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Neuer Streamingdienst im Test : Hat Google mit Youtube Music den Spotify-Killer?

So sieht das neue Youtube Music aus. Bild: Screenshot Dettweiler

Selbst Apple konnte Spotify nicht aus dem Markt drängen. Nun wird es noch enger im Kreis der Streamingdienste. Youtube Music von Google ist da - und versteht, was wir hören wollen.

          4 Min.

          In Deutschland gibt es seit diesem Montag einen weiteren Streamingdienst: Mit Youtube Music will sich Google mit Spotify, Apple Music, Deezer, Amazon Music und anderen Mitbewerbern messen. Kosten und Zugang sind ähnlich. Für zehn Euro monatlich gibt es Millionen von Liedern in einer App zum Streamen. Ebenso lässt sich über einen Desktop-Player die Musik hören. Und es gibt eine werbefinanzierte Variante, die kostenlos ist und eine eingeschränkte Funktionalität hat.

          All das konnte Googles Play Music auch schon. Warum bietet das Unternehmen nun ein neues Produkt an, und mit welchen Funktionen will Youtube Music Kunden locken? Schließlich haben Anbieter wie Spotify auch die Apple-Music-Attacke überstanden. Wir haben Youtube Music bereits getestet, um herauszufinden, was an diesem Streamingdienst besser sein soll. Einen Nachteil schon mal vorab: Im Vergleich zu allen anderen Streamingdiensten hat Youtube Music derzeit mit 128 Kilobit pro Sekunde im AAC-Format eine sehr starke Kompressionsrate. Die soll sich laut Google „bald“ erhöhen auf 256 Kilobit pro Sekunde. Das wäre dann eine konkurrenzfähige Audioqualität.

          Es liegt nahe, dass das Besondere etwas mit Künstlicher Intelligenz zu tun hat, weil Google in diesen Bereich viel investiert, reichlich Erfahrung hat und Erfolge bei anderen Anwendungen vorzeigen kann. Wir würden das KI-Gerede gern zur Seite schieben und von einem klugen Algorithmus schreiben. Wohin der Weg führt, erkennt der Nutzer bereits kurz nach dem Öffnen der App.

          Dann soll man zunächst in einer Liste anklicken, welche Musiker man mag. Scrollt man los, ohne zu klicken, scheint die List unendlich lang. Wir kamen vorbei an Ed Sheeran, Taylor Swift, Paul Kalkbrenner, Cro, Abba, Rammstein, Nils Frahm, Udo Jürgens, Kendrick Lamar, Helene Fischer, Wolfgang Amadeus Mozart, Igor Strawinsky, Max Giesinger und Johann Sebastian Bach. Nach dem 400. Musiker sind wir dann zurück auf Start und haben uns entschieden. Google wollte gar nicht so viele Hinweise, nach einigen Dutzend Musiker-Klicks gab sich der Algorithmus schon zufrieden.

          Warum Mark Forster ähnlich wie Pink Floyd ist, versteht auch nur Google. Bilderstrecke

          Während des Künstler-Klickens fühlt man sich an einen Psycho-Tests erinnert, in denen man schon bei der Auswahl überlegt, was sie später in der Gesamtbewertung bewirken könnte. U2 anklicken oder nicht? Coldplay, ja oder nein? Soll Led Zeppelin in die Liste aufgenommen werden? Früher gehörten die Bands zur Favoritenliste. Wenn eines ihrer Lieder im Radio oder auf einer Party erklingt, macht es Spaß, aber aktiv hören wir sie nur selten. Andererseits entdeckt man Musiker, die man immer schon hören wollte, und könnte jetzt die Gelegenheit nutzen, sie kurzerhand zu Favoriten zu erklären.

          Interessanterweise führt Google einige Künstler auf, die in Spotify zu unseren Favoriten gehören, aber eigentlich im Vergleich zu den anderen aufgeführten Musikern so unbekannt erscheinen, dass die Vermutung nahe liegt, ein anderer Google-Algorithmus hätte schon mal Daten gesammelt. Ein paar Beispiele: The War on Drugs, Jon Hopkins, Carl Graig, Bap oder Aphex Twin. Die hätten wir zwischen Helene Fischer und Robbie Williams nicht unbedingt erwartet.

          Die Startseite ist dynamisch

          Wie auch immer: Hat der Algorithmus sein Futter bekommen, kann es losgehen. Dann wird es erwartbar und etwas langweilig. Die App schlägt folgendes Kategorien oder Playlists vor: “Musik zum Durchstarten”, “Neuerscheinungen”, “Entspannter Morgen”, “Musik für die Arbeit”, “Ähnlich wie George Michael”, “Glücklich in den Tag”, “Sommer, Sonne, Sonnenschein”, “Brandneue Musik” und “Ähnlich wie Edgar Varèse”. Weil die App Youtube Music heißt, dürften natürlich “empfohlene Musikvideos” nicht fehlen. Die sind unterteilt in “Live-Auftritte” und “Neue Videos”.

