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Frank-Holger Appel (hap.)

Elektroauto im Winter : Kalt erwischt

  • -Aktualisiert am

An einer Ladesäule in Bayern Bild: dpa

Mit dem Elektroauto im Winter? Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Da sollten auch die Autolobbyisten vom VDA seriös bleiben.

          1 Min.

          Die Wahrheit liegt auf dem Platz, weiß jeder Fußballer. Testet mal ein Elektroauto in diesen kalten Tagen, bittet uns ein Kollege. Aber gern. Wie wir lesen, ist mittlerweile sogar der sich nach Anerkennung sehnende Verband der Automobilindustrie der Meinung, Elektroautos seien nicht nur der richtige Weg in die Zukunft, sondern funktionierten schon heute wunderbar. Der Verband bemüht Joko Winterscheidt, der gesagt haben soll, man müsse sich inzwischen auf der Toilette beeilen, wenn man sein Gefährt lade.

          Der Moderator ist Autofan mit Humor, und so wissen wir nicht um den Zusammenhang. Die Interessenvertretung der Autoindustrie jedenfalls sollte auf seriösem Boden stehen. Also los bei 4 Grad Außentemperatur mit einem kompakten Elektroauto neuester Generation zu einem 40 Kilometer entfernten Termin. Davon zwei Drittel Autobahn, die wir mit Tacho 140 km/h befahren. Am Ziel sind laut Anzeige 120 Kilometer Reichweite verbraucht. Der Wagen saugt bei diesem Tempo also das Dreifache aus dem Akku. Seine Reichweite sinkt so auf rund 100 Kilometer. Lädt er wenigstens binnen eines Toilettengangs? Am Schnelllader fließen nur 38 kW in der Spitze.

          Wir hocken eineinhalb Stunden an der Ladesäule. Wer bei der Realität bleibt, weiß: Kalte Tage sind Gift fürs Elektroauto. Mehr als 110 km/h auch. Es lädt nie so flink wie im Prospekt versprochen. Es taugt eigentlich nur als Zweitwagen für die Stadt. Dafür sind mindestens 35.000 Euro auszugeben. Der Zuwachs der Zulassungszahlen gelingt logischerweise nur mit Subvention. All das muss nicht so bleiben, die Technik macht Fortschritte. Aber Stand heute sollte den Menschen nichts vorgegaukelt werden. Die Wende wird politisch erzwungen, Vorteile in der Nutzung sind bis auf lokale Emissionsfreiheit, Geräusch und Drehmoment bislang nicht erkennbar.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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