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Vorwürfe gegen norwegische Polizei : Ein Boot mit Motorschaden, kein Hubschrauber

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Immer mehr Details über das Massaker auf der Insel Utøya werden bekannt. Hätte ein früheres Eintreffen der Polizei Menschenleben retten können? Warum konnte Anders Breivik dort eineinhalb Stunden morden?

          Anders Behring Breivik trug noch einen größeren Vorrat an Munition bei sich, als er von einem Sonderkommando der Osloer Polizei auf der Insel Utoya festgenommen wurde. Nach Angaben von Polizeichef Sveinung Sponheim ergab er sich sofort und leistete keinen Widerstand. Wäre die Einsatzgruppe später eingetroffen, sagt Sponheim, hätte der Attentäter möglicherweise noch mehr junge Menschen erschossen. 68 Leben wurden durch die Wahnsinnstat des Massenmörders Breivik nach den am Montag revidierten Angaben allein im Sommerlager der sozialdemokratischen Arbeiterpartei ausgelöscht. Aber je mehr Einzelheiten über das Geschehen auf Utoya bekannt werden, desto häufiger wird in der norwegischen Öffentlichkeit auch die Frage gestellt: Hätte ein früheres Eintreffen der Polizei nicht Menschenleben retten können?

          Die Polizeiführung stellt sich diesen Fragen. Mit einer Darlegung über den zeitlichen Ablauf des Einsatzes versucht sie zu erklären, dass die Reaktionszeit von einer Stunde unter den besonderen Umständen realistisch und auch als angemessen zu rechtfertigen sei. Um 15.22 Uhr am Freitagnachmittag war im Stadtzentrum von Oslo die von Breivik gezündete Autobombe explodiert. Sie verwandelte das Regierungsviertel in eine Art Kriegsgebiet und zerstörte einige Gebäude so schwer, dass sie vielleicht abgerissen werden müssen. Dieser schwere Anschlag und die Bewältigung der unmittelbaren Folgen, die Ungewissheit über die Identität möglicher Attentäter und die Befürchtung, es könnten in der Stadt weitere Bomben explodieren, habe verständlicherweise alle verfügbaren Polizeikräfte gebunden.

          Das erste Boot erlitt einen Motorschaden

          Ab etwa 17 Uhr mordete Breivik auf Utoya. Um 17.27 Uhr traf die erste Meldung über eine Schießerei auf der Insel ein. Um 17.38 Uhr erging ein offizielles Hilfsersuchen an die Osloer Polizei, und die erteilte dem wegen des Bombenattentats alarmierten Sondereinsatzkommando umgehend den Einsatzbefehl. Um 18.09 Uhr erreichten die Polizeibeamten mit ihren Fahrzeugen das Ufer des Tyrifjordes, das Utoya am nächsten liegt. Dass die Überfahrt knapp zwanzig Minuten in Anspruch nahm, war dem Umstand zuzuschreiben, dass ein zunächst benutztes Boot, wie mehrere norwegische Zeitungen am Montag berichteten, offenbar wegen Überlastung einen Motorschaden erlitt. Das kostete das Einsatzkommando noch einmal wertvolle zehn Minuten

          Um 18.25 Uhr ging es an Land. Zwei Minuten später wurde Breivik festgenommen. Er war angeblich mit einer Pistole und einen Schnellfeuergewehr oder einer Maschinenpistole bewaffnet. Einzelheiten über die benutzen Waffen hat die Polizei bislang nicht mitgeteilt. Eine zweiköpfige Patrouille der örtlichen Polizei soll schon um 17.52 Uhr am Ufer des Tyrifjords eingetroffen sein. Sie wartete dort auf das Sondereinsatzkommando. Utoya liegt mehr als zwanzig Kilometer nördlich von Oslo.

