https://www.faz.net/-gy9-9xzuw

Smartwatch im Test : Tickt mal so und mal so

Wandlungsfähig: Das digitale Zifferblatt der Smartwatch erinnert an die mechanische Uhrmacherkunst. Bild: Tag Heuer

Die neueste Smartwatch von Tag Heuer hat die Anmutung einer hochwertigen Luxusuhr. Fein gezeichnete Zifferblätter erfreuen das Auge. Aber man geht Kompromisse ein.

          3 Min.

          Als ausgerechnet Tag Heuer, einer der großen Schweizer Hersteller hochwertiger Luxusuhren, im Jahr 2015 eine erste elektronische Smartwatch vorstellte, war das ein Affront. Am Unternehmenssitz in La Chaux-de-Fonds wurde eine eigene Produktionsstraße für die Endmontage und Qualitätskontrolle der Computeruhren aufgebaut, und so prangte auf den Uhren sogar der Schriftzug „Swiss Made“. Die erste Uhr aus Titan, mit Saphirglas und Intel-Prozessor nutzte das Google-Betriebssystem Wear OS. Angesichts der Vergänglichkeit alles Elektronischen hatte sich Tag Heuer eine Finesse ausgedacht: Die Connected genannte Uhr konnte man gegen eine spezielle Variante des mechanischen Modells Carrera eintauschen, wenn sich der Lebenszyklus der Smartwatch ihrem Ende zuneigte.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          2017 kamen eine zweite Version und ein neuer Knüller: Das elektronische Uhrenmodul ließ sich gegen ein mechanisches wechseln. Die Connected Modular 45 hatte man mit 150.000 Exemplaren geplant, und alle wurden verkauft. Nun ist die dritte Modellvariante der Connected im Handel, sie ist nicht mehr modular gestaltet, ist filigraner und eleganter als ihre Vorgänger, und wenn das Display eingeschaltet ist, muss man schon genau hinsehen, um die Frage zu beantworten, ob es sich um eine mechanische oder elektronische Uhr handelt. Das Gehäuse wirkt ungemein hochwertig, und die Zifferblätter sind so liebevoll und detailreich gestaltet wie bei einer mechanischen Uhr.

          Wir haben die Tag Heuer der dritten Generation einige Zeit ausprobiert. Im 45-Millimeter-Gehäuse aus Edelstahl mit kratzfestem Saphirglas kostet sie von 1700 Euro an. Eine Modellvariante im Titangehäuse liegt bei 2250 Euro. Die skalierte Lünette besteht aus Keramik, rechts liegt eine Drehkrone, an die zwei Drücker angrenzen. Der Gehäuseboden ist verschraubt, das Armband besteht wahlweise aus schwarzem Kautschuk oder aus Edelstahl mit einer Faltschließe. Rückseitig fehlt indes der Hinweis „Swiss Made“. Die Produktionsstraße für elektronische Uhren in La Chaux-de-Fonds ist längst abgebaut, und die neue Uhr lässt sich nicht zu einer mechanischen umbauen, wenn die Chips veraltet sind.

          Mechanische Fummelei aus alten Zeiten

          Da sich Intel mittlerweile aus dem Geschäft mit smarten Uhren zurückgezogen hat, stammt das Innenleben von Qualcomm. Leider spendiert Qualcomm nur einen wirklich unwürdigen Ladepuck, der billig und leicht wirkt und mit vier Pogo-Pins an die Rückseite der Uhr anzudocken ist. Kein induktives Laden, sondern mechanische Fummelei aus alten Zeiten. Das passt nicht.

          Auch das Betriebssystem der Uhr, abermals Googles Wear OS, wirkt anachronistisch und ist einem hochwertigen Produkt nicht angemessen. Wear OS wird von Google kaum noch gepflegt und selbst von jenen Herstellern nicht mehr verwendet, die ansonsten mit Googles Android unterwegs sind. Huawei und Samsung setzen bei ihren Smartwatches auf Eigenentwicklungen, aus vielen Gründen.

