https://www.faz.net/-gy9-zy4q

Xing : Die große Zeitvernichtungsmaschine

  • -Aktualisiert am

Muss man sich wirklich vernetzen? Bild: Screenshot xing.de

Soziale Gemeinschaften bringen viel Nutzwert, verspricht das Web 2.0. Wir haben Xing monatelang ausprobiert - mit einem anderen Ergebnis: Etliche Kontakte, keine Kontrakte. Für berufliche Zwecke erscheint Xing kaum geeignet. Vielleicht doch eher für Singles?

          6 Min.

          „Web 2.0“ ist ein schöner Begriff, der in seiner Vieldeutigkeit prima als Überschrift für jede noch so kleine Weiterentwicklung im Internet taugt. Es soll unter anderem suggerieren, dass das naturgemäß chaotische Internet aus der Spielzone ins Nutzwertige aufgestiegen ist. Communities - Gemeinschaften von Menschen, die sich für bestimmte Themen interessieren - sollen ein Aspekt der neuen Entwicklungsstufe sein. Interaktion sei jetzt angesagt. In Mode ist jetzt Xing, ein deutsches Unternehmen, das nach selbstverständlich amerikanischen Vorbildern als Open Business Club (Open BC) startete. Anders als in den immer wieder für eine Schlagzeile guten Portalen wie StudiVZ sollen sich in diesem Geschäftsleute-Portal Berufstätige treffen, um erfolgreich Kontakte zu knüpfen und darüber Geschäfte zu generieren. Web-2.0-Netzwerken in Reinkultur also.

          Wir haben uns, von einem begeisterten Kollegen bestärkt, im Februar 2007 angemeldet und seitdem jeden Monat hoffnungsvoll knapp sechs Euro abbuchen lassen. Doch was sich als Kontraktplattform ausgab, hat sich als private Kontaktplattform, Zeitvernichtungsmaschine und Panoptikum des Lebens erwiesen. Von Business fast keine Spur, wenn man nicht auf Stellensuche ist. Doch, doch, wer hier mit ein paar Eingaben Mitglied wird, findet durchaus einige der Pressesprecher, die wir schon aus dem richtigen Leben kennen. Wir freuten uns, auch ein paar verschollen geglaubte Kollegen, zu denen wir den Kontakt verloren hatten, wiederzufinden. Flugs bestätigen wir uns gegenseitig den Kontakt und geben auch einem Professor, der bereits unfassbare 1400 Kontakte gesammelt hat und angeblich unsere Beiträge gern liest, die Daten frei. Fein säuberlich haben wir in unserem Profil das gesamte lange Berufsleben aufgelistet, monatsgenau. Wir haben irgendwann gefunden, dass es möglich ist, unser Profil und unsere Diskussionsbeiträge vor Google zu schützen. Denn ein paar rasch geschriebene Bemerkungen in einem der Foren haben keinen Ewigkeitswert und sollen nicht auf alle Ewigkeit im Internet kursieren.

          Schlechtes Deutsch, Motivationsprobleme, bessere Pressearbeit

          Begeistert haben wir uns in zwei Dutzend Foren angemeldet, uns in der lokalen Gruppe vorgestellt und viele Stunden damit verbracht, über schlechtes Deutsch, Motivationsprobleme, bessere Pressearbeit bei Mittelständlern, untergejubelte Versicherungsverträge und die Rätsel zu diskutieren, die Mann und Frau verbinden und trennen. Wir waren auf einigen Regionaltreffen, zunächst mit überschaubaren 70 Besuchern. Dann haben wir uns auf engstem Raum zwischen 400 Menschen in einer engen Passage angebrüllt, weil eine normale Unterhaltung in dieser Menschenmasse nicht möglich war. Und wir haben einige lustige Abende mit einem Trüppchen verbracht, das sich ausgewiesenermaßen nur zum Quatschen trifft und das mit einer Beharrlichkeit tut, als gelte es, seine Freizeit nur noch mit Xing zu organisieren.

          Doch Geschäfte haben wir nicht gemacht. Unsere eigenen Anläufe bei den in Foren oder nach Suchworten entdeckten Mitgliedern verliefen im Sande. Denn hier tummeln sich überwiegend Freiberufler, Anwälte, Sachbearbeiter oder die untere Führungsebene der Industrie, die vermutlich Personalberater oder die Konkurrenz ködern wollen. Auffallend sind auch die zahlreichen, meist weiblichen Coaches, die von Esoterik über Klangschalen-Massagen bis hin zu fernöstlichen Körpertechniken alles anbieten, was gestressten Geschäftsleuten seelische und körperliche Erleichterung bringen könnte, oft als kleiner Zuverdienst.

          Weitere Themen

          Mercedes E 300 e Video-Seite öffnen

          Fahrbericht : Mercedes E 300 e

          Nach langer Zeit wird der E-Klasse eine kuriose Auffrischung zuteil: Alle Zeichen stehen auf Hybrid. Warum sich der neue Mercedes E 300 e lohnt, erfahren Sie in unserem Fahrbericht.

          Topmeldungen

          Ein Reisepass aus Malta (hier von unserem Illustrator verfremdet) ist manchen Investoren viel Geld wert.

          Staatsbürgerschaftshandel : Goldene Pässe für Superreiche

          EU-Länder wie Zypern und Malta verkaufen ihre Staatsbürgerschaft gegen teures Geld. Ist das in Ordnung? Christian Kaelin, der als „König der Pässe“ bekannt ist, verteidigt das Geschäftsmodell.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.