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Fitness-Tracker : Das Messen ist des Sportlers Lust

Chefin am Handgelenk: Die Fenix 3 von Garmin richtet sich an den Profi, sie ist in verschiedenen Varianten erhältlich. Bild: Hersteller

Jeder Schritt zählt: Fitness-Tracker erfassen die Bewegung und sportlichen Aktivitäten. Nicht alle funktionieren gut. Wir haben drei Geräte ausprobiert.

          6 Min.

          Wer sich in diesem Sommer mehr bewegen und etwas für seine Gesundheit tun will, kann auf eine ganze Armada elektronischer Hilfsgeräte zurückgreifen. Fitness-Tracker sind populär wie nie, die namhaften Hersteller bringen ein Gerät nach dem anderen heraus. Es geht um die Messung des Selbst, um die Aufzeichnung und Beobachtung sämtlicher Aktivitäten: Wie viele Schritte legt man am Tag zurück, wie hoch ist der Grundumsatz? Daten werden erhoben, in einer App oder in der Cloudwolke des Internet gespeichert, Werkzeuge zur Auswertung bereitgestellt, und es gibt sogar virtuelle Medaillen, wenn bestimmte Ziele erreicht sind.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Stetige Bewegung im Alltag ist gefragt: Die Armbänder, Tracker, Sport-Wearables sind quasi eine moderne Variante des klassischen Schrittzählers. Das Smartphone nutzen sie zum Datenabgleich. Die Erfassung übernehmen dreiachsige Beschleunigungssensoren, winzige Mikroprozessor-Module. Sie kommen bei der Steuerung von Videospielen ebenso zum Einsatz wie im Airbag des Autos. Der Kniff ist allein das Herausrechnen valider Bewegungsinformationen aus der Fülle der Sensordaten. Wurde der Arm beim Tippen am Computer bewegt oder während des Joggens? Es kommt also auf die Algorithmen an.

          Wir haben drei Produkte ausprobiert, die unterschiedlicher nicht sein könnten und jeweils eigene Akzente setzen. Am auffälligsten ist das Talkband B2 von Huawei, das auf den ersten Blick wie eine Armbanduhr mit ungewöhnlichem Gehäuse aussieht. Es ist in einer schwarzen oder weißen Ausführung für 170 Euro im Handel, eine goldene mit Lederarmband kostet 200 Euro. Wenn das Display aus dem Dämmerschlaf erwacht und in heller Schrift die Zeit zeigt, denkt man abermals an eine Armbanduhr. Indes ist das Talkband B2 ein Multifunktionstalent mit Smartphone-Funktionalität, Fitness-Tracker, Schlafüberwachung und Bluetooth-Headset. Anrufe auf dem mit Bluetooth angebundenen Telefon werden vibrierend und mitsamt Namen oder Rufnummer gemeldet, und praktischerweise lässt sich das Talkband mit zwei Smartphones gleichzeitig koppeln, etwa für ein Dienst- und Privatgerät.

          Es bleibt ein gemischter Eindruck

          Nach einem Fingerstreich zeigt das Display die Zahl der zurückgelegten Schritte des jeweiligen Tages an, die Messung erfolgt selbsttätig im Hintergrund. Ferner kann man einzelne Aktivitäten als Ereignis protokollieren. Auch die verbrannten Kalorien werden berechnet und angezeigt. Zwar ist das Talkband bei der Schrittmessung etwas großzügig, aber im Prinzip funktioniert die Erfassung gut. Die Auswertung gefällt ebenfalls. Sie erfolgt nicht im Web-Browser, man benötigt auch kein Huawei-Konto, sondern allein die gratis bereitgestellte Smartphone-App Huawei Wear, die alle Daten sammelt und übersichtlich in netten Grafiken zeigt. Der Schlaf wird ebenfalls selbsttätig erfasst, und die Daten lassen sich morgens unterteilt nach Einschlafphasen, leichtem Schlaf und Tiefschlaf auf dem Handy-Display ablesen. Apple-Jünger können alle Werte automatisch an die hauseigene Gesundheitszentrale Health übergeben lassen.

          Talkband B2: Schlafanalyse mit Bewegungsmustern. Dazu muss man das Armband nachts tragen. Bilderstrecke
          Talkband B2: Schlafanalyse mit Bewegungsmustern. Dazu muss man das Armband nachts tragen. :

          Schließlich das Bluetooth-Headset: Der Ohrenstöpsel springt einem entgegen, wenn man die beiden unteren Seitentasten gleichzeitig drückt, am Arm bleibt das Band mitsamt Halterung. Den Freisprech-Job erledigt das Huawei jedoch nicht besonders gut: Weder überzeugt der Sitz des Headsets noch seine Akustik. Selbst in der lautesten Stufe hörten wir das Gegenüber nur leise. Das Talkband B2 ist staub- und wassergeschützt nach IP 57, und der Akku hält mehrere Tage durch.