          Üppige Auflösung, satte Farben

          Die Anzeige misst 1,39 Zoll in der Diagonale, es ist ein Oled-Display mit satten Farben und einer Always-on-Darstellung, die sich indes deaktivieren lässt. Nach einigen Sekunden der Inaktivität wird die Darstellung stromsparend reduziert, wie bei der Apple Watch. Die Auflösung von 454 × 454 Pixel ist üppig. Man freut sich mit jedem Blick auf die Uhr, sofern das Saphirglas nicht schmutzig ist, es nimmt leider Fingerfett gern an.

          Zur Bedienung muss man mit dem Finger über die Anzeige wischen, von oben nach unten, von unten nach oben, von links nach rechts und von rechts nach links. Was wie funktioniert, ist gewöhnungsbedürftig. Indes bekommt man auf der Uhr dann sämtliche Smartphone-Funktionalität aus dem Hause Google, nämlich den Google Assistant, Push-Meldungen, Google Pay und die Musikwiedergabe mit Google Play Music, das für eigene Stücke acht Gigabyte Speicherplatz vorfindet. Musik kann man an gekoppelte Bluetooth-Ohrhörer übertragen.

          Am Smartphone verwendet man mehrere Apps: Googles Wear OS, um grundlegende Einstellungen vorzunehmen, ein Zifferblatt aus der Tag-Heuer-Kollektion auszuwählen, dieses anzupassen und auf die Uhr zu übertragen. Die Zifferblätter in ihrer Schönheit sind das Alleinstellungsmerkmal, derzeit gibt es fünf Basisvarianten, die man vielfältig variieren kann. Mit der Fit-App erfolgt die Auswertung der Sportaktivitäten im Ökosystem von Google. Als dritte App kommt Tag Heuer Connected dazu, sie zeigt die Sportaktivitäten im Detail. Die neue Uhr erfasst jetzt auch GPS-Daten und Herzfrequenz, das macht sie ganz ordentlich, aber die unterstützten Sportprogramme sind nur wenige: Laufen, Radfahren, Gehen, Golf und Sonstiges. Schwimmaktivitäten lassen sich nicht aufzeichnen, die Uhr ist indes wasserdicht bis 5 bar.

          Der Akku hält mit Mühe bis in den frühen Abend durch. Telefonieren kann man mit der Uhr nicht, und nach einiger Zeit der Erprobung stellt man fest, dass man diese Smartwatch nicht wegen der Push-Nachrichten oder ihrer sportlichen Fähigkeiten erwirbt. Da gibt es bessere und günstigere Modelle. Wer sich für die Tag Heuer entscheidet, hat sich in das Design einer klassischen Luxusuhr verliebt und sucht einen Hauch von Elektronik. Dieser Spagat gelingt gut, es ist eine ganz besondere Pretiose.

          Weitere Themen

          Und auch noch ein Klapp-Handy

          Neue Produkte von Samsung : Und auch noch ein Klapp-Handy

          Alles neu bei Samsung: Die Koreaner haben auf ihrem virtuellen Unpacked-Event mobile Geräte aus fünf Produktgattungen vorgestellt. Das können die neuen Smartphones mit Stift oder Falte, Tablets, Smart Watches und In-Ear.

          Topmeldungen

          Frauen in weiß protestieren während einer Kundgebung zur Unterstützung der inhaftierten Demonstranten in Minsk.

          Proteste halten an : Belarus trotzt der Polizeigewalt

          In den vergangenen Nächten ließ Lukaschenka Proteste gegen seinen angeblichen Wahlsieg brutal niedergeschlagen, dennoch gehen auch am Mittwoch wieder Tausende auf die Straße, immer mehr Prominente stellen sich hinter sie. Nun gibt es ein zweites Todesopfer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.