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Yoga Book von Lenovo im Test : Tablet für zwei Jobs

Die konventionellste Einsatzart des Yoga Book Bild: Hersteller

Das ist clever: Lenovo baut einen Flachrechner mit Zeichen-Tastatur für die Generation Smartphone. Doch wie nähert man sich dem Yoga Book? Ein Versuch.

          3 Min.

          Während der Internationalen Funkausstellung in Berlin war es das Produkt schlechthin. Ein Messe-Highlight. Nun ist das Yoga Book von Lenovo im Handel, und man weiß selbst nach einiger Zeit des Ausprobierens nicht, wie man sich diesem Gerät nähern soll. Ist es ein Tablet mit Zusatzfunktionen oder ein besonders kompaktes Notebook? Ist es ein Zeichengerät oder mit seiner ungewöhnlichen Tastatur gar ein Hinweis auf die Zukunft von Rechnern, die nicht mehr mit den gewohnten Eingabegeräten bedient werden?

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Was an erster Stelle fasziniert, ist die Bauform. Mit Maßen von 25,7 × 17 Zentimeter und einer Höhe von 9,6 Millimeter nimmt es nicht einmal die Fläche eines DIN-A4-Blattes ein und ist nur unwesentlich größer als ein iPad. Es ist natürlich schwerer, 690 Gramm, und besteht aus zwei Hälften, die sich nicht trennen lassen. Die obere ist das Display mit 1920 × 1200 Pixel, also der Auflösung eines typischen 13-Zoll-Notebooks.

          Die untere ist eine glatte Fläche mit zwei Betriebsmodi. Als Zeichenfläche legt man hier einfach ein Blatt Papier auf und malt mit dem Stift. Jede Stiftbewegung auf der Zeichenfläche landet sogleich auf dem Display der anderen Seite. Das Papier muss kein Spezialpapier sein, aber es funktioniert nur dieser eine batterielose Stift, der bis zu 2048 Druckstufen unterscheiden kann. Die Mine lässt sich gegen eine mit Tinte ersetzen, dann sieht man das Geschriebene oder Gemalte auf dem Papier.

          Wer Microsoft One Note verwendet, erhält also umgehend seine Mitschriften digitalisiert. Aber, Achtung, eine Handschrifterkennung ist nicht vorhanden. Für feineres Zeichnen liegt eine Light-Version der Software Art Rage bei. Der von Wacom entwickelte Stift funktioniert übrigens mit elektromagnetischer Resonanz: Zwecks Positionsanalyse werden Wellen zum Stift und von ihm wieder zurück zum Gerät gesendet.

          Die Tastaturfläche als Zeichenbrett Bilderstrecke

          Im zweiten Modus dient die Fläche als Touchscreen-Tastatur. Die Tasten sind nicht physikalisch vorhanden. Wie beim Smartphone wird eine Tastatur mitsamt Touchpad angezeigt. Die weiß umrandeten Tasten quittieren jede leichte Berührung mit Vibration. Man kann seine Finger nicht auf dem Keyboard ablegen, das wird sogleich als Kakophonie Dutzender Tastenanschläge interpretiert. Das Schreiben mit dem Halo genannten Keyboard ist der größte Schwachpunkt dieses Geräts - wenn man mit zehn Fingern schreibt. Wer mit zwei Fingern tippt, bemerkt die ungewöhnliche Technik vielleicht nicht, aber präzises Arbeiten, auch mit Maus und Cursor, ist nur schwer möglich.

          Also ein Rechner, mit dem man nur schlecht schreiben kann, jedenfalls nicht schnell und flüssig wie gehabt. Aber ein Windows-10-Rechner, der so unglaublich klein ist, dass man ihn gern mitnimmt. Und das haben wir dann getan: Das Yoga Book ersetzte bei uns das große iPad, und man freut sich, dass man mit einem „richtigen“ PC mehr machen kann als mit dem Apple-Tablet. Wir haben sämtliche Software vom heimischen Rechner aufgespielt und natürlich gleich weitere Nachteile entdeckt: Das nur mit 64 Gigabyte erhältliche SSD-Laufwerk ist knapp bemessen. Windows 10 plus weitere Programme nehmen schon 35 bis 40 Gigabyte weg, da bleibt zu wenig. Vier Gigabyte Arbeitsspeicher sind für Windows 10 Pro zwar ausreichend, aber man wünscht sich mehr; ein einziger Micro-USB-Anschluss ist ebenfalls zu wenig.

          Wachte gelegentlich nicht mehr auf

          Auch der Prozessor, ein Atom X5 mit 1,44 Gigahertz, gehört nicht zu den schnellsten. Manche Macken der Software sind gewiss bald beseitigt. Mit unserem Gerät ließ sich die Rollrichtung des Touchpads beim Zwei-Finger-Scrollen nicht ändern, und das Yoga Book wachte gelegentlich aus dem Energiesparmodus nicht mehr auf. Andere Kollegen konnten diese Erfahrung jedoch nicht teilen. Vermutlich ein Software-Problem. Insgesamt ist das Fazit positiv: Mit dieser flachen Flunder bekommt man ein vollständiges Windows mit allen Programmen und Diensten auf kleinstem Raum. Zusammengeklappt gelingt die Bedienung mit dem Stift oder allein mit dem Finger gut. Stundenlanges Halten in der Hand ist zwar ob des Gewichts nicht angesagt, aber sobald man eine Ablagemöglichkeit hat, eignet sich das Lenovo auch als Lesegerät für digitale Inhalte.

          Das Display ist überzeugend, und weitere Nutzerdaten lassen sich auf einer Micro-SD-Karte unterbringen. Ferner kann man das Yoga Book wie ein Zelt auf den Kopf stellen, es als mobile Flimmerkiste fürs Hotel oder Schlafzimmer nutzen oder mit Micro-HDMI sogar größere Bildschirme bespielen. Die Akkulaufzeit der vom Nutzer nicht wechselbaren Kraftspender ist sehr überzeugend. Mehr als zehn Stunden sind problemlos zu schaffen.

          Mit Windows kostet das Yoga Book in der Standardkonfiguration 600 Euro. Im Preis enthalten sind der Stift und die Halterung für einen Papierblock. Ein eingebautes Mobilfunkmodem mit LTE kostet 100 Euro Aufpreis. In einer zweiten Variante ist das Yoga Book mit Android 6 erhältlich, der Basispreis liegt dann bei 500 Euro, auch hier lässt sich ein LTE-Modem für weitere 100 Euro wählen. Ein Dualboot-System, um zwischen Windows und Android zu wechseln, ist von Lenovo nicht vorgesehen. Alles in allem ist das Preis-Leistungs Verhältnis überzeugend. Sowohl als Tablet wie auch als Windows-Rechner macht das Gerät nicht nur eine gute Figur. Je jünger oder Smartphone-affiner man ist, umso mehr fasziniert es.

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