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Historische Fischereitechniken : In Ostsee und Adria fischt es sich ähnlich

Abendstimmung über der Adria mit Fischerbooten, gezeichnet von Luigi Divari. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Fischer noch mit solchen Segelbooten unterwegs. Bild: Luigi Divari, 30132 Venedig, Via

Eine Ausstellung in Stralsund zeigt: Die Fangmethoden venezianischer und pommerscher Fischer waren sich verblüffend ähnlich. Woher kommen diese Gemeinsamkeiten?

          Die Fangtechniken der venezianischen Fischer an der Adria wie auch der pommerschen an der Ostseeküste sind sich seit dem Mittelalter und bis in das 20. Jahrhunderts weitgehend gleich geblieben. Und sie waren sich bemerkenswert ähnlich.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Heute freilich sind sie verschwunden und beschäftigen allenfalls Volkskundler. Die aber erzählen derzeit davon in einer kleinen Ausstellung im Deutschen Meeresmuseum Stralsund unter dem Titel „Bragagna und Zeese“.

          Woher kommt die Parallelität zwischen Fischerei an der oberen Adria und Fischerei auf Bodden und Haff? Waren es die ähnlichen Bedingungen, die ähnliche Techniken hervorbrachten? An der Ostsee die flachen Boddengewässer, an der Adria die flache Lagune.

          Oder gab es einen Erfahrungsaustausch? Dass Venedig und die Ostsee-Hansestädte sich durch den Handel nahestanden, ist gewiss. Aber haben je Fischer von hier und dort gefachsimpelt?

          Bis ins Detail

          Bragozzi und Bragagna hießen jene Typen hölzerner Segelboote, die vergleichbar sind mit den Zeesenbooten an der pommerschen Küste. Bragagna und Trata hießen die Netze der venezianischen Fischer, die der pommerschen Zeesen.

          Das Prinzip war gleich: Die breiten und flachen Boote wurden an den Steven mit langen Bäumen, Spieren genannt, an Bug und Heck verlängert. An deren Enden war das Netz angebracht. Das Boot trieb quer vor dem Wind und zog so im Driftgang das steuerbord befestigte, weit geöffnete Netz hinter sich her.

          Die Ähnlichkeit der venezianischen und der pommerschen Fischerboote lässt sich bis in Details ausmachen. Den farbigen Segeln etwa, in den Zeesenbooten braun, in den venezianischen deutlich bunter. Bei beiden aber war die Farbe Nebenprodukt der notwenigen Konservierung, bestanden die Segel doch aus Leinen.

          Einen Bootstyp kennen wir noch

          Auch hinsichtlich anderer Fangmethoden verblüffen die Ähnlichkeiten. Etwa beim Langleinenfischen, einer Art hochprofessionellem Angeln, dem Fischstechen, der Fischerei mit Stellnetzen oder der Wadenfischerei, bei der das Netz Fischschwärme umschließt und dann zusammengezogen wird, was auch vom Strand aus (Strandwade) betrieben wurde.

          Spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts war es sowohl mit Bragagna als auch Zeese vorbei. Bragozzi und Bragagna verschwanden ganz. Von den venezianischen Bootstypen, die in Stralsund vorgestellt werden, kennen wir einen noch, der mit Fischerei nur im übertragenen Sinn noch etwas zu tun hat: die Gondel.

          Zeesenboote hingegen sind hin und wieder auf den Boddengewässern zu erleben, wenn auch vielfach umgebaut und mit Segeln aus Polyestergewebe. In Bodstedt am gleichnamigen Bodden gibt es jedes Jahr eine Zeesenbootregatta. Am 3. September ist es wieder soweit.

          Schöne und genaue Zeichnungen

          Die venezianische Seite an der Ausstellung in Stralsund besteht neben einigen Fotos vor allem aus den schönen und genauen Zeichnungen Luigi Divaris, der aus einer alteingesessenen venezianischen Familie stammt, früher selbst zur See gefahren ist und das Leben der Fischer auf Bragozzi und Bragagna noch kennengelernt hat.

          Seine Zeichnungen sind wegen des didaktischen Wertes geschätzt, etwa im Lagunenmuseum Fort Marghera in Venedig. Die Geschichte der Zeesenboote wird in Stralsund mit Fotos und Exponaten aus dem Bestand des Museums dokumentiert.

          „Bragagna & Zeese. Vom Fischen in der oberen Adria und an der südlichen Ostseeküste“, Deutsches Meeresmuseum im Stralsunder Katharinenkloster, bis 31. Dezember. Der im Schweriner Thomas Helms Verlag erschienene opulente Katalog kostet 29,80 Euro.

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