          Insgesamt bleibt ein gemischter Eindruck. Das Design ist gewöhnungsbedürftig, das konventionelle Lederarmband an goldfarbenem Gehäuse aus Plastik und Metall hat uns nicht überzeugt. Als Schrittzähler und Motivator mit App gefällt das Talkband B2, aber dafür ist es deutlich zu teuer. In dieser Preisklasse bekommt man bereits Fitness-Tracker mit kontinuierlicher Herzfrequenzmessung, wie etwa den hier unlängst vorgestellten Surge von Fitbit – oder das kleinere Fitbit-Modell Charge HR.

          Die Messung der Herzfrequenz ist bei Profisportlern gang und gäbe, und wer sich einmal an die damit einhergehenden Möglichkeiten einer erweiterten Auswertung des eigenen Workouts gewöhnt hat, geht nicht mehr ohne Pulskontrolle an den Start. Mit piepsender Pulsuhr wird bei idealer Herzfrequenz trainiert. Meist übernimmt ein Brustgurt mit eingebauten Hautelektroden die Messung, ausgewertet wird in der Uhr, im Fahrrad- oder im Gerätecomputer, die Signale werden drahtlos übertragen. Die Pulsmessung am Handgelenk mit Licht und optoelektrischem Sensor arbeitet nicht nur bei den erwähnten Fitbit-Modellen, sondern auch in der neuen Apple Watch.

          Ein weiteres Verfahren, das ohne den bei vielen Sportlern geradezu verhassten Brustgurt arbeitet, ist die Messung der Herzfrequenz mit einem Sensor im Ohr. Dazu wird Licht im Infrarotbereich in das Ohrgewebe ausgesendet und die zurückkommende Lichtstreuung zur Grundlage der Pulsmessung gemacht. Es geht also nicht um einen Clip am Ohr, sondern einen Sensor im Ohr. Wissenschaftliche Messgeräte nutzen das Verfahren schon länger, jetzt gibt es ein Produkt für den ambitionierten Laien, den Sport Pulse Wireless des dänischen Herstellers Jabra. Es handelt sich um einen Bluetooth-Ohrhörer mitsamt Mikrofon und Handy-Freisprecher, der im linken Ohrstöpsel zusätzlich den optischen Pulssensor enthält. Für die Messung ist der Sitz der Ohrenstöpsel entscheidend. Zur Anpassung ans Ohr werden verschiedene Ohrstopfen und Ohrmuschel-Klemmen mitgeliefert, man muss einige Zeit experimentieren.

          Viele Funktionen enthalten

          Hat man die richtige Hardware gefunden, dreht man die Stöpsel geradezu ins Ohr hinein. Dann ist der Sitz selbst bei hektischen Bewegungen während des Trainings gut. Zudem ist der Jabra gemäß IP 55 gegen Staub und Wasser geschützt. Nach der Kopplung mit dem Smartphone (die auch über NFC erfolgen kann), zeigt die Jabra App nicht nur die Herzfrequenz und den Akkustand, sondern erlaubt die Erfassung einzelner Workouts mitsamt späterer Auswertung in der App. Nach 45 Minuten, zum Beispiel auf dem Crosstrainer, wird die durchschnittliche und maximale Herzfrequenz angezeigt, aber auch das Durchschnittstempo und einige interpolierte Werte wie etwa den Kalorienverbrauch. Herzfrequenz (und auf dem Crosstrainer zusätzlich die Trittfrequenz) lassen sich dank der kontinuierlich erfassten Messpunkte zudem als Grafik abrufen, und man sieht sofort, wie lange man in welcher Herzfrequenz-Zone (Fettverbrennung, Kardio) trainiert hat.

          Während des Trainings kann man mit dem Jabra natürlich auch Musik hören. Zusätzlich gibt es Sprachansagen, die individuell konfigurierbar sind. Ein Läufer kann sich etwa über Herzfrequenz, Durchschnittstempo und zurückgelegte Strecke informieren lassen. Selbst die Intervalle für die Ansagen sind einstellbar. Alle Trainingsdaten sind in der App gespeichert, ein eigenes Konto muss man nicht anlegen. Zur Anpassung der persönlichen Trainingszonen lässt sich ein Ruhepuls-Test starten und, noch interessanter, der Rockport-Test zur Bestimmung der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max).

