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Probefahrt Elektro-Hummer : Saurier unter Strom

  • -Aktualisiert am

Der Hammer: Auch als Elektriker ist der Hummer riesig. Bild: Hersteller

Der martialische Hummer feiert jetzt ein Comeback als Elektroauto. Geld spielt keine Rolle, und der Strom kommt aus der Steckdose.

          2 Min.

          In der Natur hat die Evolution die Saurier dahingerafft. Doch auf der Straße funktioniert es genau andersherum, und mit dem Wandel zur Elektromobilität kommt jetzt vielleicht das rückständigste Auto aller Zeiten zurück. Denn als Antwort auf elektrische Massen- und Machoautos wie den Ford F-150 Lightning oder den Ri­vian R1T bringt General Motors einen elektrischen Pick-up und holt dafür keinen geringeren als den Hummer aus der Büchse der Pandora.

          Während des Golfkriegs als wichtigstes Einsatzfahrzeug der Wüstenstürmer jeden Abend in den TV-Nachrichten, ist der ebenso mächtige wie martialische Ge­ländewagen danach im Zivildienst zum Lieblingsauto der Stars avanciert. Während Arnold Schwarzenegger im Hummer durch Hollywood rollte, wurde das Ungetüm zugleich zum Inbegriff der automobilen Unvernunft und fuhr als Symbol für ebenso überflüssige wie überdimensionierte SUVs an den Pranger – bis die Marke 2010 eingestellt und im Stammwerk ausgerechnet der Chevrolet Volt und sein hessischer Zwilling Opel Ampera gebaut wurden. Doch weil Elek­tromotoren offenbar jeden Irrsinn rechtfertigen, Batterien Balsam auf dem Um­weltgewissen sind und der Strom ja be­kanntlich aus der Steckdose kommt, lebt der Saurier wieder auf.

          Äußerlich bis auf den LED-Kühler mit seinem imposanten Hummer-Schriftzug nahezu unverändert, genauso kantig und mit 2,20 Meter Breite und bald sechs Meter Länge auch ähnlich gigantisch, in­nen aber mit riesigen Bildschirmen auf der Höhe der Zeit, wird er einmal mehr zu einem furchteinflößenden Koloss aus Stahl, dem man bereitwillig die linke Spur räumt.

          Doch die Einstellung zum Auto ändert sich mit dem Platz. Wer nicht zum Hummer aufschaut, sondern aus ihm heraus, der fühlt sich nicht nur unverwundbar, sondern kann sich auch einer gewissen Faszination nicht entziehen. Schließlich genügt der Schattenwurf des kleinen Zehs auf dem Fahrpedal, um die Welt der Physik zum Einsturz zu bringen.

          Ohne jedes Getöse katapultiert der Hummer seinen Fahrer in weniger als drei Sekunden auf Tempo 100 km/h. Bilderstrecke
          Probefahrt Elektro-Hummer : Saurier unter Strom

          Selbst ein Supersportwagen wirkt seltsam zahm und zahnlos, wenn die drei Elektromotoren den gut und gern drei Tonnen schweren Koloss ohne jede Vorwarnung und ohne jedes Getöse in weniger als drei Sekunden auf Tempo 100 km/h katapultieren, als sei die Trägheit der Masse nur eine Mär. Selbst die steilsten Berge sind für den Hummer nicht viel mehr als Bodenwellen, und wer mit dem Pick-up im Krebsgang schräg statt vorwärtsfährt, weil die Hinterachslenkung und der Allradantrieb ohne mechanische Verbindung auch die verrücktesten Ma­növer möglich machen, der wird umgehend zum Star bei Youtube.

          Weil aber in Wahrheit selbst ein Hummer die Physik nicht aushebeln kann, müssen die GM-Ingenieure einen irrwitzigen Aufwand treiben. Sie installieren deshalb nicht nur 1000 PS und 1600 Nm, sondern die mit einer Nettokapazität von 210 kWh größte Batterie, die bisher in eine Art Auto eingebaut wurde. Zum Vergleich: Der Mercedes EQS hat nicht einmal halb so viele kWh. Doch mit dem 900 Kilo schweren Akkupaket schafft der Hummer eine Reichweite von 500 Kilometer. Der Preis für die First Edition liegt bei 110.000 Dollar. Später soll er mit ei­nem kleineren Akku und nur 830 oder gar ärmlichen 625 PS auf weniger als 80.000 Dollar sinken.

          Übermäßiges Format, irrwitzige Fahrleistungen – selten lagen Faszination und Furcht so nah beisammen wie bei diesem Auto. Doch keine Sorge: Zumindest in unserem Breiten wird kaum je­mand dieses Dilemma je auflösen müssen. Erstens hat General Motors für den Export aussichtsreichere elektrische Mo­delle wie den Cadillac Lyriq als Angebot für Europa. Zweitens ist der Hummer in Amerika so begehrt, dass das allererste Exemplar im Frühjahr für 2,5 Millionen Dollar versteigert wurde und sich selbst Gebrauchte für das Dreifache des Neupreises versteigern lassen. Deshalb wird in Detroit fürs Erste niemand im Traum daran denken, ein paar Exemplare für den Export abzuzweigen.

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