https://www.faz.net/-gy9-yjco

Spracherkennungs-App für iPhone : Es gilt das gesprochene Wort

Bitte sprechen Sie ... jetzt! Bild: Hersteller

Nuance bringt an diesem Freitag mit „Dragon Dictation“ eine deutsche Spracherkennung für das iPhone. Die App ist flink installiert und zeigt verblüffend gute Ergebnisse. Sie ist ideal für Menschen, die nicht tippen wollen oder können.

          Einige Milliarden SMS schreiben allein die Deutschen Jahr für Jahr, obwohl die Eingabe der Kurznachrichten am Handy oder Smartphone etliche Fingerfertigkeiten voraussetzt. Nach der Texteingabe T9, die fast zehn Jahre alt ist, brachten die modernen berührungsempfindlichen Bildschirme Erleichterung. Bei besseren Geräten ist auch eine Wortratefunktion dabei. Sie ergänzt aus einem hinterlegten Wörterbuch oder führt manche Korrektur stillschweigend aus. Und nun kommt in diesem Jahr der nächste Schritt: die Spracherkennung am Mobiltelefon. Neu ist der Gedanke nicht. Bei den Android-Geräten bietet Google diese Funktion schon seit Monaten an, seit einigen Wochen – etwa für das Nexus One – auch in deutscher Sprache.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Die Erkennung erfolgt nicht auf dem Handy oder Smartphone, dafür sind Rechenleistung und Arbeitsspeicher zu knapp, sondern auf ausgelagerten Servern: die Audio-Aufnahme wird per Mobilfunk oder Wireless-Lan verschickt, in der Ferne transkribiert und das Resultat dem Absender zurückgeschickt. Was Google leistet, ist beeindruckend. Aber einige Probleme seien nicht verschwiegen: Die Erkennungsrate schwankt zwischen „hinnehmbar“ und „ausreichend“. Zudem gibt es keine Korrekturmöglichkeit (außer mit den üblichen Optionen des Smartphone-Editors), keinen Lernprozess wie bei einer stationären Spracherkennung und schließlich: Man weiß bei Google nie, wie lange man sprechen darf. Überschreitet man die unsichtbare Grenze, kommt eine Fehlermeldung, und das Diktat war für die Katz.

          Die App ist flink installiert

          Nun hat das Thema jenes Unternehmen aufgegriffen, das in Sachen Spracherkennung die größte Erfahrung und die Marktführerschaft in aller Welt hat: Nuance bietet für das iPhone und das iPad von Apple „Dragon Dictation“ gratis an, die Namensgebung orientiert sich an der PC-Software Dragon Naturally Speaking. Die App ist flink installiert, und man muss danach nur überlegen, ob man dem Hochladen seiner Adressbuch-Namen zustimmt – für eine höhere Erkennungsrate, wenn man etwa Herrn Illnert eine SMS oder E-Mail diktiert. Die Adress-Daten wie Rufnummer, E-Mail oder Anschrift werden nicht übertragen, es gibt nach Auskunft von Nuance keine Hintertürchen oder Datenschutzbedenken. Und, wie gesagt, man kann es auch ganz lassen. Anschließend steht die Spracherkennung sofort parat – ohne vorhergehendes Sprechertraining wie bei der PC-Software. Und leider nicht, wie bei den Google-Smartphones, als Teil der virtuellen Tastatur zum Aufruf in jedem beliebigen Programm-Modul, sondern als eigenständige, geschlossene App, was den Einschränkungen von Apples Betriebssystem geschuldet ist.

          Der Mensch spricht, das iPhone schreibt

          Man tippt auf den roten Aufnahmeknopf, diktiert, wartet ab – und staunt. Die Erkennungsrate ist geradezu atemraubend, viel höher als beim System von Google. Geht es um einfache Dinge, wie man sie mit schlichtem Wortschatz üblicherweise in SMS formuliert („komme etwas später, warte nicht mit dem Mittagessen!“), sind die Ergebnisse fast immer perfekt. (Der Screenshot zeigt den ersten und zweiten Satz dieses Artikels in der Dragon-Erkennung). Mit der Komplexität des Vokabulars steigt die Fehlerrate, aber davon einmal abgesehen ist man als älterer Nutzer mit Diktat und Spracherkennung deutlich schneller als mit der sonst üblichen Fingerakrobatik. Erkennungsfehler lassen sich in dem Editor von Dragon Dictation flink beseitigen, zweit- und drittwahrscheinlichste Alternativen erscheinen nach einem Fingertipp auf das falsch erkannte Wort.

          Dragon Dictation funktioniert im Auto ebenfalls prima

          Im Unterschied zum Google-Angebot funktioniert nicht nur die Erkennung von Interpunktionszeichen, sondern man kann sogar etliche vertraute Kommandos aus Dragon Naturally Speaking einsetzen („neue Zeile“, „neuer Absatz“, erzwungene Großschreibung des nächsten Wortes). Alles in allem also ein sehr durchdachtes Programm. Die fertigen Texte lassen sich mit dem Export-Symbol in eine SMS-Nachricht oder E-Mail übergeben – oder direkt nach Facebook oder Twitter senden. Auf dem iPad mit seinem größeren Bildschirm steht zudem links eine Liste der bereits getätigten Diktate parat, man hat damit also eine Archivfunktion – und kann an unterschiedlichen Texten arbeiten.

          Dragon Dictation funktioniert im Auto ebenfalls prima, die Achillessehne ist in manchen Fällen eine abreißende Mobilfunk-Datenverbindung. Auch muss man sich an die Erkennungs-Zwangspause nach dem Diktat von ein oder zwei Sätzen gewöhnen. Aber insgesamt ist diese Spracherkennung auf dem Smartphone schon eine kleine Revolution. Sie ändert den Umgang mit technischen Geräten und macht ihn vor allen Dingen leichter. Besonders das ohnehin einfach zu bedienende iPad könnte damit ein ideales E-Mail-Gerät für ältere Menschen werden, die sich weder mit einer Tastatur noch mit komplizierter Technik anfreunden können oder wollen.

          Weitere Themen

          Warum die Vereinigten Staaten keinen ICE haben Video-Seite öffnen

          Geisterbahn : Warum die Vereinigten Staaten keinen ICE haben

          2008 stimmten die Kalifornier in einem Referendum für eine Hochgeschwindigkeits-Bahnstrecke zwischen Los Angeles und San Francisco, passiert ist bis heute wenig. Weil die Baukosten explodiert sind, strich der neue Gouverneur unlängst die Mittel für das Projekt zusammen. Nun wird es womöglich nie kommen.

          Science Fiction für Jedermann Video-Seite öffnen

          Lilium-Flugtaxi : Science Fiction für Jedermann

          Die Firma hat jetzt Bilder von einem kurzen, unbemannten Flug eines Prototypen veröffentlicht. Das Flugzeugtaxi soll für jeden verfügbar sein, nicht nur für reiche Käufer, versichert Firmenchef Daniel Wiegand. Schon 2025 soll das Fluggefährt auf den Markt kommen.

          Topmeldungen

          Österreichs Regierung am Boden : Von der Musterehe zum Rosenkrieg

          Aus den Rissen in der türkis-blauen Koalition wurden durch die Ibiza-Affäre in beeindruckender Geschwindigkeit Gräben. Die Neuwahl ist für Sebastian Kurz eine Chance, mehr Stimmen für die ÖVP zu gewinnen – aber sie birgt auch ein großes Risiko.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.