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Neuer Streaming-Dienst : Wer braucht schon Apple Music?

Bild: AFP

Apple hat nun auch einen Streaming-Dienst. Davon gibt es mittlerweile viele. Wieso sollte man die zehn Euro im Monat für „Apple Music“ ausgeben? Viele gute Gründe gibt es nicht.

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          Apple hat nun auch einen Streaming-Dienst. Er heißt „Apple Music“. Nutzer können mit Hilfe einer App, die ab Ende Juni durch ein Update auf dem Betriebssystem iOS 8.4 vorinstalliert sein wird, auf 30 Millionen Lieder zugreifen und diese nach Belieben abspielen. Dieser Service wird in den ersten drei Monaten kostenlos sein und den Musikfan danach pro Monat knapp 10 Dollar und in Deutschland vermutlich 10 Euro kosten. Ist das ein attraktives Angebot?

          Nein. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen: Spotify bietet 20 Millionen Songs und die monatliche Gebühr beträgt ebenfalls zehn Euro. Das gleiche Konzept gilt auch für Deezer, Google Play Music, Napster, Xbox Music und viele weitere. Die Angaben zum Titelangebot schwanken zwischen 20 und 35 Millionen. Diese Zahlen sagen wenig aus. Nehmen wir wieder den Marktführer Spotify: Sucht man stichprobenartig nach Songs, wird man in der Regel fündig. Aktuelle Alben lassen sich in der Regel am Erscheinungstag oder kurz danach streamen.

          Dass es diese Dienste gibt, wissen natürlich auch die Strategen aus Cupertino. Sie dürften den Markt schon länger beobachtet haben. Mit der bitteren Erkenntnis: Bei iTunes kaufen weniger Musikfans ein, weil sie sich zum Preis eines Albums einen Monat lang bei Spotify und Co. beliebig viele Alben anhören können. Da Apple sehr ungern zugeben möchte, dass man auf diesem Markt hinterherhinkt und die Entwicklung verpasst hat, gab man sich am Montag Abend auf der Keynote viel Mühe, um zu zeigen, dass Apple Music etwas besonderes ist und einen Mehrwert gegenüber der Konkurrenz hat.

          Dabei wurden drei Merkmale hervorgehoben: Erstens bietet Apple „von Menschen gepflegte“ Playlists an. Das heißt: Musikexperten stellen kontinuierlich Lieder zusammen, die der Nutzer unter einem bestimmten Aspekt aussuchen kann. Teil der App ist zweitens ein „24/7 Global Radio“, das von dem australischen DJ Zane Lowe geleitet und mit seinen Kollegen Ebro Darden und Julie Adenuga in Los Angeles, New York und London bestückt wird. Drittens bietet Apple Music mit „Connect“ den Künstlern die Möglichkeit, direkt mit ihren Fans zu kommunizieren. Sie können Bilder, Texte oder Audios mit ihnen teilen, wenn sie etwa an einem neuen Album arbeiten. Sind das die „Killer-Features“ von Apple Music?

          Einzeln betrachtet auf keinen Fall. Erstens gibt es auch auf Spotify jede Menge „Radiosender“, die Lieder eines bestimmten Genres abspielen. Und es werden ebenfalls Empfehlungen gemacht, die auf dem basieren, was man üblicherweise hört. Zweitens finden sich über das Internet zugängliche Radiosender tausendfach. Eine App wie Radio.de, TuneIn oder Audials Radio Free genügt, um diese zu streamen. Der Vorteil gegenüber Apple Music: Da es eine enorm große Auswahl gibt und noch der kleinste Nischensender zu hören ist, dürfte jeder ein Radio finden, das seinen Geschmack trifft. Und drittens muss Apple die Verbindung zwischen Künstler und Fans nicht neu aufbauen. Sie läuft bereits über Kanäle wie Facebook, Twitter, Soundcloud oder deren eigene Internetseiten. Also bieten die anderen Streaming-Dienste das gleiche?

          Die Vereinheitlichung als Vorteil

          Wie immer ist der Vorteil bei Apple, dass alle Funktionen in einer App integriert sind. Apple Music ist die zentrale Verwaltung auf dem iPhone und iPad für jegliche Musik. Der Nutzer streamt, spielt und kauft Musik in einer App. Auch hört er damit Radio und kommuniziert mit seinen Künstlern. Für Musikhörer mit Mainstream-Geschmack dürfte es deshalb attraktiv sein, eine solche App zu nutzen. Denn Apple wird sicherlich diesen bedienen. Wer bereits im Netz unterwegs ist und seine favorisierten Blogs, Webseiten und Podcasts hat, um neue Musik zu entdecken, wird Apple Music nicht nutzen. Und auf die Musik, die er bereits auf seinem Gerät gespeichert hat, kann er auch über die Spotify-App zugreifen. Lohnt sich dennoch ein Wechsel?

          Für Nutzer von Streaming-Diensten wie Spotify oder Deezer lohnt sich der Wechsel nicht unbedingt. Er hat zumindest wenige Vorteile gegenüber seinem bisherigen Produkt. Nun ist ein Streaming-Dienst allerdings auch schnell gekündigt, und viele iPhone-Besitzer haben noch gar keinen abonniert. Deswegen wird Apple mit seinem neuen Streaming-Dienst wohl doch erfolgreich sein. Nutzer sind in der Regel bequem. Ab iOS 8.4 genügt ein Klick auf Apple Music. Dann geht das Streaming direkt los. Wenn es dem Nutzer gefällt, lässt er das Abo laufen. Nach drei Monaten bucht Apple über seine Kreditkarte, deren Daten eh schon hinterlegt sind, automatisch monatlich knapp 10 Euro (oder 15 Euro für ein Familien-Abo mit bis zu sechs Lizenzen) ab. Sollte man also Apple Music abonnieren, wenn man noch keinen Streaming-Dienst hat?

          Die Qualität ist der Unterschied

          Nicht unbedingt. Denn es gibt noch ein Merkmal, das die Audiophilen unter den Musikfans schon ihre Spotify-Abo kündigen ließ. Das ist die Auflösung der gestreamten Audio-Dateien. Spotify streamt in einer Qualität von 320 Kilobit pro Sekunde im MP3-Format. Apple Musik nutzt vermutlich die übliche iTunes-Auflösung von 256 Kbit/s im AAC-Format. Wem dies nicht genügt – und wer möglicherweise auch den Unterschied hört –, ist mit Streaming-Diensten wie Tidal (früher Wimp) besser bedient. Dort werden die Lieder in CD-Qualität im Flac-Format ausgeliefert. Das heißt verlustfrei.

          Tidal kostet mit knapp 20 Euro pro Monat allerdings mehr und die Auswahl an Songs ist etwas eingeschränkter. Ein weiterer Vorteil: Immer mehr Audio-Hersteller integrieren Tidal als Streaming-Dienste in ihre Gerät, sodass man direkt von der App aus die Musik abspielen kann. Andere bieten mit Spotify Connect den gleichen Service für das Konkurrenzprodukt an. Man sollte sich also genau überlegen, wo man das Streaming einsetzt und wie viel einem die Qualität wert ist.

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