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Software für Videokonferenzen : Meeting immer und überall

Alle Teilnehmer auf einen Blick: Skype ist geradezu der Klassiker unter den Videokonferenzsystemen, es läuft auf Smartphone und PC Bild: Hersteller

Der endgültige Durchbruch der Videokonferenzen wurde schon vor 25 Jahren angekündigt. Aber jetzt ist es wirklich einfach. Ein Vergleich der gängigsten Lösungen: von Skype bis Blackberry Meetings.

          Das Thema eilt und soll in der ganzen Gruppe besprochen werden, und zwar rasch und ohne Dienstreise. Die Lösung ist eine Videokonferenz. Vor Jahr und Tag hätte man sich dazu in einen speziellen Telepräsenzraum namhafter Anbieter begeben, wo mit aufwendiger Kamera- und Mikrofontechnik sowie großen Flachbildschirmen die nahezu perfekte Illusion geschaffen wurde, die Kollegen aus der Ferne säßen tatsächlich an der anderen Seite des Konferenztisches. Telepräsenzräume zeigen die zugeschalteten Gesprächspartner in Echtgröße.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Bild und Ton sollen den Eindruck erwecken, der Sprecher sei zum Greifen nah. Viele Banken, Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater haben sogar eigene Videokonferenzräume einrichten lassen, obwohl das fünf- bis sechsstellige Beträge kostet. Die hohen Investitionen in Hard- und Software machen sich jedoch nur selten mit reduzierten Reisekosten bezahlt. Zudem beklagen Unternehmen die mangelnde Kompatibilität der Systeme verschiedener Hersteller und Dienstleister.

          Nichtdestoweniger kündigen Marktforschungs- und Beratungsunternehmen immer wieder den unmittelbar bevorstehenden Durchbruch der Videokonferenztechnik an - seit mehr als 25 Jahren. „Technik und Motor“ berichtete 1992 von einer Videokonferenz über Videokonferenzen, und bereits damals wurden als Pluspunkte Zeitgewinn, Umweltschutz und Sicherheit genannt. Doch der Markt weigert sich beharrlich, den Prognosen der Fachleute zu folgen.

          So liegt es nahe, für die Videokonferenz den kleinen Dienstweg zu nehmen und mit vorhandener Infrastruktur die elektronische Zusammenschaltung schnell und günstig anzugehen. Dabei kommen neuerdings eher Smartphones als riesige Flachbildschirme zum Einsatz. Das Handy hat man immer dabei, und Selfie-erprobte Kameras eignen sich auch bestens für den Austausch unter Freunden.

          Googles Hangouts: Wer spricht, ist groß im Bild, hier die Variante für das Chromebook

          Wenn sich nur zwei Parteien untereinander austauschen wollen und eine Infrastruktur von Apple zur Verfügung steht, lässt sich Videotelefonie besonders einfach starten: mit Facetime, das unentgeltlich seit fünf Jahren für den iPod Touch, das iPhone, das iPad und die Mac-Rechner zur Verfügung steht. Facetime basiert zwar auf offenen Standards für Telefonie und Videoübertragung, hat jedoch bisher nicht den Weg auf andere Plattformen gefunden. Man muss nichts konfigurieren, der Gesprächsaufbau ist simpel, und wer lieber die gewohnte Telefonie bevorzugt, deaktiviert mit Facetime Audio die Kamera. Die Akustik ist fast immer besser als in einem herkömmlichen Mobilfunk-Gespräch. Sind beide Partner in ein W-Lan eingebucht, kommt man oft ins Staunen, wie gut sich das anhört.

          Geht es um die gemeinsame Plauderei im großen Familien- oder Freundeskreis, sollen also mehr als nur zwei Seiten dabei sein, stehen eine ganze Reihe unterschiedlicher Systeme bereit. Skype von Microsoft ist geradezu der Altmeister des Genres. 2003 als erste Betaversion auf den Markt gebracht, bietet es seit Januar 2006 auch Videokonferenzen an. Skype ist nahtlos in Windows 8 integriert, die Software ist zudem auch für alle anderen wichtigen Plattformen und sogar die Spielekonsolen Xbox, Playstation Portable und Playstation Vita erhältlich.

