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Überwachungspläne : Die Agenten in ihrer bizarren Datenwelt

  • -Aktualisiert am

Durch neue Simulationstechniken könnten Flughäfen und große Plätze künftig noch besser überwacht werden. Bild: dpa

Geheimdienst und Polizeiermittler träumen davon, unsichtbar an einem Ort sein zu können. Mit neuen Simulationstechniken könnte das Wirklichkeit werden.

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          Es ist ein alter Traum der Geheimdienste und Polizeiermittler: unsichtbar an einem Ort sein, dort alles sehen, hören und fühlen. Wir praktisch es doch wäre, als unsichtbarer Dritter ermitteln und direkt ins Geschehen vor Ort eingreifen zu können. Dafür wird gerade „Second Life“, die virtuelle Abenteuerwelt des kalifornischen Herstellers Linden Lab, weiterentwickelt.

          Mit den in „Second Life“ verwendeten Simulationstechniken wollen die amerikanische Bundespolizei FBI und die National Security Agency belebte Plätze und Straßen wie etwa den New Yorker Times Square in die virtuelle Realität holen und von dort aus überwachen. „Die Ermittler wollen in Echtzeit bei den Aktionen von Kriminellen, Terroristen, aber auch ganz normalen Passanten dabei sein und möglichst in die Realität eingreifen“, beschreibt der Computerwissenschaftler Professor Hartmut Pohl von der Sicherheitsberatung Softscheck in Sankt Augustin das Ziel der Entwicklungsprojekte.

          Dafür genutzt werden Datenanzüge, Präsentationsräume für die virtuelle Realität mit sechs Projektionsflächen an Decke, Fußboden und vier Wänden sowie überdimensionale Brillendisplays. So kann ein Sicherheitsbeamter zum Beispiel einen ganzen Flughafen überwachen. Virtuell springt er vom Abfluggate in den Finger, an den gerade ein Flugzeug angedockt hat. Er kann blitzschnell Situationen erkennen, die gefährlich werden können, und Einsatzkräften vor Ort direkte Anweisungen geben, wohin beispielsweise ein Verdächtiger gerade flieht und wie sie ihn am besten stellen können.

          Durch Kopfdrehen wird die gesamte Szene verändert

          Für solch einen Überblick sorgen im Entwicklungsprojekt leistungsstarke Simulationsrechner mit mehr als 15 Milliarden Rechenoperationen je Sekunde. Sie errechnen aus den Rohdaten von Überwachungskameras und anderer Sensoren die Szenen für die Datenbrille. Dreht der Sicherheitsbeamte den Kopf, verändert sich die gesamte Flughafenszene am Gate auf dem Datendisplay entsprechend.

          Wenn man den Schilderungen der Entwickler folgt, die überwiegend für private Softwareschmieden und Technologieberatungsunternehmen arbeiten, fühlt man sich an die phantastische Überwachungswelt eines künftigen Europa erinnert, die der Schriftsteller Tom Hillenbrand in seinem Kriminalroman „Drohnenland“ beschreibt. Doch es gibt in technischer Hinsicht einige bedeutsame Unterschiede.

          Die von Hillenbrand in seinem Roman beschriebenen Drohnen für die Überwachung haben sich in den Pilotstudien der NSA-Entwickler nicht bewährt. Sie seien zu störanfällig und würden außerdem von den Passanten bemerkt und als unangenehm empfunden, wie ein Entwickler für Gesichtserkennungssoftware berichtet. Statt von Drohnen werden die Überwachungsdaten in den Pilotprojekten, die der amerikanische Nachrichtendienst NSA in Zusammenarbeit mit anderen Sicherheitsbehörden vornimmt, von Überwachungskameras und akustischen Überwachungssystemen geliefert. Und die werden durch weitere Datenquellen wie zum Beispiel Temperaturfühler, Feuchtigkeitsmesser oder Beschleunigungs- und Schwingsensoren noch angereichert.

          Konzept der Bauwerksüberwachung

          Dafür haben die NSA-Informatiker auf ein Konzept für die Bauwerksüberwachung zurückgegriffen, das vor fünf Jahren an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich entwickelt wurde. Das Bauwerksüberwachungssystem besteht aus Sensoren, welche die Daten liefern, Prozessoren, die diese Daten schon an Ort und Stelle verdichten, sowie Datenfunk- und faseroptischen Systemen für den Datentransport.

          Ausgangspunkt für die Softwareentwicklung waren die Algorithmen, die im Rahmen des Fahrenheit-Projekts in den neunziger Jahren von dem Computerhersteller Silicon Graphics und dem Softwareunternehmen Microsoft erarbeitet wurden. So kann dann der Nieselregen auf dem Times Square oder die Vibration eines vorbeifahrenden Omnibusses vom Ermittler in einem Datenanzug buchstäblich am eigenen Leibe erfahren werden, wenn er gerade als unsichtbarer Beschatter den Datenschatten zweier Verdächtiger in New York nachspürt.

          Allerdings stehen in den amerikanischen Großstädten noch nicht genügend Überwachungskameras und Sensoren als Datenquellen zur Verfügung. Deshalb sollen im nächsten Projektschritt weitere Datenquellen einbezogen werden. „Die erforderlichen Daten liefern die Passanten ja freiwillig, zum Beispiel über ihre Smartwatch“, meint Professor Pohl. Doch die vollständige Integration solcher Datenquellen in die „Second Life“-Überwachung ist eine hochkomplexe Angelegenheit.

          NSA-Verantwortliche haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen

          Außerdem haben die NSA-Verantwortlichen mit einer zweiten Schwierigkeit zu kämpfen. Damit der Ermittler in seinem Datenanzug seinen Kollegen vor Ort rasch genug Einsatzbefehle erteilen kann, muss die Simulation in Echtzeit erfolgen. Doch dafür sind die Datenfunknetze, über die zum Beispiel Schwingungssensoren ihre Signale übermitteln, nicht breitbandig genug. Und die für eine Simulation aller möglicherweise gefährdeten Gebäude und Plätze in den Vereinigten Staaten notwendige Rechnerleistung hätte einen Strombedarf weit über der zurzeit weltweit hergestellten Menge zur Folge.

          „Die Kommunikationsmenge ist sicherlich groß“, räumt Sicherheitsexperte Pohl ein, auch werde sehr viel Rechenzeit benötigt: „Aber das wird kommen; von der Technik her sehe ich da keine grundsätzlichen Schwierigkeiten.“ In nächster Zeit werden sich also Agenten der National Security Agency wohl noch nicht in der virtuellen Realität unbemerkt ins deutsche Bundeskanzleramt beamen können, um dort zu ermitteln und zu beschatten. Aber die technischen Grundlagen dafür werden derzeit entwickelt.

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