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Watchphones : Die Armbanduhr als Handy

Man könnte sie für ein extravagantes Spielzeug halten, die beiden Armbanduhren von Samsung und LG mit eingebautem Mobilfunk-Modul Bild: Hersteller

Wer sich damit albern vorkommt, lässt besser die Finger davon. Aber die beiden Watchphones Samsung S9110 und LG GD 910 wissen durchaus zu gefallen. Prototypen und Studien haben wir bereits vor mehr als zehn Jahren gesehen.

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          Man könnte sie für ein extravagantes Spielzeug halten: zwei Armbanduhren von Samsung und LG mit eingebautem Mobilfunk-Modul. Solche „Watchphones“ gibt es schon länger, Prototypen und Studien haben wir bereits vor mehr als zehn Jahren gesehen. Bisher waren allerdings solche Apparate kaum praxistauglich. Trotz opulenter Maße hielt ihr Akku bestenfalls einige Stunden durch, und das Telefonieren im Freisprechbetrieb erinnerte an ein Dosentelefon. So wundert kaum, dass sich manche Hersteller auf Bluetooth-Uhren konzentrierten, die im Display lediglich neue Anrufe oder SMS eines angekoppelten Handys zeigten.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Die nun von uns ausprobierten neuen Modelle Samsung S9110 und LG GD 910 halten jedoch, was sie versprechen. Sie sind ein brauchbarer Handy-Ersatz, lassen sich einfach bedienen, ihr Akku hält mehrere Tage (LG) oder sogar eine ganze Woche (Samsung) durch, und im Freisprechmodus ist die Akustik des Telefonats gut. Beide Geräte haben eine sehr technische Anmutung, der Liebhaber teurer mechanischer Uhren wird sich mit Schrecken abwenden und sie als „Plastikspielzeug“ titulieren.

          In der Tat wirken sie eher wie eine 100-Euro-Uhr, obwohl die LG fast 1000 Euro und die Samsung rund 650 Euro kostet. Beide sind groß und schwer, über und unter dem silberfarbenen Rahmen sitzt jeweils eine Verlängerung aus schwarzem Kunststoff, um das üppige Volumen zu kaschieren. Beim LG ist der Akku mit 480 mAh fest eingebaut, zum Laden wird das Gerät in eine Spezialhalterung eingesetzt. Das Samsung verwendet einen wechselbaren Kraftspender mit 630 mAh, hier kommt ein proprietärer Ladeanschluss zum Einsatz, der von einem filigranen Plastiknippel geschützt wird.

          Beide setzen auf einen berührungsempfindlichen Bildschirm: 128 × 160 Pixel (LG) und 176 × 220 Pixel (Samsung)
          Beide setzen auf einen berührungsempfindlichen Bildschirm: 128 × 160 Pixel (LG) und 176 × 220 Pixel (Samsung) : Bild: Hersteller

          Das LG ist deutlich kleiner

          Das Samsung mit 117 Gramm und 5,9 × 3,9 × 1,2 Zentimeter ist geradezu ein Trumm am Arm, der sofort Aufmerksamkeit weckt. Das deutlich kleinere LG (3,9 × 4,9 × 1,4 Zentimeter) lässt sich gegebenenfalls sogar unter dem Ärmel tragen, ist mit 91 Gramm etwas leichter und insgesamt weniger auffällig. Beide setzen auf einen berührungsempfindlichen Bildschirm, der mit 128 × 160 Pixel (LG) und 176 × 220 Pixel (Samsung) auflöst und die Bedienung mit dem Finger wie bei einem modernen Smartphone ermöglicht. Mit vorsichtigem Streicheln über die Anzeige wechselt man zwischen verschiedenen Bildschirmen, auf der virtuellen Zifferntastatur kann man mit spitzen Berührungen ordentlich tippen und sogar SMS halbwegs kommod schreiben. Das LG zeigt auch im Stand-by-Modus die Uhrzeit und das Datum in einer allerdings sehr kontrastarmen Darstellung, während man beim Samsung zunächst eine der drei Seitentasten drücken muss, um überhaupt etwas zu sehen, denn im Bereitschaftsmodus ist der Bildschirm schwarz. Beide bieten verschiedene Darstellungen der Uhr, analog und digital, jeweils hübsch gemacht und großen Vorbildern nachempfunden.