          Die Empfehlungen auf der Startseite sind dynamisch und wechseln mit dem Nutzerverhalten. So empfiehlt Youtube Music heute unter anderem “Ähnlich wie Kraftwerk”. Darin findet sich zum Beispiel eine Playlist von “New Order” oder “Hypnotischer Krautrock”, was uns an dem Algorithmus zweifeln lässt. Unter “Meine Favoriten” wartet übrigens “Mein Mixtape”, ein “endloser personalisierter Mixtape”, bestehend aus zufällig ausgewählten Liedern der Musiker, die am Anfang zu Favoriten auserkoren wurden.

          Erfreulich ist die reduzierte Konzeption der App. Die untere Leiste besteht aus Start, Hotlist und Bibliothek. Letztere ist bekannt von Streamingdiesten wie Spotify. In Youtube Music werden dort verwaltet: Downloads, Playlists, Alben, Songs, die ich mag, und Künstler. Das ist schön überschaubar und häufig entspannter als die Komplexität anderer Streamingdienste. Aber es lässt sich nicht -- wie bei Spotify -- eine strukturierte Playlist-Ordnung erstellen. Dafür setzt Google zu sehr auf seinen Algorithmus, der sowieso weiß, was man gern hört.

          Zeile suchen, Lied finden

          Youtube Music genügt es sogar, dass Nutzer nur eine Textzeile eingeben, also gar nicht den Titel des Songs kennen. Dann hilft die “Smart Search”. Wir haben einige ausprobiert. Bei diesen Zeilen klappt es:

          “There is something in my head but it’s not me”: Braindamage von Pink Floyd

          “Alles tanzt alles lacht”: Hulapalu von Andreas Gabalier

          “Body or a boy make”: We will rock you von Queen

          “We are just two lost souls”: Wish you were here von Pink Floyd

          “Der pisst höchstens a zet in de schnie“: Kristallnaach von BAP

          “Du in deinem Einfamilienhaus lachst mich aus”: Mein Block von Sido

          “And now you do what they told ya”: Killing in the name of von Rage against the machine

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          Bei diesen Zeilen listet Youtube Music nur das Video:

          “Your sister's gone out, she's on a date”: Captain Jack von Billy Joel

          “I saw you dance in the devil's arms”: Monster von Mumford & Sons

          Das Mixtape immer dabei

          Diese Funktion macht Spaß und ist praktisch. Google behauptet sogar, es müsste nur ungefähr passen. Youtube Music lässt sich auch mit einer semantischen Suche füttern. Die beiden einzigen Beispiele von Google: „Titelsong von Til Schweiger Film“ und „Dieser Rap-Song mit der Flöte”. Dann erscheint “Go Solo“ von Tom Rosenthal und „Mask Off“ von Future. Leider fielen uns kaum smarte Beispiele ein, um diese Funktion zu testen. “Dieser Rock-Song mit dem Pfeifen” führt nicht zu Wind of Change von den Scorpions.

          Eine weitere schöne Funktion gibt es noch: Youtube Music lädt - wenn man zustimmt - im Offline Mixtape automatisch bis zu hundert Lieder aus dieser Playlist, sodass auch für ein paar Stunden Musik gesorgt ist, wenn keine Mobil- oder W-Lan-Verbindung zur Verfügung steht. Das geht schnell, denn die Kompressionsrate der Lieder, die heruntergeladen werden, ist nur 128 Kilobit pro Sekunde. Somit sind die Dateien relativ klein.

          Wie intelligent wird der Algorithmus?

          Auf den ersten Blick ist Youtube Music kein Streamingdienst, der die Kunden von Spotify, Apple Music weglocken kann. Zu sehr ähnelt das Produkt der Konkurrenz. Die Smart Search ist nett, mitunter praktisch und recht zuverlässig. Aber allein aus diesem Grund wird keiner wechseln, gerade dann nicht, wenn die aktuelle App mit gut gepflegten, selbst erstellten Playlists bestückt ist.

          Es sei denn, es stellt sich im Laufe der nächsten Monate heraus, dass der kluge Algorithmus doch den Namen Künstliche Intelligenz verdient hat und die Empfehlungen maßgeschneidert sind. So formuliert Google seine Ansprüche: “Je mehr einem gefällt und man anhört desto genauer werden die Empfehlungen.“ Dann werden auch die Freunde von Apple Music, die seine von Redakteuren kuratierten Playlists mögen, möglicherweise über einen Wechsel nachdenken.

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