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Xbox mit Bewegungssensor Kinect : Microsoft hofft endlich auf den großen Wurf

„Natürliche” Bedienung von Geräten, nicht mit Maus oder Tastatur, sondern mit Berührung, Bewegung oder Sprache Bild: REUTERS

Der Softwarekonzern kommt seit Jahren in der Konsumelektronik nicht recht voran. Nun soll für die Spielekonsole Xbox der neue Bewegungssensor Kinect spektakulär starten - besser bekannt unter dem Namen „Project Natal“.

          Seit Jahren muss Microsoft als größter Softwarekonzern der Welt neidisch zusehen, wie es dem Wettbewerber Apple immer wieder gelingt, den Start neuer Produkte vom iPhone bis zum iPad als großen Rummel mit riesigen Schlangen von Kaufwilligen zu zelebrieren. Nun aber hofft Microsoft, selbst einen Trumpf im Ärmel zu halten: Am Donnerstag ist in Amerika der Verkaufsstart des Bewegungssensors Kinect – ein Zusatzgerät für die Videospielkonsole Xbox, mit dem das Geschehen durch Gesten und Stimmbefehle gesteuert werden kann. In Deutschland kommt das Gerät übrigens am 10. November auf den Markt.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Microsoft versucht, den Kinect-Start als großes Spektakel am New Yorker Times Square zu inszenieren. Die dortige Filiale des Spielwarenhändlers Toys R Us wird das neue Gerät von Mitternacht an verkaufen. Aber schon sechs Stunden vorher startet ein Countdown mit einer Show auf dem berühmten Platz. In der Hoffnung auf einen großen Ansturm verspricht Microsoft den ersten Kinect-Käufern Gratisspiele für ihr neues Gerät. Um die Werbetrommel im Vorfeld zu rühren, hat der Konzern in den vergangenen Tagen sein neues Gerät in den bekannten amerikanischen Talkshows von Oprah Winfrey und Ellen DeGeneres zum Einsatz kommen lassen.

          Ob es Microsoft mit all diesen Manövern gelingt, die erhoffte Euphorie zum Verkaufsstart zu schüren, muss sich noch zeigen. Aber viele Beobachter meinen, dass Kinect für das Unternehmen die beste Chance seit langem ist, einen großen Wurf in der Konsumelektronik zu landen und aus Verbrauchersicht ein Stück von dem „Coolness“-Faktor zu erwerben, für den sonst Apple bekannt ist.

          Antwort auf den Erfolg von Nintendo

          Der Weg bis zur Einführung war lang. Microsoft hat das Produkt zum ersten Mal vor fast eineinhalb Jahren vorgestellt, damals noch unter dem Namen „Project Natal“. Es war die Antwort auf den Erfolg des japanischen Spieleherstellers Nintendo und seiner Konsole Wii, die mit ihrem bewegungsempfindlichen Steuerungsgerät eine ganz neue Art des Spielens möglich machte. Microsoft ging noch einen Schritt weiter und ließ das Steuerungsgerät ganz wegfallen. Der Spieler muss gar keinen „Controller“ mehr in der Hand halten, sondern bestimmt das Geschehen, indem er frei mit seinen Händen gestikuliert, hüpft, tanzt oder sich sonst irgendwie bewegt. Auch Kommandos mit der Stimme versteht das neue Gerät, in dem eine Kamera, ein Tiefensensor und ein Mikrofon untergebracht sind.

          Microsoft wird Kinect für rund 150 Dollar verkaufen, in Deutschland werden es 149 Euro sein. Kinect funktioniert nur im Verbund mit der Xbox. Wer noch keine Xbox hat, kann die Konsole zusammen mit Kinect in einem verbilligten Paketangebot bekommen. Je nach Xbox-Version sind dafür 300 oder 400 Dollar fällig. Mit dem neuen Produkt grenzt sich Microsoft von seiner Konkurrenz ab. Der Wettbewerber Sony ist zunächst einen anderen Weg gegangen und hat gerade ein neues bewegungsempfindliches System mit dem Namen Move auf den Markt gebracht, das in der Tradition von Nintendos Wii steht. Nintendo wiederum arbeitet gerade an einer neuen mobilen dreidimensionalen Konsole, für die keine 3-D-Brille notwendig ist.

          Microsoft hat sich mit der Xbox etabliert

          Das Marktforschungsinstitut IDC traut Microsoft einen erfolgreichen Start zu und sagt voraus, dass Kinect allein in den Vereinigten Staaten im vierten Quartal 2,5 Millionen bis 3 Millionen Mal verkauft werden könnte. Für die Sony-Neuheit Move erwartet IDC in diesem Zeitraum einen Absatz zwischen 2 Millionen und 2,25 Millionen.

          Microsoft hat sich mit der Xbox mittlerweile in der Videospielbranche etabliert und eine seiner wenigen Erfolgsgeschichten in der Konsumelektronik verbucht. Die Xbox kam erstmals 2001 auf den Markt. Die Resonanz war zunächst bescheiden, aber nach und nach baute sie ihren Marktanteil aus. Im Jahr 2005 kam die zweite Generation Xbox 360 heraus und wurde sofort ein Erfolg. Bis heute hat Microsoft die Xbox 360 rund 42 Millionen Mal verkauft. Allein im abgelaufenen ersten Quartal des Geschäftsjahres 2010/2011 (30. Juni) legte der Xbox-Absatz um 38 Prozent auf 2,8 Millionen zu.

          Mit anderen Elektronikprodukten hat sich Microsoft dagegen schwer getan: Der als Rivale des digitalen Musikspielers iPod von Apple gedachte Zune hat sich nie etabliert; eine in diesem Jahr herausgekommene Handyreihe mit dem Namen Kin wurde nach wenigen Monaten eingestellt. Im Handygeschäft hofft Microsoft gerade auf seine neue Software Windows Phone 7, die in diesem Monat in einer Reihe neuer Mobiltelefone von verschiedenen Herstellern verfügbar sein wird.

          „Natürliche“ Bedienung von Geräten

          Kinect hat für Microsoft jenseits seines Potentials im Videospielmarkt auch eine grundsätzliche Bedeutung. Das Gerät ist der erste größere Vorstoß in einem Gebiet, das von Microsoft schon seit Jahren als Zukunftsthema gepredigt wird: die „natürliche“ Bedienung von Geräten, nicht mit Maus oder Tastatur, sondern mit Berührung, Bewegung oder Sprache. Bislang hat der Konzern zugesehen, wie andere Unternehmen aus diesem Trend Kapital geschlagen haben, wie etwa Nintendo mit Wii oder Apple mit Geräten wie dem iPhone und dem iPad und deren berührungsempfindlichen Bildschirmen.

          Microsoft hofft, seine in Kinect eingesetzten Technologien für natürliche Bedienung künftig auch in einer Reihe anderer Produkte wie Computer oder Mobiltelefone unterzubringen. Erst in der vergangenen Woche hat Microsoft die Akquisition eines kleinen amerikanischen Unternehmens namens Canesta angekündigt, das auf Sensorentechnologie spezialisiert ist.

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