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Klimaneutrales Fliegen : Start-up entwickelt in Deutschland Solartreibstoffe

Konzentration bitte: Spiegel fangen in Jülich die Sonnenkraft ein. Bild: DLR

Kerosin ist billig, die Herstellkosten alternativer Flugtreibstoffe sind bislang hoch. Ein in der Schweiz erfundenes und in Deutschland weiterentwickeltes Verfahren soll das nun ändern.

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          Kerosin ist trotz der Energiekrise noch billig. Rund einen Dollar zahlen Fluggesellschaften derzeit für einen Liter des Treibstoffs. Für Fluggesellschaften, die ihre CO2-Emissionen senken wollen, ist das ein Problem, denn die Herstellkosten alternativer Energieträger liegen bislang weitaus höher. Ein in der Schweiz erfundenes und in Deutschland weiterentwickeltes Verfahren soll das nun ändern. Das Start-up Synhelion nutzt solare Wärme, um Synthesegas herzustellen. Dieses Gas stellt den Grundstoff für hochreines Kerosin dar. Im Gegensatz zu anderen derzeit diskutierten Verfahren ist es nicht notwendig, zunächst Strom zu erzeugen, um Wasserstoff herzustellen. Nach Aussage von Mitgründer Philipp Furler sinkt dadurch der Energiebedarf um rund ein Drittel. Dementsprechend nehme auch der Flächenbedarf für die Energieerzeugung ab.

          Johannes Winterhagen
          Redakteur in der Wirtschaft, Ressort Technik und Motor

          In den Laboren der Eidgenössischen Technischen Hochschule hatte eine Forschergruppe, zu der Furler gehörte, ursprünglich einen Solarreaktor entwickelt, in dem sich durch Sonneneinstrahlung das Synthesegas – ein Gemisch aus Wasserstoff und Kohlenmonoxid – direkt bildete. So faszinierend diese auf dem Dach der Hochschule in einer Versuchsanlage erprobte Technik ist, so hat sie doch einen gravierenden Nachteil: Selbst in den von der Sonne verwöhnten Gegenden der Welt scheint sie im Schnitt nur zwölf Stunden am Tag. Für die ersten Anlagen, die nun in Jülich und in Spanien entstehen, modifiziert Synhelion das Verfahren. Auf dem Erdboden verteilte Spiegel fangen die Sonnenstrahlen auf und lenken sie auf einen Empfänger. Der sitzt in einem Turm und erhitzt eine Flüssigkeit auf mehr als 1200 Grad Celsius. Zwei Drittel der Wärmemenge werden zunächst in einem künstlichen Gestein gespeichert, sodass die Anlagen zur Kraftstoffproduktion rund um die Uhr laufen können.

          „Wir werden der Erstanwender sein“

          Die Sonnenwärme erhitzt einen Reaktor, in den die Rohstoffe geleitet werden. Theoretisch würde es reichen, nur Kohlendioxid und Wasser zu verwenden, doch um klimaneutral zu ar­beiten, müsste das Kohlendioxid zuvor aus der Luft abgeschieden werden. Das wiederum ist noch sehr teuer, es kostet zwischen 600 und 1000 Euro für eine Tonne. Deshalb nutzt Synhelion für die ersten Anlagen ein aus Bioabfällen hergestelltes Gemisch aus Kohlendioxid und Methan. Perspektivisch sei der Verzicht auf biogene Stoffe allerdings möglich, verspricht Furler.

          Dass es sich bei Synhelion um ein ernsthaftes Unterfangen handelt, bestätigt Dieter Vranckx, Chef der Lufthansa-Tochtergesellschaft Swiss: „Wir werden der Erstanwender sein.“ Weit kommen seine Flugzeuge damit vorerst allerdings nicht. Die erste kommerzielle Anlage, die bis Mitte des Jahrzehnts in Spanien den Be­trieb aufnehmen soll, pro­duziert zunächst nur 500.000 Liter klimafreundlichen Flugtreibstoff jähr­lich. Doch Synhelion will schnell wachsen, wozu nicht nur eine Abnahmegarantie der Lufthansa, sondern auch das Kapital des italienischen Ölkonzerns Eni beitragen sollen. Bis zum Ende des Jahrzehnts sollen 875 Millionen Liter jährlich zu weit geringeren Kosten produziert werden.

          Lufthansa-Vorstand Christina Foerster mahnt dennoch politische Unterstützung an: „Wir brauchen wirksame CO2-Ausgleichsmechanismen.“ Ein innereuropäischer Emissionshandel allein könne das nicht lösen, denn mit London und Istanbul befänden sich zwei große Drehkreuze für den internationalen Flugverkehr direkt hinter den Grenzen der Europäischen Union. Wirksam sei die Regulierung in den Vereinigten Staaten, dort würden die Mehrkosten für klimaneutrale Treibstoffe durch Steuergutschriften vergütet.

          Mithilfe des Synthesegases könnten nicht nur Flugtreibstoffe, sondern auch synthetische Kraftstoffe für den Straßenverkehr hergestellt werden. Helmut Ruhl, Chef der großen Schweizer Autohandelskette Amag, engagiert sich deshalb für Synhelion. Am liebsten würde er die Formel 1 mit dem Solarkraftstoff beliefern.

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