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E-Mountainbikes : Bergauf mit Flow

  • -Aktualisiert am

Mit dem E-Mountainbike öffnen sich neue Horizonte Bild: Hersteller

Das E-Mountainbike als Krücke für die, die nicht allein auf den Berg hochkommen? Das war gestern. Plötzlich wollen alle elektrisch fahren. Wir zeigen, was die Geländegänger alles können.

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          Es macht schon Freude, mal wieder richtig früh recht gehabt zu haben. Nach der ersten Tour mit einem Mountainbike, das einen elektrischen Hilfsmotor hatte, es ist wohl etwas mehr als ein halbes Dutzend Jahre her, da stand für den Verfasser fest: Diese Dinger werden ein Renner. Aber zunächst einmal galt es, eine harte Durststrecke durchzustehen. Häme, Anfeindungen und milde Witzeleien waren jedoch zumeist von keinerlei praktischer Erfahrung mit dem verteufelten Fahrradtyp gestützt, sondern nur von einer Testosteron-induzierten Gewissheit: Mountainbike, das muss Quälerei sein, und wer sich uphill motorisch Erleichterung verschafft, der bringt sich als ein feiger Wicht um den Lohn der Schinderei, die Adrenalin-Dusche und das Triumphgefühl in der Abfahrt. Denn es galt natürlich das Axiom: Wer mit Motor hochfährt, bremst downhill bis auf Schrittgeschwindigkeit herunter.

          Mountainbiken und Mountainbiken sind aber nun mal ziemlich verschiedene Formen des Fahrradfahrens: Die Vorstellung, dass alle Nutzer solche wilden Trails absolvieren wie die Jungs in den Image-Videos der Hersteller, ist völlig abwegig. Da wäre etwa der Nachbar mittleren Alters, der ein Mountainbike benutzt, um seine Einkäufe im nächsten Ort zu machen - weil er die Strecke dorthin lieber durch den Wald als auf der Straße fährt, ohne Schutzblech, ohne Klingel, ohne Licht. Unzählige Schulwege werden mit Mountainbikes zurückgelegt.

          Die jungen Kerle haben den Uphill-Flow entdeckt Bilderstrecke
          Die jungen Kerle haben den Uphill-Flow entdeckt :

          In der Stadt sind sie praktisch wegen der Baustellen, auf dem Land, weil man tatsächlich in Wald und Flur so gut wie überall durchkommt, deshalb haben sich Mountainbikes (und Fahrräder, die bloß so aussehen als ob) derartig breitgemacht. Dass auf vielen dieser Räder, die nie bergiges Gelände sehen, ein Hinweis klebt, es handele sich um ein reines Sportgerät, das nicht im öffentlichen Straßenverkehr bewegt werden dürfe - wen juckt’s?

          Nun kommt der Elektromotor

          Und nun kommt der Elektromotor. Da steht dann der sportlich orientierte Fahrradhändler des Vertrauens leicht bekümmert in seinem Laden, tätschelt den Sattel eines bildschönen Fullys, eines vollgefederten Mountainbikes ohne Motor, und seufzt: „Ich werde sie nicht mehr los. Kein Mensch will mehr ein Fully ohne, alle wollen elektrisch.“ Das stimmt, und das ist nicht etwa eine Folge der demographischen Entwicklung: Nicht nur die ewig jung dreingrinsenden Opas wollen elektrische Mountainbikes, sondern, Katastrophe, auch die jungen Kerle. Die haben den Uphill-Flow entdeckt oder zumindest von seiner Existenz gehört und gelesen.

          Flow, das ist - nicht nur - beim Mountainbiken im Gelände das Gefühl, dass alles gut läuft. Man hat die Strecke im Griff, alle Bewegungsabläufe stimmen, man ist wach und voll konzentriert, angestrengt, aber doch auch entspannt, man fühlt sich wohl und darf genießen. Naturgemäß stellt der Flow sich häufiger ein, wenn es eben oder mäßig downhill dahingeht. Aber nun lassen sich auch Klettereien bergauf genießen, Flow, während man Höhenmeter um Höhenmeter gewinnt. Und das ist nicht nur das gute Gefühl, dass man jetzt dort hinaufkommt, wo man ohne Motor hätte schieben müssen. Es ist eine Veränderung auf vielen Ebenen: Man traut sich mehr zu, mehr Höhenmeter, mehr Strecke, zwar vielleicht keine kühneren Sprünge, aber insgesamt mehr Spaß. Diese euphorische Sicht auf das E-Mountainbike verschweigt die Tatsache, dass in schwierigem Gelände auch mehr Gewicht mit mehr Körperkraft dirigiert oder einfach gehalten werden muss.