          Die vom Jabra gemessene Herzfrequenz entsprach bei unseren Versuchen den Messungen mit einem Brustgurt. So gesehen, ist der Sport Pulse Wireless ein sehr überzeugendes Produkt, das sich der Hersteller allerdings mit 200 Euro gut bezahlen lässt. Die Laufzeit des fest eingebauten Akkus liegt bei unter fünf Stunden, die Akustik der Musikwiedergabe ist ordentlich. Was fehlt? Die Option, alle Trainingseinheiten und persönlichen Daten am PC oder zumindest im Web-Browser darstellen und auswerten zu können.

          Profitechnik ab 450 Euro

          Wer von solchen Möglichkeiten der Analyse nicht genug haben kann und aus Leibesübungen eine Leidenschaft macht, sollte einen Blick auf die Fenix-3-Sportuhr von Garmin werfen, die beispielhaft zeigt, was derzeit Stand der Technik ist. Die Uhr selbst ist groß (5,1×5,1×1,55 Zentimeter), man trägt sie eher über als unter dem Hemd. In verschiedenen Ausführungen kostet sie zwischen 450 und 600 Euro, und sie ist bereits mit ihrem wuchtigen Design eine Botschaft: Hier geht es um Profitechnik, nicht mehr um Spielerei. GPS ist (neben vielen weiteren Sensoren) eingebaut, da kann Garmin eine 20-stündige Laufzeit garantieren, also genug Ausdauer nicht nur für den Marathon, sondern auch für den Triathlon.

          Die anspruchsvolle und Akku-strapazierende Herzfrequenzmessung bleibt hingegen außen vor, es gibt also keine Pulsmessung mit den neuerdings modernen photoplethysmographischen Verfahren wie bei der Apple Watch oder der Fibit Surge, sondern den Verweis auf den bewährten Brustgurt. Der wird mit ANT+ angebunden, das ist die proprietäre Funktechnik von Garmin-Tochter Dynastream, oder mit Bluetooth.

          Laufen, Schwimmen, Radfahren, Triathlon, Klettern, Bergsteigen, Skifahren, Wandern und weitere Aktivitäten lassen sich mit der Fenix 3 erfassen, die erhobenen Daten variieren je nach Sportart. Während des Laufens informiert die Uhr beispielsweise nicht nur über Zeit, Distanz und Geschwindigkeit, sondern auch über Herz- und Schrittfrequenz, Bodenkontaktzeit und Vertikalbewegung des Oberkörpers. Ferner beherrscht sie die Messung von VO2max – und gibt zudem nach dem Sport Regenerationszeiten an.

          Die Bedienung erfolgt mit den fünf Seitentasten der Uhr und einem Menüsystem, das auf modischen Schnickschnack verzichtet. Alles ist auf Effizienz hin programmiert, und die Eingewöhnungszeit ist so lang wie der Weg durch manche Menüs. Man muss ein Fan der Fenix werden, um sie vollends zu verstehen. Die Uhr macht es einem nicht leicht, aber die Beschäftigung lohnt sich. Einiges funktionierte bei uns trotzdem nicht immer gut. Etwa die Bluetooth-Verbindung zum Smartphone, mit deren Hilfe eigene Trainingsdaten in die Garmin-App übertragen werden. Sie sind fortan auch in der Cloud und auf Garminconnect im Web-Browser zu sehen, und die Möglichkeiten der Darstellung und Auswertung können über Wochen hinweg eine schöne Après-Sport-Beschäftigung sein.

          In unserem Einsatz hielt der Akku der Uhr jeweils etliche Tage durch. Das GPS-Tracking eigener Jogging- oder Wanderrunden belastet ihn am stärksten. Indes lassen sich die absolvierten Strecken dann mit hoher Genauigkeit im Web nachverfolgen. Der Activity-Tracker zählt die täglichen Schritte unabhängig von Trainingseinheiten. Der Schlaf-Tracker arbeitet vollautomatisch, zuverlässig und problemlos. Mit W-Lan lassen sich die eigenen Daten ebenfalls hochladen, und im Laufe der Zeit entdeckt man dann so sinnreiche Details wie die Unterstützung mehrerer Radsensoren, damit die Uhr ein Fahrrad anhand des Sensors erkennt. Dass sie auch Push-Notifications vom Handy anzeigt und wechselbare Designs (Watchfaces) erlaubt, sei abschließend erwähnt. Die Fenix 3 bleibt ein Gadget, das nur wenige Profisportler in allen ihren Möglichkeiten ausschöpfen werden. Das macht sie so interessant und zu einem Objekt der Begierde.

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