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Smartphone übernimmt Kontrolle : Ausgespäht im Auto mit der App

Wo bin ich, wohin geht die Reise und warum ist plötzlich die Sitzheizung eingeschaltet? Smartphone-Anwendungen von Tesla und Land Rover. Bild: Spehr

Neue Beifahrer im Datenverkehr: wenn das Smartphone die Kontrolle über das Auto übernimmt. Und was wir davon merken – oder auch nicht.

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          Der Kollege fährt im Tesla über die Autobahn, aber wir haben die Macht. Die Tesla-App auf dem Smartphone entpuppt sich als perfektes Kontrollinstrument: Aus der Ferne viele Funktionen des Autos überwachen, den Standort und die aktuelle Geschwindigkeit abfragen und den Füllstand des Akkus ablesen. Dazu müssen Auto und Smartphone einmalig verbunden werden, schon fließen die Daten vom Fahrzeug zum Unternehmen Tesla und von dort auf unser Handy. Und natürlich retour. Wir schalten dem Kollegen spaßeshalber die Sitzheizung ein. Schließlich sind es draußen nur 12 Grad. Zusätzlich drehen wir ihm die Heizung auf 25 Grad. Er soll ja nicht frieren. Da wir um ihn besorgt sind, aktivieren wir zusätzlich die Tempobegrenzung. 85 km/h müssen für die Rückreise von der A 648 bis in die Redaktion reichen.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Viele Neufahrzeuge mit Infotainment und App bieten eine solche Fernsteuerung an, die sich im Zweitjob auch vortrefflich zu Kontrollzwecken eignet. Das Verfahren läuft stets nach demselben Schema: App aufs Smartphone laden, sich dort mit persönlichen Daten wie Name, E-Mail-Adresse oder Mobilfunknummer anmelden und anschließend das Auto mit der App verbinden. Das geschieht meist, indem man in der App die Fahrzeug-Identifizierungsnummer eingibt. Anschließend sendet der Hersteller einen Bestätigungscode auf den Bordmonitor oder in ein entsprechendes Menü des Infotainmentsystems.

          Was sich anschließend in der App bietet, unterscheidet sich von Hersteller zu Hersteller. Meist sind es aber dieselben Bereiche: Statuskontrolle, Standort des Fahrzeugs, Protokoll vergangener Fahrten, Aktivierung bestimmter Funktionen. Zur Statuskontrolle gehört die Anzeige etlicher Parameter wie der Status der Fahrzeugverriegelung, des Kraftstoffvorrats oder Akkustands, teils auch Reifendruck, Füllstand des Wischwasserbehälters und Zeit bis zum nächsten Ölwechsel.

          Jede tägliche Bewegung ist abzulesen

          Fast alle Apps zeigen den Standort des Autos, meist jedoch nur den letzten. In der Hyundai-Bluelink-App sieht man, von wann bis wann das Auto gefahren wurde, wobei Entfernung, Durchschnittsgeschwindigkeit und Höchstgeschwindigkeit angegeben werden. Jede tägliche Bewegung ist in einer Kalenderdarstellung abzulesen. Noch ausführlicher war das Fahrprotokoll in einem Discovery Sport von Land Rover, den wir 2016 fuhren. Hier war zu jeder einzelnen Fahrt auch der Benzinverbrauch und die gewählte Strecke in einer Landkartendarstellung abzulesen. In der ausführlichen Darstellung waren längere Routen sogar in Segmente unterteilt. Auf diese Weise ließ sich nicht nur die Strecke exakt nachverfolgen, sondern man konnte auch sehen, wer auf welchem Abschnitt wie schnell gefahren war.

          Die Fernaktivierung verschiedener Funktionen beinhaltet meist die Möglichkeit, Türen zu öffnen oder zu schließen, Alarm einzuschalten, bisweilen auch die Option, die Hupe zu betätigen. Die Kontrolle über die Klimaanlage, wie im Tesla, findet man nur selten. Auch die Möglichkeit, eine gegebenenfalls vorhandene Standheizung bequem aus dem Wohnzimmer heraus zu aktivieren, ist eher selten, wenngleich ungemein praktisch.