          Selbst ohne Skype-Konto

          Man kann Videotelefonate mit Facebook-Bekanntschaften führen, selbst wenn diese kein Skype-Konto haben. Bis zu zehn Teilnehmer in der ganzen Welt kommen in einem Gruppen-Videoanruf zusammen. Demnächst ist „Skype for Web“ erhältlich, das Video-Chats und -Konferenzen direkt im Browser-Fenster erlaubt, man muss also keine Software installieren. Auf Unternehmensrechnern mit gesteigerten Sicherheitsanforderungen lässt sich Skype vom Endnutzer in der Regel nicht installieren, hier ist „Skype for Business“ gefragt, also der Nachfolger des bisherigen Microsoft Lync. Diese Variante läuft auf Wunsch vollständig auf Unternehmensservern und hält dann Nutzerverzeichnisse und Präsenzinformationen nur lokal vor.

          Profi-Lösung: Blackberry Meetings für den geschäftlichen Einsatz

          Google nennt seine Videotelefonie Hangouts, das Angebot ist in Google Plus und in Googlemail integriert. Auch hier können sich bis zu zehn Personen zum Gruppenplausch einfinden. Die Diskussionen lassen sich gleich als öffentliche Live-Veranstaltung ins Internet stellen: „Hangouts on Air“ ist dann ein frei zugänglicher Video-Stream, der auf den beiden Google-Diensten Youtube und Google Plus zu finden ist. Wer ein Beispiel sehen möchte, findet unschwer einen einstündigen „Hangout on Air“ mit Bundeskanzlerin Merkel vom April 2013. Hangouts läuft am PC im Browser und auf Smartphones mit den Betriebssystemen Android und iOS. Wissen sollte man, dass Google den Inhalt der Gespräche mithört und beispielsweise Fragen nach dem Standort („Wo bist du?“) mit seinen „Smart Suggestions“ beantworten will. Als professionelle Konferenzlösung entwickelt Google angeblich Google Meetings oder GMeet. Es gibt erste Bildschirmfotos des Systems, das derzeit als Erweiterung des Google-Browsers Chrome sowie als Android-Programm läuft. Das werde ein Skype-Killer, schrieben viele Journalisten.

          Mit Blackberry Meetings gut beraten

          Wer ein Videosystem für den geschäftlichen Einsatz sucht und dabei auch an Blackberry denkt, ist mit Blackberry Meetings gut beraten. Es handelt sich um ein eigenständiges Produkt, das sich eng an den Blackberry Messenger anschmiegt, aber autonom läuft. Man meldet sich mit seiner Blackberry-ID auf dem Smartphone oder am PC an, das ist schon alles. Apps und Software gibt es für die Apple-Familie, für Android und natürlich für Blackberry-Telefone. Im Unterschied zu den für private Plauderei gedachten Lösungen von Microsoft und Google ist ein Business-Workflow hinterlegt. Man lädt als Veranstalter die Gäste mit Blackberry Messenger oder per E-Mail ein, es werden gleich die zugehörigen Einträge im Terminkalender erstellt, und man muss sich um nichts kümmern.

          Wer eingeladen wird, kann vom Smartphone aus oder am PC ohne jede Fummelei mit Telefonnummern oder Zugangscodes gleich loslegen. Auf dem Smartphone wird man angerufen - und ist sofort in der Besprechung. Weitere Teilnehmer lassen sich flink dazuschalten, und die bis zu 25 Gäste können sich auch via Mobilfunk einbuchen. Im Unterschied zu den Lösungen von Google und Microsoft sticht nicht nur die größere Teilnehmerzahl hervor, sondern auch die Option, in fast jedem Land der Welt mit einer Festnetz-Telefonverbindung zur Konferenz dazuzustoßen. So lassen sich im Ausland günstige örtliche Einwahlnummern nutzen. Nicht zuletzt bietet Blackberry Meetings ein Chat-System für alle oder ausgewählte Teilnehmer und das Teilen von Bildschirminhalten.

          Beliebig viele andere einladen

          Ebenfalls im geschäftlichen Bereich weit verbreitet ist Webex von Cisco, es hat einen ähnlichen Funktionsumfang wie Blackberry, kostet allerdings bei bis zu 25 Teilnehmern monatlich 38 Euro für den Gastgeber. Blackberry verlangt für den Veranstalter, der beliebig viele andere einladen und beliebig viele Konferenzen beginnen kann, 10 Euro im Monat.

