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Holpriger Weg : Elektrische Scooter und Motorräder bewähren sich nicht

  • -Aktualisiert am

Ein junger Mann fährt auf einem Elektroroller der Firma Unu (Archivbild). Bild: dpa

Elektrische Kleinroller laufen recht gut. Doch stärkere Scooter und vor allem Motorräder konnten sich bislang am Markt kaum durchsetzen. Ein Überblick von BMW bis Vespa.

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          Zwar sind auch die Anteile der elektrisch angetriebenen Autos noch immer bescheiden, doch registriert das Kraftfahrt-Bundesamt immerhin deutliche Steigerungsraten. Nicht nur bei Plug-in-Hybriden, sondern auch bei vollelektrischen Fahrzeugen. Anders und je nach Segment höchst unterschiedlich ist die Situation für die Zweiräder, bei denen Hybride aus technischen Gründen unbekannt sind und das auch bleiben werden. Ob die für Zweiräder nicht ausgelobten staatlichen Förderprämien eine Ursache der mageren Nachfrage sind, mag sein, muss es aber nicht; der Erfolg der elektrischen Fahrräder demonstriert eindrucksvoll, dass neue Technologien dann auf die Überholspur finden können, wenn sie für den Nutzer vorteilhaft erscheinen. Weil Reichweite im urbanen Kurzstreckenverkehr kein entscheidendes Kriterium darstellt, sind elektrische Kleinroller wie der aus China stammende Niu, der deutsche Kumpan oder auch die E-Schwalbe des ebenfalls deutschen Herstellers Govecs mittlerweile flügge geworden, während elektrische Motorräder noch eine Rarität auf den Straßen darstellen. Ein Überblick:

          Deutschlands Zweiradmarkt erlebt im Corona-Jahr 2020 eine Sonderkonjunktur: Offenbar investieren viele ihr nicht in Fernreisen gestecktes Geld in neue Motorräder oder Roller. Hinzu kommt, dass das zum Ende des vergangenen Jahres modifizierte Führerscheinrecht – Klasse-B-Besitzer dürfen mit überschaubarem Aufwand und ohne Prüfung 125er fahren – zu extrem gestiegener Nachfrage nach Leichtkrafträdern und -rollern führt. Welche Rolle hier der Corona-Effekt spielt, lässt sich nicht klar fassen; für nicht wenige Arbeitnehmer sind volle Busse und Bahnen deutlich weniger attraktiv als früher. Allerdings: Die zulassungspflichtigen Elektro-Zweiräder können sich nur höchst eingeschränkt in Szene setzen. So notiert der europäische Zweiradhersteller- und Importeursverband ACEM bei den auf 45 km/h beschränkten Mopeds im ersten Halbjahr 2020 einen Elektroanteil von 22,3 Prozent (Vorjahr 21,2 Prozent), während die elektrischen Fahrzeuge unter den Motorrädern nur auf 1,7 Prozent (Vorjahr 1,0 Prozent) kommen. Die Industrie packt es aber trotzdem an: Eben erst hat Peugeot angekündigt, die gesamte Rollerflotte mit 50 ccm werde elektrifiziert. BMW hat schon vor längerer Zeit verlauten lassen, dass keine neuen Benzin-Scooter mehr entwickelt werden.

          Beschränkte Reichweite und hoher Preis

          Insbesondere bei den Maschinen mit einer Leistung von 48 PS (35 kW) aufwärts, also den echten Motorrädern, greift der Verbraucher nur in den seltensten Fällen zu einem Elektroantrieb. Die arg beschränkte Reichweite, der hohe Preis und das Lade-Kuddelmuddel machen die wenigen erhältlichen Modelle nicht besonders attraktiv. Noch am häufigsten verkaufen sich in Deutschland Modelle des einstigen Start-ups Zero Motorcycles aus Kalifornien: Der Absatz hierzulande ist in den ersten acht Monaten dieses Jahres von 150 im Vorjahr auf 250 gestiegen; das 67-Prozent-Plus resultiert nicht zuletzt daher, dass der Hersteller auch eine Version mit 11 kW im Programm hat. Der Zero-Spaß beginnt mit rund 12.500 Euro, er kann aber auch gut 21.000 Euro kosten.

          Ebenfalls schon einige Jahre auf dem Markt ist die norditalienische Marke Energica mit den derzeit drei Modellen Ego, Eva und EsseEsse9, alle mindestens 80 kW stark und 200 km/h schnell. Unter 20.000 Euro bleibt mit einer Energica nur, wer am Akku spart. Stückzahlen nennt Energica nicht. Ebenfalls zu den Raritäten gehört Harley-Davidsons seit Jahresbeginn erhältliche Livewire, das derzeit einzige Elektromotorrad eines Großserienherstellers. Rund 33.000 Euro beträgt die Eintrittsgebühr in den exklusiven Club, auch deshalb ist das Modell eher ein technisches Leuchtturm-Projekt als eines, mit dem sich große Umsätze machen lassen.

          Nichts für die Alpentour

          Wer heute ein ausgewachsenes Elektromotorrad fahren und die beeindruckende Fahrdynamik dieser Spezies genießen will, darf keine größeren Reisen damit im Sinn haben. Die Praxis-Reichweiten liegen um 150 Kilometer, mit viel Gefühl am Leistungsregler mag man auch mal 200 Kilometer weit kommen. Was sich in absehbarer Zeit wohl kaum ändern wird. „Eine elektrische GS ist aus heutiger Sicht nicht vorstellbar“, sagt Markus Schramm, Leiter von BMW Motorrad. 500 freudig absolvierte Alpenkilometer am Tag schafft wohl auch in zehn Jahren kein Modell.

          Natürlich verfügen die Bayern mit dem DC Roadster über ein elektrisches Concept-bike. Ob aus ihm demnächst ein Serienmotorrad wird? Eben erst hat sich BMW diverse Modellbezeichnungen schützen lassen, die mit „DC“ beginnen und von 01 bis 09 reichen. Dazu kommen zwei weitere, nämlich CE 02 und CE 04, was bedeuten könnte, dass der schon seit 2014 auf dem Markt befindliche vollelektrische BMW-Scooter C Evolution mit 19 kW Dauer- und 35 kW Spitzenleistung sowie 160 Kilometer Reichweite für rund 15.000 Euro demnächst als CE 04 zur zweiten Karriere startet. Vielleicht geht zudem der 2017 als Concept Link vorgestellte, deutlich kleinere, dafür stark vernetzte Klein-Scooter als CE 02 an den Start.

          An ihre Benziner-Schwester kommt die elektrische Vespa nicht heran

          Die Beauty unter den Scootern ist zweifellos die elektrische Vespa Elettrica, erhältlich als Version mit 45 oder 70 km/h. Die ewig junge Lady bietet eine Praxisreichweite von rund 70 Kilometern, realisierbar nach vierstündigem Laden an der Haushaltssteckdose. Mit 6220 beziehungsweise 6520 Euro ist die Elektro-Wespe kein billiges Vergnügen, fürs selbe Geld erhält man auch die 24 PS starke Vespa 300 mit Benzinmotor. Sie verkauft sich wie geschnitten Brot, ist das in Deutschland – nach der BMW GS – am zweithäufigsten verkaufte Zweirad. Ihre elektrische Schwester taucht in der Erfolgsstatistik der Italiener nicht auf.

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