          Obwohl das LG deutlich kleiner ist, bietet es die üppigere Ausstattung: Hier ist ein vollwertiges UMTS-Modul mit HSDPA für schnelle mobile Datenübertragungen eingebaut. Unseres Erachtens ein überflüssiges Detail, denn die GD 910 bietet weder einen Internet-Browser noch eine E-Mail-Software. Datenverbindungen lassen sich also nur mit einem angeschlossenen PC nutzen, und dann ist wiederum der Akku minutenschnell leer. Das LG hat ferner 82 Megabyte Speicherplatz, der sich unter anderem mit eigener Musik bestücken lässt, und zur Wiedergabe wird das Bluetooth-Profil A2DP unterstützt. Zwecks Video-Telefonie ist eine Kamera mit VGA-Auflösung eingebaut. Wecker, Taschenrechner und Sprachrekorder sind ebenfalls vorhanden, und das Telefonbuch mit bis zu 1000 Einträgen entspricht bis ins kleinste Detail der Ausstattung eines gehobenen Mittelklasse-Handys. Verschiedene Profile lassen sich programmieren, im Flugmodus ist die Mobilfunk-Einheit ausgeschaltet. Ferner steht eine Sprachwahl zur Verfügung, und als besonderes Extra liest das LG eingegangene SMS und andere Bildschirminhalte sogar mit einer synthetischen Stimme vor.

          Der Internet-Browser bringt keinen Vorteil

          Beim Samsung mit 40 Megabyte Speicher fällt die Bedienung etwas leichter. Kein Wunder, ist doch der Bildschirm größer und das Menü insgesamt etwas kompakter ausgefallen. Auch hier gibt es ein großes Telefonbuch (300 Einträge), Sprachmemos, Wecker, Taschenrechner und eine Weltuhr. Die Sprachwahl erweist sich als hilfreich, und verschiedene Profile stehen ebenfalls parat. Dank Bluetooth lässt sich mit einem Headset telefonieren, und es ist sogar das Bluetooth-Profil Sim-Access für hochwertige Autotelefone eingebaut. Der Internet-Browser bringt ob der geringen Bildschirmauflösung keinen Vorteil.

          Die spannende Frage ist jedoch, wie man mit dem Apparat am Arm telefonieren kann. Komisch sieht das in jedem Fall aus, wenn man à la Dick Tracy oder Knight Rider mit seiner Armbanduhr spricht. Aber das Ergebnis hat uns durchweg überrascht. Über die jeweils eingebauten Mini-Lautsprecher ist der Gesprächspartner klar und deutlich zu verstehen, man ist geradezu verblüfft. Auch die von uns Angerufenen attestierten eine sehr ordentliche Akustik. Selbst im Auto mit Nebengeräuschen war die Verständlichkeit gut, und man kann beim Telefonieren beide Hände am Lenkrad lassen. Natürlich hat man bei jedem Gespräch im Freisprechmodus sofort die Blicke aller Umstehenden auf sich gerichtet, jeder kann alles mithören. Wer ein bisschen mehr Privatsphäre sucht, nimmt ein Bluetooth-Headset mit Knopf im Ohr. Das gehört beim Samsung zum Lieferumfang, beim deutlich teureren LG leider nicht.

          Alles in allem sind beide Geräte alltagstauglich und eine Überlegung wert, wenn man wohl oder übel stets zwei Handys mit sich herumträgt. Beide Watchphones könnten besser verarbeitet sein. Bei unserem Testgerät von LG war an der Oberkante schon eine Delle im Rahmen zu sehen. Das Samsung mit seiner deutlich längeren Bereitschaftszeit hat uns besser gefallen. Nur ist es viel zu groß, und es fehlt eine permanente Anzeige der Uhrzeit.

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