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E-Bikes im Test : Eine federschwere Entscheidung

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Wie sich die Räder gleichen: Fully Hybride Kato FS 4 AL (links) und Hardtail Kato 6 AL von Ghost Bild: Pardey

Hardtail oder Fully? Diese Frage gilt es vor dem Fahrrades zu beantworten: Doch, wenn das Bike einen Elektromotor hat, sind die Ausgangsbedingungen etwas anders.

          Bis vor drei, vier Jahren war die Sache klar: Die Fachmagazine fürs Mountainbiken konnten die Entscheidung zwischen einem nur vorn an der Gabel gefederten und einem zusätzlich hinten gedämpften Geländerad zu einer Glaubensfrage stilisieren. Die technischen Unterschiede zwischen einem Hardtail (sozusagen harte Hinterhand) und dem Fully mit dem selbsterklärenden Spitznamen waren ausdiskutiert. Der Käufer musste sich zu der einen oder der anderen Konfession bekennen. Und die befehdeten sich gelegentlich richtig giftig. Wer es sich leisten konnte, stellte sich beide Varianten in die Garage: für jede Art von Unternehmung das richtige Rad.

          Grundlegend hat sich an dieser Situation durch den Einzug des unterstützenden Elektroantriebs am Mountainbike kaum etwas geändert. Inzwischen haben auch viele Biker die speziellen Wonnen des Hilfsmotors im Gelände erleben können. Das hat die unerträglich moralisierende, vorwiegend deutschsprachige Diskussion darüber, ob ein Mountainbike denn überhaupt elektrifiziert werden dürfe, Vergangenheit werden lassen. Und so stellt sich angesichts von Läden voller Mountainbikes mit Motor die Frage neu: Hardtail oder Fully? Vor- und Nachteile des einen wie des anderen sind dieselben geblieben, aber der Motor verschiebt das Gewicht der Argumente deutlich. Um Thorsten Heinz, Fachhändler in Wetzlar, zu zitieren: „Wenn einer hereinkommt und sagt: ,Ich will 3500 Euro für ein E-Mountainbike ausgeben‘, dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass er mit einem Fully hinausgeht.“

          Eine Frage des Preises

          Genau so, vom Budget her, wurde der Vergleich für diesen Bericht angegangen. Aber zunächst die altbekannten, mit und ohne Motor geltenden Gesichtspunkte: Bei gleichem Material des Rahmens ist ein vollgefedertes Bike etwas schwerer als ein Hardtail, und der Wartungsaufwand ist wegen des zusätzlichen Dämpfers und der Gelenke des Hinterbaus höher. Was nicht dran ist, kann auch nicht kaputtgehen, gilt fürs Hardtail. Das hopst mit dem Hinterrad zwar auf holprigem Untergrund mehr, während das Fully vorn wie hinten die Räder fest am Boden hält – gut für Lenkbarkeit und Traktion. Aber dafür verwandelt das Hardtail vor allem bergauf den menschlichen Krafteinsatz effektiver in Vortrieb. Das Fahrwerk des Fully dagegen setzt einen Teil der Muskelkraft in Verformung um.

          Insgesamt folgt daraus die Empfehlung: Wer wirklich im Gelände und auf schmalen Singletrails herumkraxeln will oder wilde Abfahrten liebt, braucht ein Fully. Wer artig nach dem Gesetz auf Wald- und Wirtschaftswegen bleibt und statt Artistik Tourenfahren bevorzugt, ist mit einem Hardtail besser bedient. Nicht zuletzt: Bei ansonsten identischer Ausstattung ist ein Fully wegen des technischen Mehraufwands stets teurer als ein Hardtail.

          Mit einem Finanzrahmen von jeweils bis 3500 Euro werden nun ein Hybride Kato FS 4 AL und ein Hybride Kato 6 AL (F.A.Z. vom 13. Juni) von Ghost einander gegenübergestellt. Dass damit in kurzem Abstand noch einmal ein Rad desselben Herstellers Darstellung findet, liegt daran, dass sich die gewählten Modelle der Einsteigerklasse formal wie technisch stark ähneln – eben bis auf das Fahrwerk und den Preis bestimmende Details der Ausstattung. Beide Räder haben einen Aluminiumrahmen, beide laufen auf Reifen der Dimension 27,5+ (Schwalbe Nobby Nic, 2,8 Zoll breit), beide sind mit dem Steps E8000, dem von Shimano speziell fürs Mountainbike entwickelten Antrieb ausgestattet, und beide tragen auf dem Unterrohr einen Akkupack derselben Kapazität (504 Wattstunden). So gesehen und in Anbetracht des Preises stellt sich schon die Frage, welches von beiden es sein soll.

          Das Urteil der Händler

          Beide Räder wurden für das Ausprobieren in einigen Punkten (Sattel, Pedale, Schloss, Beleuchtung sowie am Kato 6 AL ein Reifen Rocket Ron hinten getauscht gegen Nobby Nic) nach persönlichen Vorlieben modifiziert. Beide wurden jeweils rund 400 Kilometer bewegt, etwa zu einem Drittel im Gelände, überwiegend aber auf Forst- und Wirtschaftswegen. Im Mittelgebirge sind dabei Touren von 70 Kilometer Länge mit einer Akkuladung ohne besondere Rücksichten sicher möglich. Analysiert man die Fahrtdaten genauer, dann bleibt von der – theoretisch richtigen – Behauptung, mit dem Fully sei man wegen mehr Lenkstabilität und Traktion schneller, nicht viel übrig. Richtig bleibt aber auch: Das zügig alle Pisten entlangmarschierende Hardtail erfordert, wo es enger und holprig wird, mehr Aufmerksamkeit und Können, während das Fully dort mehr Spaß macht.

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          Spielt es eine große Rolle, dass das Fully schwerer ist als das Hardtail? Nein, dank der Unterstützung durch den Motor, oder nur dann, wenn das Bike tatsächlich mal hochgehoben und rangiert werden muss. Ist die effektivere Umsetzung der Kraft auf dem Hardtail spürbar? O ja, allerdings spürt man das am deutlichsten, wenn man unabsichtlich ohne Motorunterstützung losfährt. Werden Lenksicherheit und bessere Traktion auch beim Elektro-Mountainbike zum entscheidenden Kriterium dafür, dass nach dem Urteil der Händler ein Fully lieber genommen wird als ein Hardtail? Ach, es ist viel einfacher: Entscheidend ist beim elektrischen Mountainbike nicht mehr, welche Strecken man fahren möchte. Der Komfort, etwas weniger durchgerüttelt zu werden, sichert dem Fully den Vorsprung. Mehr noch als im Verkaufsgespräch ist das in der alltäglichen Praxis der Fall.

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