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Streaming mit Spotify & Co. : Im Netz ist Musik drin

Nicht so gut wie die Audio-CD

Auch hinsichtlich der Klangqualität gibt es Einbußen, keine Frage. Sony startete dereinst mit lausigen 48 KBit/s, das ist nicht akzeptabel. Inzwischen bieten die Japaner auch „hochwertige Online-Musik“, die auf dem Smartphone mit einer Bitrate von 160 KBit/s einhergeht. Aber selbst ein noch höher aufgelöstes MP3-Format hört sich nicht so gut an wie die Audio-CD. Von erstklassigen Verstärkern und Lautsprechern wollen wir hier gar nicht reden. Wer ein Streaming-Paket wählt und sein ganzes Haus beschallen will, ist derzeit mit einer Sonos-Anlage am besten bedient. Das amerikanische Unternehmen richtet sich seit Jahren an Zeitgenossen, die ihre Musik in iTunes-Archiven oder auf Netzwerkfestplatten vorhalten. Für Musik „on demand“ sind alle wichtigen Anbieter in den entsprechenden Apps bereits vorkonfiguriert. Mit den Apps steuert man auch die Wiedergabe, und zwar im gesamten Haus.

Auf dem kleinen Dienstweg kommt man aber ebenfalls flink zum Ziel. Das Smartphone oder der Tablet PC ist dann die Musikzentrale, die Stücke werden mit Bluetooth an Lautsprecher weitergereicht. Boxen mit eingebautem Mini-Verstärker haben wir hier unlängst vorgestellt. Bluetooth ist jedoch ob seiner geringen Reichweite für den Multiroom-Einsatz im ganzen Haus ungeeignet. Neben Sonos empfiehlt sich ein Blick auf das neue Soundtouch-System von Bose mit Airplay.

Über kurz oder lang wird das Streaming den gesamten Musikmarkt umwälzen. Während in Deutschland die Digitalumsätze der Musikindustrie noch zweistellig wachsen, zeigen die skandinavischen Länder, in denen das Streaming groß geworden ist, eine andere Tendenz: Ein Großteil der Einnahmen stammt aus den Streaming-Diensten, und die Download-Umsätze verschwinden in der Bedeutungslosigkeit.

Der Musikmarkt ist also dabei, sich zu drehen. Die Mobilfunker fördern diese Entwicklung nach Kräften. Nicht nur, weil die Streaming-Anbieter ein lohnendes Übernahmeobjekt sein könnten. Sondern, weil Streaming ein geradezu geniales Werkzeug ist, die unbeliebte Netzneutralität aufzubrechen, wie abermals das Beispiel Spotify zeigt. Das schwedische Unternehmen arbeitet in vielen europäischen Ländern mit Netzbetreibern zusammen - mit Orange in der Schweiz, mit Telia Sonera in Schweden, Finnland, Dänemark und Norwegen, mit Yoigo in Spanien, SFR in Frankreich, KPN in den Niederlanden und in Deutschland mit der Telekom. In den entsprechenden Mobilfunktarifen sind nicht nur die Kosten für das Spotify-Abonnement bereits enthalten. Es werden auch diejenigen Daten, die für mobiles Musikhören anfallen, nicht auf das gebuchte Kontingent angerechnet. Die typischen 500 Megabyte des gewöhnlichen „Flatrate“-Vertrags sind im Musikbetrieb nach wenigen Stunden „verbraucht“. Die Spotify-Daten werden jedoch privilegiert, sie kosten den Kunden scheinbar nichts. Spotify-Konkurrenten müssten ihren Kunden für ein vergleichbares Nutzererlebnis einen Gigabyte-schweren Datenvertrag dazubuchen. Aber bereits zehn Gigabyte im Monat kosten bei der Telekom um die 50 Euro im Monat.

So gewöhnen die Netzbetreiber ihre Kunden sukzessive daran, dass es unterschiedliche Abrechnungen für unterschiedliche Daten gibt. Der Mobilfunker, der ja eigentlich nur für den Transport zuständig ist, stellt als Torwächter seine Mauthäuschen entlang der Strecke auf und tarifiert nach Inhalt und Herkunft. Da der Kunde auf den ersten Blick von diesen Übereinkünften profitiert, gibt es auch kein Empörungspotential.

Fünfzehnmal Friktionen von Clausewitz

Streaming und Musikvorräte in der Cloud und das Abspielen auf so gut wie jedwedem portablen oder stationären Wiedergabegerät sind ja gut und schön. Und es ist eine feine Sache, wenn, kaum dass bei Amazon die Vinylscheibe gekauft ist, die sich die Tochter zum Namenstag gewünscht hat, die Musik der schwarzen Rille durch AutoRip in den Amazon Cloudplayer geschaufelt wird. Die Schallplatte ist noch nicht angekommen, da wird die Musik schon vom Smartphone über die Bluetooth-Verbindung aus dem mobilen Lautsprecher gepustet. Also wird sie einmal akustisch erstklassig und bis hin zum Plattencover anfassbar verfügbar sein, parallel dazu aber auch in MP3-Qualität virtuell überall und jederzeit. So ganz ohne die Gegenständlichkeit der akustischen Genüsse möchte man auch in Zeiten des Streaming und der Downloads dann doch nicht sein. Jüngere betrachten wohl kopfschüttelnd das Hörbücher-Regal: „Warum eine Audio-CD kaufen und ins Regal stellen? Ein Hörbuch hört man doch nur einmal!“ Von wegen. Was hat, nur mal die letzten Monate zurückgedacht, viele Stunden auf der Autobahn in Fahrt und Stau verkürzt? Einzelne Passagen von Goethes „Wahlverwandtschaften“ wurden gewiss dreimal von Gert Westphal einfühlsam zu Gehör gebracht. Und die Möglichkeiten und Friktionen in Carl von Clausewitz’ „Vom Kriege“ wurden mehr als zwei Dutzend Mal in den Schlitz des CD-Players geschoben. Nix Streaming. py.

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