https://www.faz.net/-gy9-acxam

Hochvolt-Batterien im Auto : Spannung ist garantiert

Vorsicht, Strom! Arbeiten sind nur mit Schutzkleidung zulässig. Bild: Volvo

Automechaniker müssen in Zukunft auch die Batterien der Elektroautos reparieren können. Dafür ist eine Zusatzqualifikation notwendig.

          3 Min.

          Immer mehr Autohersteller bekennen sich zur Elektromobilität. Nicht alle preschen so weit vor wie Volkswagen oder Volvo, die schon mittelfristig nur noch Elektroautos verkaufen wollen, doch dass die Zahl der strombetriebenen Fahrzeuge stetig steigen wird, steht außer Frage. Das ändert vieles, auch in der Werkstatt. Zwar erfordern Elektroautos zunächst einmal weniger Wartungsaufwand, denn es fehlen schlicht viele Baugruppen wie Tank oder Auspuff, und die Getriebe beziehungsweise Motoren dieser Autos sind mechanisch viel weniger komplex als die Verbrenner-Technik. Aber: Was die alte Autowelt nicht kennt, ist die Hochvoltbatterie.

          Boris Schmidt
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          In ihr steckt – und das auch bei Plug-in-Autos, die beide Welten vereinen – die Energie, die zum elektrischen Fahren nötig ist. Die Akkus sind schwer und teuer, und es liegen 400 Volt Spannung an, in manchem Modell wie dem Porsche Taycan oder dem Hyundai Ioniq 5 sogar 800 Volt. Das ist per se gefährlich, vor allem, weil man die Batterie nicht abschalten kann. Die Spannung liegt an, selbst wenn sie spannungsfrei geschaltet, also vom Auto getrennt ist. Nun sind Elektroautos für eine moderne Werkstatt zunächst kein Buch mit sieben Siegeln. Längst ist die Berufsbezeichnung Kraftfahrzeug-Mechaniker in den Mechatroniker übergegangen, und seit 2013 ist das Elektroauto Bestandteil der Ausbildung. Der Abschluss bringt automatisch die Hochvolt-Qualifikation 3.1 mit sich, die zu Arbeiten am Hochvoltsystem im spannungsfreien Zustand berechtigt, also zum Beispiel zum Austausch der kompletten Batterie.

          Das werde aber in Zukunft nicht mehr genügen, sagt man bei Volvo Deutschland, schon weil die Zahl der Elektroautos immer weiter steigt und damit der Bedarf an Werkstattpersonal, das im Zweifel nicht nur tauschen, sondern auch eine defekte Batterie reparieren kann. Doch dazu ist die Hochvolt-Qualifikation 3.3. nötig, so ist es durch die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) institutionell geregelt. Sebastian Hillenbach, bei Volvo Deutschland für Hochvolttechnik zuständig, sagt, die Branche vernachlässige dieses Feld noch. Volvo fühle sich als Vorreiter und schule im Trainingszentrum in Dietzenbach bei Frankfurt gezielt Mechatroniker aus dem eigenen Händlernetz auf die 3.3-Qualifikation. Der Lehrgang umfasst vier Tage, wobei zwei auf ein Online-Selbststudium entfallen. Zwei Tage Training vor Ort sind Pflicht.

          Zum Abschluss gibt es eine Prüfung, durch die man durchfallen kann. Hillenbach sagt: „Was wir hier machen, ist kein Spaß, sondern eine hoch verantwortungsvolle Tätigkeit.“ Als sogenannter Drei-Dreier ist ein Mechatroniker befähigt, an einer unter Spannung stehenden Hochvoltbatterie zu arbeiten, um zum Beispiel ein defektes Modul auszutauschen. Im Volvo XC 40 P8, dem zurzeit einzigen rein elektrischen Modell der schwedischen Marke, sind es beispielsweise 27 Module, aus denen sich die Batterie zusammensetzt. Die Arbeiten, falls notwendig, sind aufwendig, allein das Ausbauen der 500-Kilo-Batterie dauert acht Stunden. Aber, so sagt Hillenbach, es sei ein privilegiertes Arbeiten, hochkomplex, anspruchsvoll, und eine Batterie sei nie schmutzig.

          Außer der 3.3-Qualifikation muss die Werkstatt für Hochvoltarbeiten bestimmte Kriterien erfüllen. Es muss genügend Platz vorhanden sein, und Schrauben ist nur mit Schutzausrüstung wie Gesichtsvisier, Handschuhen, die bis zu 1000 Volt absorbieren, Spezialschuhen und schwerentflammbarer Kleidung erlaubt. Ein weiterer Mitarbeiter muss in Rufweite sein, für den Notfall muss ein Rettungshaken aus Kunststoff bereitliegen, um eine Person aus dem Gefahrenbereich ziehen zu können. Vieles ist durch die DGUV geregelt, manches aber nicht. So ist vollkommen offen, ob ein Hochvoltmechaniker einen Azubi am Objekt unterrichten kann. „Es existiert einfach keine Regel“, klagt Hillenbach.

          In Dietzenbach wird sozusagen am lebenden Objekt geschult, es sind echte Batterien, keine Dummies, an denen gearbeitet wird. Die 3.3-Qualifikation gilt in der gesamten Branche, Volvo wäre bereit, Mitarbeiter anderer Marken oder von Freien Werkstätten zu betreuen, diese müssten selbstverständlich den Kursus bezahlen. Für die Volvo-Betriebe ist der 3.3er-Kurs in der Weiterbildungspauschale enthalten, die jeder Händler zahlen muss. Im Übrigen halte sich die Investition für den einzelnen Händler in Grenzen, sagt Hillenbach. Die Investitionen für benötigte Werkzeuge blieben im vierstelligen Rahmen, ein sogenannter Balancer, mit dem ein neues Modul auf den gleichen Ladelevel gebracht werden muss wie die alten, koste aber rund 3000 Euro.

          Hillenbach ist sicher, dass dies lohnende Investitionen für die Zukunft sind. Volvo-Betriebe, die 3.3-Mitarbeiter haben, können für andere einspringen, die nicht über qualifiziertes Personal verfügen. Ein knappes Drittel der gut 300 Volvo-Betriebe hat mindestens einen zertifizierten 3.3er-Mitarbeiter. Wenn hier immer in der männlichen Form geschrieben wurde, hat das einen guten Grund: Unter den vielen 3.3-Schülern sei leider noch keine einzige Frau gewesen, berichtet Hillenbach.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Richtig was los: Der Hamburger Dom hat wieder eröffnet.

          Schutz für Geimpfte : Delta-Variante ist kein „Impfkiller“

          Stecken sich Geimpfte wegen der Delta-Variante häufiger an und infizieren andere? Die Studien deuten nicht darauf hin. Infizierte Geimpfte könnten von Antikörpern profitieren.
          Die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock am 3. August in Berlin

          Grüne Ideen : Baerbock will Ministerium für Einwanderung

          Die Einwanderungspolitik müsse aus dem Innenministerium herausgelöst werden, sagte die Kanzlerkandidatin der Grünen. Das Thema solle nicht mehr unter dem Blickwinkel der Sicherheit sondern der Gleichstellung betrachtet werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.