebs. Honda hat kein schlechtes Blatt.

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