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Fahrbericht E-Bike Victoria : Der Bulle und die Breitreifen

Breit aufgestellt: Zweirädriges SUV von Victoria Bild: Wille

Flott durch den Winter: Victoria setzt auf die SUV-Mode und präsentiert das E-Bike eAdventure 11.9 mit Komplettausstattung und Riemenantrieb.

          3 Min.

          Der Vater, Jahrgang 1927, besaß eine Victoria, 250 Kubik. Für damalige Verhältnisse, in den helmfreien Fünfzigern, war das ein großes Motorrad, ein flottes Ding, auf das man stolz sein durfte. Eines Tages, noch recht frisch vermählt, fuhr er mit der Victoria und seiner jungen Frau, einem noch flotteren Ding als die Victoria und einem weiteren Anlass, stolz zu sein, vom Nordhessischen aus an den Nürburgring. Was der Grund dafür war, ist nicht überliefert, von etwaiger Motorsportbegeisterung in der Familie war später nie die Rede, zum Nachfragen ist es nun zu spät. Überliefert indes ist, dass auf der Rückfahrt am Abend ins Nordhessische die junge Frau auf dem Rücksitz immer wieder einzuschlafen drohte und durch sanften Knuff mit dem Ellbogen wachgehalten werden musste. Es war ein langer Tag.

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          Was hat das mit dem Pedelec zu tun, um das es hier geht? Nun, es hat keinen Rücksitz, trägt aber den Namen der 1886 in Nürnberg gegründeten, einst ruhmreichen Zweiradmarke Victoria, die 1958 in der Zweirad Union aufging, 1966 bei den Hercules Werken landete und schließlich verschwand. Und es ist ein flottes Ding, keines jener biederen E-Bikes, deren Anblick zum Gähnen ist.

          Die Victoria-Markenrechte hält heute der Fahrradanbieter Hartje, und mit dem neuen eAdventure 11.9 folgt er einem Phänomen, das im E-Bike-Markt allem Anschein nach um sich greift. Auch das Elektrofahrrad wird von der SUV-Mode gepackt. Das eAdventure 11.9 tritt als alltagstaugliches Transportmittel in Komplettausstattung an, mit Lichtanlage, Schutzblechen und Gepäckträger sowie der Besonderheit von breiten Stollenreifen. Deren Vorzüge greifen auf Wald- und Schotterwegen, nicht zuletzt aber auch auf den Holperstrecken unserer Städte. Die Wulstreifen sorgen für satte Erdung, dämpfen Schläge und unterstützen somit die Arbeit der Vorderradgabel mit immerhin 100 Millimeter Federweg. Somit gestaltet sich die Fahrt recht kommod, gleichwohl werden Langstreckenpendler über die Anschaffung eines gefederten Sattels nachdenken als Ersatz für das starre Serienteil des 4200 Euro kostenden Victoria-SUV. Verfügbar ist es in zwei Rahmenformen: als Herrenversion mit klassischem Oberrohr einerseits (siehe Abbildung), in der Wave-Form mit komfortablem Durchstieg andererseits.

          Nächster Halt: die Reifen mit fetten Stollen Bilderstrecke
          Fahrbericht : E-Bike von Victoria

          Man sitzt nicht betont aufrecht, sondern aktiv und sportiv, gewissermaßen mountainbikig mit den Händen am Breitlenker, dem Oberkörper in Vorlage, dennoch langstreckentauglich und ermüdungsfrei. Alles liegt tadellos zur Hand, das übersichtliche Intuvia-Display des Bosch-Antriebssystems gut im Blick. Spikes an den Pedalen verzahnen sich mit den Schuhsohlen, was speziell im Winter hilft. Die hintere Radabdeckung tritt dem Schmuddel wirkungsvoll entgegen, die vordere dürfte gern länger sein.

          Weil das eAdventure 11.9 mit einem Karbon-Antriebsriemen von Gates ausgestattet ist, muss man sich um Kettenpflege keine Gedanken machen. Allerdings ist ein Riemen nicht mit einer Kettenschaltung kompatibel, Victoria greift daher auf eine Nabenschaltung mit Drehschalter am Lenker zurück, die lediglich fünf Gänge aufweist. Sie funktioniert tadellos, hat jedoch den Nachteil einer relativ weiten Spreizung zwischen den einzelnen Stufen. Vor allem zwischen den Gängen drei und vier klafft eine Lücke, was bei etwa 25 km/h auffällt, wo manchmal, besonders an leichten Steigungen, weder der eine noch der andere richtig passt, was ein Hin-und-Herschalten zur Folge hat. Ähnliches gilt für die Gänge vier und fünf ungefähr bei Tempo 30, also jenseits der elektrischen Unterstützung, die vorschriftsmäßig bei 25 km/h endet. Der fünfte Gang eignet sich allein für Geschwindigkeiten von knapp 30 km/h und mehr, die sich auf abschüssigem Weg spielend erreichen lassen oder mit Rückenwind in der Ebene.

          Der sanfte Übergang vom elektrischen Hilfsschub zum freien Treten jenseits von 25 km/h ist einer der Vorzüge des Bosch-Motors der Sorte Performance Line CX, der auf Wunsch außerordentlich bulligen Schub bis 85 Nm Drehmoment liefert und vier Fahrmodi bietet. Kein Ruckeln, kein Rupfen – ein fein abgestimmter, kultivierter Antrieb, den wir schon in anderen E-Bikes kennengelernt haben. Ein 625-Wh-Akku liefert die benötigte Energie. Geladen wird über eine Buchse im Alurahmen, deren leider labberige Gummiabdeckung dem wertig erscheinenden Rad unwürdig ist. Alternativ kann der ­„Power­tube“-Akku zum Laden entnommen werden. Allerdings sind Aus- und Einbau eine unsympathische Fummelei und genau genommen eine Zumutung. Besser, man ist nicht aufs Herausnehmen angewiesen, sondern hat eine Steckdose in Ladekabellänge vom Abstellplatz entfernt.

          Ansonsten viel Freude am Fahren mit dem Victoria. Leichtfüßiger Antritt, agiles Handling, souveräne Shimano-Scheibenbremsen, Lichtanlage mit 80-Lux-Scheinwerfer und nicht zu vergessen: schöner Name mit Tradition.

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