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Trendermittlung im Netz : Dank Big Data auf gute Stimmung gesetzt

Stockpulse: Ausgewertet werden unter anderem 150.000 Tweets am Tag Bild: REUTERS

Ein deutsches Startup will aus den Meinungsäußerungen im Internet eine Früherkennungsfunktion für die Bewegung von Aktien entwickeln. Mehr als 60 Prozent ihrer Daten kommen von Twitter.

          Gute Stimmung ist ja neuerdings auch im Internet wichtig. Und wie so oft ist Twitter seiner Zeit weit voraus und zeigt Entwicklungstendenzen vorab. Gibt es sogar einen Zusammenhang zwischen der Stimmung in Internetmedien und Online-Foren einerseits und Aktienwerten andererseits? Ja, meinen zwei junge deutsche Unternehmensgründer. Eine solche Verbindungslinie sei naheliegend. Gerade auf Twitter seien viele Profis, Analysten und Journalisten unterwegs, die ein Gespür für die Märkte haben und diese langfristig beobachten.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Ihr deutsches Startup will nun aus den Meinungsäußerungen im Netz eine Früherkennungsfunktion für die Bewegung von Aktien entwickeln. Also eine typische Geschichte rund um das Modethema „Big Data“. Wie kommt man darauf? Den Anfang machen wissenschaftliche Forschungen der damaligen Studenten an der Universität Köln und dem Massachusetts Institute of Technology.

          Ausgewertet werden rund 150.000 Tweets am Tag

          Stefan Nann und Jonas Krauß begannen im Jahr 2006 damit, die Diskussion über die nächsten Oscar-Preisträger in den Foren der Internet Movie Database (IMDb) auszuwerten und mit einer Prognose zu versehen. Siehe da, 2007 lagen sie bei neun von zehn Filmen richtig. Was bei Filmen klappt, sollte nun mit deutschen Aktien probiert werden. 2010 machten sich die beiden selbständig, sie gründeten Stockpulse, bekamen ein Stipendium des Bundeswirtschaftsministeriums und begannen mit dem Datensammeln im großen Stil.

          Mehr als 60 Prozent ihrer Daten kommen von Twitter. Ausgewertet werden rund 150.000 Tweets am Tag plus Inhalte aus Online-Foren und Nachrichtenseiten. Die von ihnen programmierte Software muss in letzter Instanz die kurzen Texte inhaltlich verstehen, also einer Nachricht beispielsweise eine positive oder negative Stimmung („Sentiment“) zuordnen. In einem zweiten Schritt wird analysiert, wie sich die betreffende Aktie in der Vergangenheit bei ähnlicher Stimmung verhalten hat. Denn gute Stimmung heißt nicht, dass der Kurs anschließend nach oben geht. Viele Signale sind Kontraindikatoren, der Markt läuft also entgegengesetzt der Stimmung.

          Risiken entstehen durch Hacker

          Stockpulse versteht sich als Datendienstleister, es sei eine Informationsquelle, sagt Jonas Krauß, und es gibt keine konkreten Kaufempfehlungen. Eine solche Aktien-Stimmungsanalyse mit systematischer Erfassung von Twitter-Daten betreiben derzeit auch andere Unternehmen, vor allem in den Vereinigten Staaten. Meist werden allerdings nur ausgewählte, als besonders vertrauenswürdig eingeschätzte Quellen ausgewertet.

          Aber auch das birgt Risiken, wie der als „Hashtag-Crash“ bezeichnete Kurseinbruch vom 23. April zeigte: Der Twitter-Account der Nachrichtenagentur Associated Press war gehackt worden und verbreitete die Falschmeldung einer Bombenexplosion im Weißen Haus. Die Börse reagierte augenblicklich, in drei Minuten verlor der Leitindex S&P 500 vorübergehend mehr als 135 Milliarden Dollar an Wert.

          Stockpulse will weitaus umfassender als die Konkurrenz agieren und muss also mehr in die Analyse von Syntax und Semantik investieren. Derzeit sei rund ein Drittel der eingehenden Nachrichten unbrauchbar, sagt Krauß, und deutet damit an, dass das größte Problem bei Big Data im Finanzbereich darin besteht, wie Informationen mit Interessen überlagert werden, die man wiederum nicht mit Software auslesen kann.

          Im kostenpflichtigen Internetangebot von Stockpulse findet man börsentäglich die Trendsignale vor Öffnung der Märkte, man kann seine eigenen Aktien in einer Watchlist verwalten und „Signalregeln“ programmieren, mit deren Hilfe man sofort informiert wird, wenn sich die Stimmung des Markts (etwa bei einer Aktie aus der Watchlist) bedeutend verändert. Die Hinweise sollen demnächst als Push-Nachricht auch aufs Smartphone der Kunden kommen. Das wiederum sind ganz überwiegend Händler und Daytrader.

          25 Euro kostet das kleinste Paket im Monat, für 60 Euro gibt es weitere Profi-Tools, und Händler, welche die Programmierschnittstelle (API) von Stockpulse in ihre eigene Tradingsoftware integrieren wollen, zahlen 300 Euro im Monat. Fünf bis sechs Terabyte Daten verarbeitet die Kölner GmbH derzeit im Monat, sie werden in Deutschland gelagert, und vermutlich lassen sich auch die historischen Twitter-Daten dereinst monetarisieren.

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