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Virtuelle Realität : Der schöne Schein zeigt heute schon die Zukunft

  • -Aktualisiert am

Eine virtuelle Gießwalzstraße Bild: RWTH Aachen

Die Industrie macht sich computeranimierte Trugbilder für Forschung und Entwicklung zunutze. Die Automobilbauer kämen ohne das visuelle Hilfsmittel gar nicht mehr aus.

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          Fotografieren verboten: Im Technologie-Zentrum von Daimler-Chrysler in Sindelfingen entsteht nicht weniger als die automobile Zukunft. Die Prototypen, die in den Hallen stehen, sind sorgsam verhüllt, damit kein Fremder einen neugierigen Blick darauf werfen kann. Inmitten dieser Atmosphäre aus Geheimnis, Zukunft und Technik hat sich eine Abteilung breitgemacht, die mehr und mehr an Bedeutung gewinnt: das Zentrum für Virtuelle Realität. Hier treffen sich täglich Fachleute der unterschiedlichsten Sparten, Designer, Motorbauer, Vorstände, Verkäufer, um in künstliche Welten einzutauchen.

          Wichtigstes Zubehör in dieser Scheinwelt ist die Stereobrille. Wer sie aufsetzt, sieht sich plötzlich vor einem Auto in Originalgröße: Ein SL löst sich scheinbar von der breiten Leinwand und ragt weit in den Raum hinein. Die Illusion ist so perfekt, daß man meint, Motorhaube oder Verdeck berühren zu können. Doch die Hand greift in die Luft. Wer auch noch eine Spezialbrille aufsetzt, von der seltsame Kügelchen wie Insektenfühler abstehen, kann sogar in das Auto hineinschlüpfen. Denn das System erkennt damit den jeweiligen Standort und die Blickrichtung: Ein Schritt, und der Kofferraum tut sich auf, ein weiterer Schritt, und man steckt im Fond und schaut dem Fahrer über die Schulter.

          Vor fünf Jahren war die Virtuelle Realität noch Spielwiese für Computerfreaks, Filmemacher und Spieleentwickler. Inzwischen ist die Technik erwachsen geworden. "Ohne Virtuelle Realität ist die Autoentwicklung gar nicht mehr denkbar", sagt Siegmar Haasis, der bei Daimler-Chrysler für die Digitalisierung zuständig ist. Auch Volkswagen setzt auf die digitale Hilfe: Erst vor wenigen Monaten hat man 20 Millionen Euro in ein 3D-Visualisierungszentrum gesteckt. In der Luft- und Raumfahrt hat die elektronische Illusion längst ihren festen Platz. Es gibt inzwischen kaum eine Sparte, in der die räumliche Darstellung nicht Fuß gefaßt hat: Architekten führen Bauherren durchs neue Haus, bevor auch nur der Grundstein gelegt ist, Chirurgen lernen am virtuellen Modell die richtigen Schnitte, und Museen führen die Besucher virtuell durch die Vergangenheit.

          SMS-Demag hat sogar eine komplette Fabrik, eine 500 Meter lange Gießwalzanlage, virtuell nachgebildet. Der Düsseldorfer Anlagenbauer hat sich dafür mit dem Rechenzentrum der RWTH Aachen zusammengetan, wo seit einigen Monaten einer der modernsten Projektionsräume steht. Diese begehbare Box heißt im Informatiker-Jargon Cave, also Höhle. Besucher, die unter Raumangst leiden, brauchen die weichen Filzpantoffeln zum Schutz vor Kratzern und Dreck gar nicht erst überzustreifen. Denn die Höhle ist nicht viel größer als ein Fahrstuhl. Doch sie ist so etwas wie das Sahnehäubchen beim Spiel mit der Virtuellen Realität: Sämtliche Wände, manchmal auch Decke und Boden, dienen als Projektionsflächen und erzeugen so ein Gefühl wie auf dem "Holodeck" von Raumschiff Enterprise. Wer darin steckt, kann mit keinem Seitenblick der falschen Realität entfliehen. Wohin er auch schaut, überall umfängt ihn das Trugbild. Nicht einmal die Raumkanten geben dem Blick Halt, denn sie verschwinden durch trickreiche Computersteuerung. Nirgendwo stören Knöpfe oder Schalter die Illusion, sogar ein Türgriff fehlt. Um der Höhle zu entkommen, muß der Besucher - wie könnte es anders sein - mit einem virtuellen Zeigestab auf einen virtuellen Knopf drücken.

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