          Nur einen Hubschrauber für Überwachungsaufgaben

          Ein Hubschrauber stand der Kommandogruppe der Polizei nicht zur Verfügung. Sie ist bei ihren Einsätzen auf Transportkapazitäten der Streitkräfte angewiesen. Die Osloer Polizei hat nur einen für Überwachungsaufgaben aus der Luft mit Spezialkameras ausgerüsteten Hubschrauber, der keine zusätzlichen Lasten tragen kann. Außerdem hatte man die Besatzung, oder einen Teil von ihr, für die Hauptferienzeit im Juli vier Wochen in den Urlaub geschickt. Erst gegen 21 Uhr am Freitagabend soll sich dieser Hubschrauber über Utya in der Luft befunden haben. Selbst wenn er früher zum Einsatz gekommen wäre, hätte das den „Ablauf der Katastrophe mit Hinsicht auf das Leben oder die Gesundheit“ der Opfer nicht ändern können, versicherte der zuständige Polizeiinspektor Johan Fredriksen im Fernsehen. Ernsthafte Vorwürfe über mögliche Versäumnisse der Polizeiführung sind aber bisher nicht erhoben worden.

          Zu den ersten, die der Attentäter auf Utya tötete, zählte ein 51 Jahre alter Beamter der Osloer Polizei, der nicht im Dienst war, sondern in seiner Freizeit Aufgaben im Lager übernommen hatte und keine Waffe trug: Trond Berntsen, ein Stiefbruder der norwegischen Prinzessin Mette-Marit. Er wurde laut der Zeitung „Dagbladet“ erschossen, als er seinen zehn Jahre alten Sohn schützen wollte. Dieser überlebte.

          Hohe Waffendichte in Norwegen

          Drei Waffen waren nach bislang unbestätigten Medienberichten auf den Attentäter Anders Breivik zugelassen, auf seine Mitgliedschaft in einem Osloer Schützenverein hat er selbst hingewiesen. Weder für Munition noch für die Zahl der Waffen in Privatbesitz sieht das geltende norwegische Waffenrecht nach Auskunft der Polizei eine Obergrenze vor; für jede einzelne Waffe müssen die angehenden Besitzer jedoch vor dem Kauf eine Erlaubnis einholen. Die Polizei hat den Bestimmungen gemäß dann zu überprüfen, ob ein Bedarf für den Besitz der Waffe vorliegt.

          Auch die Dum-Dum-Munition, die Breivik für das Massaker nach Berichten von Ärzten über die Verletzungen der Opfer des Massakers auf der Insel Utya benutzt haben soll, ist nicht verboten. Für die Jagd etwa auf Elche seien solche Geschosse unverzichtbar, sagte ein Polizeisprecher. Automatische Waffen wie eine Maschinenpistole jedoch seien nicht erlaubt. Seit Sommer 2010 sind außerdem verschließbare Schränke oder Kisten zur Aufbewahrung vorgeschrieben.

          Sowohl der Schießsport als auch die Jagd sind populär in Norwegen. Das Land, in dem jeden Dezember der Friedensnobelpreis verliehen wird, hat deshalb eine vergleichsweise hohe Dichte legaler Waffen für den zivilen Gebrauch. Auf knapp fünf Millionen Einwohner kommen rund 1,3 Millionen offiziell registrierte einsatzfähige Schusswaffen. In der Rangliste der Genfer Forschungsinitiative „Small Arms Survey“ liegt Norwegen mit einer Quote von 31,3 Waffen je 100 Einwohner auf dem elften Platz. Zum Vergleich: Für die Vereinigten Staaten gehen die Forscher von 88,8 Waffen je 100 Einwohner aus, in Deutschland sind es nach amtlichen Angaben 11,4.

          An einer Verschärfung des Waffenrechts arbeitet das norwegische Justizministerium nach Auskunft des Osloer Strafrechtsprofessors Jon Thorvald Johnsen seit rund einem Jahr. „Die Debatte darüber kommt regelmäßig, wenn in Norwegen ein Mord mit einer zugelassenen Waffe begangen wird.“ (lzt.)

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