          Man kann eine Region festlegen

          Tesla zeigt in der App leider keine Verbrauchswerte des Elektroantriebs, wohl aber, wo in der Nähe Supercharger stehen und wie viele Ladeplätze frei sind. Porsche wiederum bietet mit seiner App einen zusätzlichen Nutzwert für Menschen, die ihr Fahrzeug gern und intensiv auf Rundkursen bewegen. Das Programm erlaubt auf Rennstrecken eine synchrone Daten- und Videoaufzeichnung mit dem Ziel einer detaillierten Auswertung. Dazu hält sie digitalisierte Streckenverläufe von 60 internationalen Rundkursen abrufbereit. Nach dem Start visualisiert die App die Fahrdynamik mitsamt Traktion, Lenkverhalten, Längs- und Querbeschleunigung. Es werden Abweichungen zu einer zuvor gefahrenen oder vorgewählten Referenzrunde mit Hilfe einer Ghostcar-Darstellung gezeigt. Damit alles im grünen Bereich bleibt, kann der Hobby-Rennfahrer während der Aufzeichnung seinen Puls mit der Apple Watch kontrollieren lassen.

          In der Mercedes-App namens Me konnten wir vor einiger Zeit erstmals die Fahrzeugüberwachung mit einem Geofence ausprobieren. Dieser virtuelle Zaun lässt sich über die Landkarte legen. Beim Verlassen oder Betreten des markierten Gebiets wird ein E-Mail-Hinweis verschickt. Man kann also eine Region festlegen, die Fahrer des Autos nicht verlassen sollen, bei Bedarf sogar mit Zeitplan an Wochentage und Uhrzeiten gekoppelt. Wenn sie es trotzdem tun, bekommt der Halter einen Hinweis. Wer das E-Mail-Konto entsprechend einrichtet, erhält gegebenenfalls eine Push-Meldung, sobald zum Beispiel das Kind den Radius des Erlaubten verlässt.

          Mercedes zeigt zudem mit seiner App, was sich die Hersteller von ihrem Angebot versprechen: Das Smartphone wird zur Verkaufsplattform rund um Fahrzeuge und Dienste. In der Mercedes-App kann man einen Blick auf die neuen Modelle werfen, sich gleich die Finanzierung berechnen lassen oder Servicetermine in der Werkstatt vereinbaren. Dank des Kartenmaterials des Gemeinschaftsunternehmens Here bieten Mercedes und viele andere Autohersteller zudem eine Routenberechnung von Fahrzielen in der App an, wobei unter anderem Ford nicht nur auf die individuelle Mobilität setzt, sondern Angebote für Carsharing und Fahrradausleihe integriert. Dass man Ziele aus der App direkt ins Auto schicken kann, ist ebenfalls selbstverständlich.

          So angenehm auch der Komfort der vielen Angebote rund ums Smartphone sein mag: Alle Daten aus dem Auto gelangen zum Hersteller. Wer wann wohin fährt, wie er fährt, mit wie vielen Passagieren, das ergibt eine höchst private Datenspur. Die Autofahrer selbst können jedoch nicht über ihre Daten bestimmen, weder die Freigabe steuern noch von der Vermarktung für datenbasierte Geschäftsmodelle profitieren. Wie beim Smartphone mit neugierigen Apps kommt man also auch beim Kauf des nächsten Neuwagens nicht umhin, sich mit den Allgemeinen Geschäftsbedingungen, der Datenweitergabe und anderen Widrigkeiten auseinanderzusetzen. In naher Zukunft gelangen die Fahrdaten auch an Dritte, wenn nämlich vom Auto aus die Steuerung des Smart Home erfolgt, etwa das Einschalten der Beleuchtung und Öffnen der Garageneinfahrt für den Nachhausekommenden. Zu diesem Zweck sind dann Alexa und andere Assistenten nicht nur im Auto an Bord, sondern auch neue Mitfahrer im Datenverkehr.

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