          Allen Systemen ist gemeinsam, dass die Videoströme von der Konferenz-Software in Echtzeit komprimiert werden müssen. Welche Codecs dabei verwendet werden, wird nicht veröffentlicht. Man kocht mit mehr oder weniger gleichem Wasser, und die Rezepte bleiben geheim. Stets müssen die Entwickler einen Kompromiss finden zwischen der Auflösung, der Anzahl der Videobilder je Sekunde (Framerate), dem Speicherbedarf des Video-Codecs je Frame und der benötigten Rechenleistung für die Echtzeitkodierung.

          Facetime: Maximal für zwei Personen

          Wie gut oder schlecht der Videostream aussieht, hängt nicht nur an der Software, sondern auch am Tempo der Internetverbindung und der Rechenleistung der beteiligten Endgeräte. Blackberry Meetings, das wir für diesen Artikel am häufigsten verwendeten, lieferte zum Beispiel eine hervorragende Bild- und Tonqualität mit mehreren Beteiligten, die ganz unterschiedlich angebunden waren: zwei Gesprächspartner im heimischen W-Lan mit Notebook und iPhone 6 Plus, weitere unterwegs über eine Mobilfunkverbindung. Beim iPhone-Partner waren Bild- und Tonqualität so exzellent, dass wir zunächst dachten, die Konferenz liefe über seinen großen iMac-Rechner im Arbeitszimmer.

          Die Software erkennt den aktiven Sprecher

          Auch das schon in unserem Artikel von 1992 beobachtete Hauptproblem der Konferenztechnik - reden alle durcheinander, geht die Übersicht verloren - ist mittlerweile gelöst: Die Software erkennt den aktiven Sprecher und schiebt ihn groß in den Vordergrund. Alle anderen sind nur auf kleinen Kacheln im Hintergrund sichtbar. Wenn das jeder weiß und niemand dem anderen ins Wort fällt, entsteht kein Tohuwabohu. Bei den hochwertigen Konferenzsystemen ist eine gute Akustik ohne Rückkopplung und andere Störgeräusche bereits mit der Standardausstattung des Smartphones zu erzielen.

          Gegebenenfalls kann der Einsatz eines Headsets sinnvoll sein, auch aus Rücksichtnahme gegenüber anderen im Büro. Häufig laufen Bild und Ton während einer Videokonferenz nicht ganz synchron. Die kleinen Zeitverzögerungen sind ein weiterer Grund, anderen nicht ins Wort zu fallen und mit dem eigenen Beitrag ein oder zwei Sekunden zu warten, wenn der Vorredner geendet hat. Wer oft videotelefoniert, sollte ferner auch auf die Beleuchtung achten.

          Microsoft plant Ähnliches

          Die Zukunft der Videokonferenz ist Web Real Time Communication, abgekürzt Web RTC. Das ist ein in Standardisierung befindliches Protokoll, welches gleich im Browser eingebaut sein soll, um Videokonferenzen, Dateitransfer und das Teilen von Desktop-Bildschirminhalten einfach zu gestalten. Im Firefox-Browser ist Web RTC seit Version 34 enthalten, der entsprechende Client heißt Hello. Mit ihm kann man ohne zusätzliche Erweiterungsprogramme Kurznachrichten austauschen oder Gespräche und Videotelefonate führen. Man muss also, wenn es nach Google oder Mozilla geht, keine besondere Konferenz-Software installieren. Microsoft plant Ähnliches, setzt aber auf eine hauseigene Browser-Videotechnik, die Customizable Ubiquitous Real Time Communication genannt wird, CU RTC.

          Sie habe den Vorteil, nicht nur auf Rechnern, sondern auch auf Internet-Telefonen und Smartphones zu laufen. Im privaten Rahmen kommt die Videokonferenz aufs Fernsehgerät. Mit den Smart TV-Apparaten und den zugehörigen Apps funktioniert das schon jetzt, und die nächste Generation der hochauflösenden 4K-Geräte verfügt über so leistungsstarke Prozessoren, dass der Home-Office-Arbeiter seine dienstliche Telekonferenz im eigenen Wohnzimmer führen kann.

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