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Weihnachtsgeschäft : Das iPad ist das Geschenk des Jahres

7 Millionen von diesen Tablet-Computern wurden bisher weltweit verkauft Bild: F.A.Z.-Dieter Rüchel

Ein Computer, der nicht aussieht wie ein Computer: Das ist der Trick von Apple. Das Tablet ist ein Gerät, mit dem man konsumiert. Und jeder hat das Gefühl, damit zurechtzukommen.

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          Die Playstation ist out. Der Walkman sowieso. Auf den Weihnachtswunschzetteln amerikanischer Kinder steht etwas ganz anderes oben: Apples iPad. Der Minicomputer hat seit dem Verkaufsstart im April eine enorme Karriere hingelegt: Mehr als sieben Millionen hat Apple nach eigenen Angaben allein bis September verkauft, damit hat sich das iPad viel schneller durchgesetzt als das iPhone und die meisten anderen Elektrogeräte. Im Weihnachtsgeschäft dürfte noch so manche Million dazukommen – nicht nur, weil Familienmitglieder beschenkt werden: Auch einige Firmen schenken ihren Mitarbeitern zum Jahresende iPads.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Inzwischen ist die flache Scheibe im Alltag überall zu sehen: An der Uni lesen technikbegeisterte Studenten ihre Unterlagen auf dem Pad. In ICEs sitzen gestandene Manager und spielen auf dem Gerät zu zweit gegeneinander Billard. Und wer die Nachrichten ansieht, sieht den bislang nicht als besonders technikaffin aufgefallenen Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, wie er im Bundestag auf seinem iPad herumwischt, während die Bundeskanzlerin eine Regierungserklärung abgibt. Das iPad ist das Produkt des Jahres.

          Es kann nicht so viel

          Dabei waren Technikkenner gar nicht so begeistert, als Steve Jobs im Januar sein iPad vorstellte. Ein besonders toller Computer ist es schließlich nicht. Dateien lassen sich nur schwer auf andere Computer schicken. Auch das Tippen macht auf der Bildschirmtastatur wenig Freude. Und viele Internetseiten funktionieren gar nicht. Wer Ahnung von Technik hat, so hieß es Anfang des Jahres, dem reicht der Laptop und das iPhone – das iPad war etwas für die Leute, die keine Ahnung von Computern hatten: ein „omiPad“.

          Doch genau das macht das iPad so beliebt, argumentiert der Psychologe Sebastian Buggert, der im Kölner Rheingold-Institut neue Medien untersucht: Es kann nicht so viel. Und es ist eben gerade nicht das Internet, sondern viel, viel einfacher. „Vom Internet fühlen sich viele Leute überfordert. Es ist unübersichtlich, kompliziert und voller Ablenkungen – sie haben Angst, dass sie vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen.“ Auf dem iPad ist diese Angst weg. Das Gerät nutzt zwar die Möglichkeiten des Internets, aber in vielen Fällen eben in Form eines Zusatzprogramms, einer „Application“. Die hat nur eine Aufgabe und ist auch genau darauf zugeschnitten – da ist alles ganz übersichtlich.

          „Übergang von der Arbeit zur Freizeit“

          Natürlich reicht das iPad nicht, um damit eine starke Präsentation für die nächste Verkaufsverhandlung zu bauen oder gar einen Roman zu schreiben. Das Tablet ist ein Gerät, mit dem man konsumiert. Um Dinge zu produzieren, braucht man weiter den Computer – und das macht das iPad bei seinen Besitzern sogar noch beliebter, wie der Marktforscher Dirk Ziems, Chef der Agentur Concept M, herausgefunden hat.

          „Leute, die einen Laptop und ein iPad haben, die markieren damit den Übergang von der Arbeit zur Freizeit. Sie legen auf der Couch die Beine hoch und entspannen sich“, sagt Ziems. Vielleicht schauten sie dann noch mal nach ihren E-Mails, aber nur beiläufig. „Dass die Tastatur nicht besonders gut ist, hilft diesem Gefühl auch noch.“ In mancher Familie wollen die Kinder überhaupt nicht mehr an den Computer, weil sie beobachtet haben: Was dort passiert, ist Arbeit.

          Das iPad passt aber nicht nur aufs Sofa – auch das mögen die Besitzer. Es kann mit ins Flugzeug, ins Meeting, aber auch schlicht in die Küche. Laptops sind dort eher selten zu sehen. Aber wer beim Kochen ein Rezept braucht, legt das iPad häufig daneben – wenn es einen Spritzer abkriegt, wird der eben abgewischt. Bei der Laptoptastatur wäre das nicht so leicht. „Mit dem iPad gehen Leute robuster um“, hat Marktforscher Ziems erfragt. „Es hat dem Computer neue Orte erschlossen.“

          Das Internet anfassen

          Die Besitzer haben schließlich auch eine andere Beziehung zu ihrem iPad als zu einem Computer. „Das ist viel intimer und unmittelbarer“, sagt Psychologe Buggert. „Weil man über das Gerät wischen kann, fühlt es sich so an, als würde man das Internet anfassen. Und man hat die göttliche Macht des Internets ganz spielerisch.“ Gleichzeitig sei das Pad aber auch sozialer als ein Computer. „Wenn Sie einen Laptop aufklappen, haben Sie immer eine Wand zwischen sich und den anderen. Ein Tablet dagegen ist flach, das ist schon im Wortsinn eine soziale Sache.“ Die Trendforscherin Susanne Maisch stimmt zu: „An einem Computer zieht man sich zurück. Wenn Kinder an der Spielekonsole spielen, wirkt das gleich autistisch“ – schließlich drehen sie den Eltern den Rücken zu. Wer um das Pad sitzt, wirkt gleich deutlich gesellschaftsfähiger.

          Und gesellschaftsfähig ist das iPad, gekauft vor allem von reichen und sehr gebildeten Leuten, wie die Marktforscher von Nielsen zumindest für die Vereinigten Staaten ermittelt haben. Für Deutschland passt dieser Trend vermutlich auch. Das iPad gilt als teuer und avantgardistisch – genau das richtige für eine reiche, gebildete Zielgruppe, die anderes zu tun hat, als sich um Technik zu kümmern. Und beim Durchsetzen hat die Marke Apple geholfen, wie Marktforscher Ziems glaubt. Nachdem Steve Jobs mit iPod und iPhone zwei Erfolge abgeliefert hat, habe er von selbst das Image: Seine Produkte sind die Zukunft. Damit kann man sich gut schmücken, deshalb verschenken Firmen so gerne iPads an ihre Mitarbeiter. „Auf diese Weise hat die Marke Apple ihre selbsterfüllende Prophezeiung.“

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