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Historische Fahrräder : Mit Staubbrille und Holzsattel

Augenschmaus für Nostalgieradler Bild: Michael Kretzer

Das edle Rennrand von einst gehört nicht auf den Flohmarkt. Auf Treffen von Nostalgieradlern wie der Veloica in Weinheim ist es am besten aufgehoben.

          Haben Sie noch alte Fahrräder im Keller? Das Rad vielleicht, mit dem Opa in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das knüppelharte „Paris-Roubaix Cyclo“, zu Pfingsten die mehrtägige Rhönrundfahrt über die Wasserkuppe oder im Herbst und in einem Rutsch 220 Kilometer „Rund um den Bodensee“ fuhr, diese Perlen des sportlichen Radtourismus jener Jahre? Selbstverständlich hatte Opas Rennrad einen Stahlrahmen, Reynolds 531, Tange oder Columbus. Denn gute Rennräder aus Aluminium wie die von Alan mit ihren an den Muffen verklebten Rohren waren noch Exoten.

          Hans-Heinrich Pardey

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Und vom „Kettler Alurad“ bekam ein Veloficionado Ausschlag. Karbon? Kein Gedanke. Also bitteschön, wer noch so ein Rad im Keller hat, kurz durchatmen und aufmerken: Es muss nicht unbedingt Cinelli oder Colnago drauf stehen, Raleigh zum Beispiel, Gios, Puch oder Koga-Miyata ist auch prima. Sogar Peugeot, Gitane oder Motobécane gehen durch, wenn das mit den Etiketten der Stahlsorten auf den Rahmenrohren seine Richtigkeit hat. Bitte Ruhe bewahren und, bittebitte, um Himmels willen so ein verstaubtes Velo nicht dem Entrümpler hinterherwerfen - es ist ein Schatz. Das Rad hat womöglich noch Mittelzugbremsen? Und natürlich keine rastende Schaltung, aber die noch heute butterweich gehenden Schalthebel von Simplex am Unterrohr? Felgen von Mavic und aufgeklebte Schlauchreifen, die heute natürlich platt sind und traurig vertrocknet und verdreht aussehen? Hervorragend, Originalzustand!

          Zum historischen Fahrrad gehört auch die passende Kleidung: Teilnehmer der Veloica in Weinheim Bilderstrecke

          Rennvelos für Nostalgieradler

          Solch eine Pretiose vertickt man zweitens unter gar keinen Umständen auf irgendeinem Flohmarkt für einen halben Hunni. Und drittens schenkt man das Rad nicht dem Studiosus von nebenan und auch nicht der blonden Studiosa, die es sich bloß zum Fixie umbauen und dann klauen lässt.

          Das Rennvelo von Opa gehört aber auch nicht ins Museum. Es sollte einem Nostalgieradler gehören. Einem, der noch Wolltrikots mit Brusttaschen, kleinen Mottenlöchern und rührend antiquierten Werbeaufschriften besitzt - Mico Mercier zum Beispiel oder Capri Sonne. So einer restauriert das Rad brutal (oder lässt behutsam, behutsam fachgerecht restaurieren), schlägt sich mit dem Riesenproblem der zerbröselnden Gummis der Bremsgriffe herum, treibt Reifen auf und Bowdenzüge mit dem einzig in die Griffe seines Rades und heute nirgendwo sonst passenden birnenförmigen Nippel.

          Reeanactment bei Fahrradfahrern

          Solch ein Nostalgieradler findet auf dem Flohmarkt eine antike Staubbrille, putzt Messing und hängt sich Schläuche kreuzweise über Schultern und Brust wie in den ganz frühen Zeiten des Grand Tour und der Giganten der Landstraße. Dass solches Posieren nichts mit einem Rad zu tun hat, das bestenfalls bloß vierzig Jahre alt ist - wer von den Zuschauern kann das einordnen?

          Denn darum geht es bei der velozipedistischen Variante des Reeanactment meistens wie bei der Veloica in Weinheim, wo diese Bilder entstanden: Gesehenwerden - auf einem historischen Rad mit mehr oder weniger passendem historischem Outfit. Vorbild solcher Veranstaltungen ist die L’Eroica in der Chianti-Gegend der Toskana. Den unverkennbaren Zwiespalt zwischen Schönheit und Technik hat ein Magazin für Fahrradkultur gerade geoffenbart: Eine Bilderstrecke feiert die Cicli Berlinetta, schöner Stahl in der Bundeshauptstadt, und eine Polemik geißelt, wie schrecklich Fahrräder in der Vergangenheit waren: Keines dieser Schmuckstücke fährt sich besser als ein Fahrrad von heute.

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