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Softwareentwicklung : Ein Vogelschwarm testet Apps

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Das Sprichwort „Vier Augen sehen mehr als zwei“ hat sich in unseren vernetzten Zeiten zum Begriff der Schwarm-Intelligenz gesteigert. Der Einsatz vieler ergänzt traditionelle Methoden der Softwareentwicklung

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          Das Sprichwort „Vier Augen sehen mehr als zwei“ hat sich in unseren vernetzten Zeiten zum Begriff der Schwarm-Intelligenz gesteigert. In München nistet virtuell ein Vogelschwarm, der mehrere tausend Mitglieder umfasst. Die probieren Software in Gestalt von Websites und Apps aus, die von anderen entwickelt wurden. Das junge Unternehmen heißt Testbirds, und die bildhafte Sprache von wegen Nest und Vogelschwarm gehört zum Stil des Hauses. Eigentlich ist Crowdtesting, so der für diese Dienstleistung gefundene Begriff, nämlich eine ganz nüchterne Sache.

          Jemand entwickelt eine App oder lässt sie oder seinen Netzauftritt samt Onlineshop entwickeln und möchte wissen, ob die Sache funktioniert, und zwar mit den verschiedensten Browsern und mit möglichst unterschiedlichen Geräten, als da wären etwa Smartphones mit unterschiedlichen Betriebssystemen und Betriebssystemversionen, Tablets oder auch mit einem schnöden Windows-Rechner. Aber genauso soll die Entwicklung mit der angepeilten Zielgruppe funktionieren und sogar dann, wenn ganz und gar nicht zur Zielgruppe gehörende Benutzer mit ihr in Berührung kommen. Stecken irgendwo noch Programmfehler, sind alle Links erreichbar, oder landet man hier und da im HTTP-Nirwana der 4xx-Fehlermeldungen? Gefällt den Benutzern Erscheinung und Bedienungsweise der App oder des Web-Auftritts? Was vermissen sie? Womit kommen sie nicht zurecht? Was macht unser Wettbewerber auf seinen Internetseiten und mit seiner App besser oder schlechter als wir?

          Solche Fragen haben die Testbirds einer stattlichen Anzahl von Unternehmenskunden aus so unterschiedlichen Branchen wie Automobilbau, Finanzsektor, Telekommunikation, Messe- und Verlagswesen beantwortet, seit sie Ende 2011 rund ein halbes Jahr früher als geplant flügge wurden. Im Eingangsbereich des physikalischen Nests der Testvögel, wo rund 30 Mitarbeiter in der Münchener Guerickestraße die eigentlichen Tester managen, hängen Referenzen von Audi bis Zalando. Und Woche für Woche nimmt die Zahl der Testvögel um 50 bis 100 zu. Die meisten werden durch Mundpropaganda geworben. Gerade hat das von Philipp Benkler, Georg Hansbauer und Markus Steinhauser gegründete Unternehmen ein Büro in den Niederlanden und eins in Großbritannien eröffnet.

          In München sitzen die Birdmaster. (Bitte nicht mit diesem Wort zu googeln versuchen, mit Birdmaster landet man bei einem Unternehmen zum Vergrämen von Vögeln. Testbirds ist das Suchwort, und wenn man sich selbst für die Sache interessiert, ist https://nest.testbirds.de/ die richtige Adresse.) Ein Birdmaster organisiert für einen Kunden das gesamte Projekt und ist sozusagen das Scharnier zwischen Auftraggeber, Testern und Testergebnis. Wie der einzelne Test abläuft und mit welchen und wie vielen Testern, welche Fragen geklärt werden sollen, das ist von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Bei der Fehlersuche (“Bugtesting“) zum Beispiel kann es darum gehen, alles Mögliche auszuprobieren, oder es wird den Testern genau vorgegeben, was sie zu tun versuchen sollen. Das kann eine Liste zum Abarbeiten bestimmter Klicks sein oder ein Anwendungsfall nach dem Motto „Bestell etwas und versuche den Warenkorb vor dem Schritt ,Zur Kasse gehen’ teilweise zu leeren“.

          Der Birdmaster wird sich bei der telefonischen Beratung mit dem auftraggebenden Kunden klar darüber, ob ein qualitätssicherndes Bugtesting gewünscht ist oder ob die Usability (Bedienungsfreundlichkeit) oder beides zusammen untersucht werden soll. Die Geräte, auf denen getestet wird, müssen geklärt werden und auch die Charakteristiken der Tester. Bei der Auswahl, der dann online eine Einladung an die Tester folgt, unterstützt den Birdmaster die selbstentwickelte Plattform des „Nests“. Hier sind die bei der Anmeldung abgefragten Profile der Tester in einer Datenbank hinterlegt, aus der sich ebenso Blackberry-Benutzer wie Hausfrauen oder Diabetiker fischen lassen. Je Projekt werden nicht weniger als 15 bis 20 Tester eingesetzt; 30 bis 35 sind Durchschnitt, mehr als 100 waren bislang noch nicht in einem Projekt.

          Die Tester, die der Einladung folgen, erhalten Zugangsdaten oder die App vorab und sind durch die Geschäftsbedingungen von Testbirds zur Verschwiegenheit verpflichtet. Wenn es ganz geheim zugehen soll, lässt sich auch eine „Secure Crowd“ organisieren. Die Tester erhalten einen Grundbetrag für die Teilnahme und Boni für gefundene Fehler. Die müssen sie durch Screenshots und Notizen dokumentieren und an den Birdmaster des Projekts liefern. Der prüft die Angaben, verlangt gegebenenfalls Nachbesserungen oder genauere Dokumentation und verfasst schließlich aus diesem Material einen Abschlussbericht für den Kunden.

          Solch ein Test kann innerhalb einer guten Woche abgewickelt werden: Binnen eines halben Tages sind die Einladungen draußen und angenommen, der eigentliche Test benötigt ein bis zwei Tage bei einem Aufwand von drei bis vier Stunden, die Testern mit zehn Euro je Stunde honoriert wird. Die Kunden des Projekts zahlen je nach Leistungsumfang, der beispielsweise auch das Dokumentieren jedes einzelnen Tests umfassen kann, für das Crowdtesting mehrere 1000 Euro; die Preise beginnen bei etwa 3000 Euro.

          Während die Münchener Mitarbeiter der Testbirds eher ein Durchschnittsalter von unter 35 Jahren haben, finden sich unter den Testern auch Pensionäre. Es gibt unter ihnen den Typ des Helfers der Menschheit, aber auch den Doktoranden der Medizin, der ganz trocken den Vorteil sieht, neben dem Schreiben seiner Doktorarbeit mit völlig flexiblen Arbeitszeiten seinen Lebensunterhalt als Crowdtester verdienen zu können. Und weil auch Spaß zu dieser Arbeit gehören soll, ist etwas „Gamification“ im Nest der Testvögel angesagt: Sie können Erfarungspunkte sammeln und sich mit einem Highscore lobende Erwähnungen erarbeiten.

          HANS-HEINRICH PARDEY

          „Was macht der Wettbewerb auf seinen Internetseiten und mit seiner App besser oder schlechter als wir?“

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