          Der Motor hat aber auch technische Folgen: Die Hersteller ändern die Geometrie ihrer Rahmen und schrauben schon längst nicht mehr einfach nur einen Antrieb an ein vorhandenes Bike. Auf modernen motorisierten Mountainbikes sitzt man aufrechter und besonders zentral. Man bleibt auch in Situationen sitzen, in denen man ohne Motor aus dem Sattel gehen würde. Das Sitzenbleiben geschieht nicht aus Bequemlichkeit, sondern um am Hinterrad belastend für mehr Traktion zu sorgen. Kraft ist ja da.

          Unerschöpfliches Thema

          Und Motor ist natürlich nicht gleich Motor, sondern ein unerschöpfliches Thema: Welcher Antrieb eignet sich besonders gut für die Erfordernisse im Geländerad? Eine Zeitlang hieß es, der Heckmotor im Hinterrad sei das angezeigte Mittel der Wahl für Elektrogipfelstürmer. Aber davon ist man inzwischen abgekommen: Die Nachteile eines unverhältnismäßig schweren Hinterrads überwiegen. Der Vorderradnabenmotor scheidet sowieso aus: Das Vorderrad hat im Zweifel zu wenig Traktion. Und so hat das E-Mountainbike inzwischen zu allermeist einen Mittelmotor.

          Die Mehrzahl der Hersteller von Antrieben haben eine spezielle Version fürs Mountainbike im Programm. Panasonic hat in den Uproc-Modellen von Flyer seinen neusten Motor auf der Eurobike vorgestellt: interessantes Detail: Statt zweier Kettenblätter ist in den Motor ein zweistufiges Getriebe eingebaut. Yamahas neuer PW-X-Antrieb war auf der Messe zum Beispiel in Rädern des E-Mountainbike-Pioniers Haibike zu sehen. Seit 2010 setzt Haibike auf den Elektromotor und hat sich in der Gunst der Enthusiasten einen Spitzenplatz mit großem Vorsprung erobert. Auch Shimano hat mit der E 8000-Serie einen Steps-Antrieb speziell fürs Mountainbike. Den nach wie vor diskretesten Antrieb, auch dieser Aspekt ist ja eine Überlegung wert, hat Brose: besonders leise und so kompakt, dass er kaum auffällt.

          Eine Frage der Akkukapazität

          80 Newtonmeter Drehmoment dürfen es im Gelände schon sein. Ein hohes Drehmoment und ein auch bei hoher Trittfrequenz gleichbleibend kräftiger Anschub sind da wichtiger als die Grenzgeschwindigkeit der Unterstützung. Bosch hat bereits ausdrücklich erklärt, es werde von dem Motor der viel in Mountainbikes verbauten Perfomance Line CX keine 45-km/h-Version geben. Der Grund dafür ist ein politischer, nicht etwa ein technischer: Es soll nicht dazu kommen, dass das E-Mountainbike insgesamt stärker reglementiert wird, weil die Wälder von Rädern unsicher gemacht werden, die eigentlich Kleinkrafträder sind. Als Kraftfahrzeuge mit Versicherungskennzeichen haben sie dort in aller Regel nichts zu suchen. 45-km/h-Modelle hat es aber auf dem Markt schon gegeben, beispielsweise das Focus Thron Impulse Speed. Und dass das Internet voll ist von Hinweisen und Bausatz-Angeboten, um einen auf die 25-km/h-Grenze gedrosselten 250-Watt-Motor zu „entsperren“ steht auf einem ganz anderen Blatt.

          Dann wären da noch die Fragen nach der Akkukapazität, und ob es Vollfederung sein soll oder nicht. Die eine Antwort geben die Hersteller: 500 bis 600 Wattstunden geben sie kräftigeren Bikes mit, nur in Einsteigermodellen werden 400 Wattstunden verbaut. Die andere Frage, die sich ja grundsätzlich beim Mountainbike stellt, muss man selbst entscheiden: Für das Fully mit Motor spricht trotz des entschieden höheren Preises das deutliche Mehr an Sicherheit und Komfort. Dass der Hinterbau vielleicht ein bisschen wippt, spielt mit Motor eine untergeordnete Rolle.

          Auch am Mountainbike zieht die Vernetzung ein: Marktführer Bosch hat es mit seinem navigierenden und Fitness-Daten erhebenden Display Nyon vorgemacht, auf der Eurobike präsentierte Haibike sein eConnect, vorderhand nur den Topmodellen vorbehalten. Schön, dass man Boschs Nyon auf seinem Rad mit Bosch-Antrieb nachrüsten lassen kann. Mit dem E-Mountainbike ändert sich noch etwas: Die tristen schwarz-anthrazit-dunkelgrau gestylten Bikes weichen fröhlicheren Farben. Manche Modelle sind geradezu papageienhaft bunt.

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