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Smarte Uhren im Test : Für die Sportskanonen

Smartwatches und Fitness-Tracker messen jede Bewegung ihres Trägers. Bild: ddp Images

Wer sich für eine Sportuhr entscheidet, muss Prioritäten setzen: Eine Auswahl an smarten Uhren und Fitness-Trackern, welche die eigenen Sportaktivitäten begleiten und Daten liefern.

          5 Min.

          Ein kleines 15-Kilometer-Läufchen im Wettstreit mit vielen anderen Sportskanonen wird schon nach weniger als der halben Strecke zum Fiasko: Der an sich gut trainierte Läufer hat sich nicht nur von der heiteren Stimmung mitreißen lassen, sondern auch von den schnelleren Rivalen, die gleich zu Beginn ein mörderisches Tempo an den Tag legen. Da will man ja nicht hinten anstehen. Doch nun ist es passiert: Nach wenigen Kilometern ist die Luft raus, der Protagonist hat viel zu viel von seinem Pulver verschossen und muss es deutlich langsamer angehen. Damit ist für ihn das Rennen im Wortsinne gelaufen.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Eine Smartwatch oder ein Fitness-Tracker hätten dem forschen Läufer durchaus helfen können. Wer nicht auf die feinen Signale seines Körpers achten kann oder will, sieht es auf der Sportuhr unmittelbar: Die Herzfrequenz ist viel zu hoch, das kann auf Dauer nicht gutgehen. Der Puls zeigt, ob man nicht nur im Wettstreit, sondern auch bei täglichen Ertüchtigungen im richtigen Bereich liegt. Geräte für das Handgelenk messen ihn optisch mit Leuchtdioden. Mit jedem Herzschlag ändert sich der Blutfluss, und mit der Absorption des von Leuchtdioden ausgestrahlten grünen Lichts gelingt die Messung.

          Die optische Herzfrequenzmessung galt früher als ungenau. Sie ist nach wie vor der Messung mit einem EKG oder dem Brustgurt unterlegen, aber die Fortschritte sind beachtlich. Deshalb verzichten viele Sportler auf den unbeliebten Brustgurt. Etliche Probleme der Messung am Handgelenk bleiben: Die Unterscheidung von Puls und anderen Hintergrundsignalen wie Muskel- oder Sehnenbewegungen ist ebenso eine Herausforderung wie die Lichtabsorption in Abhängigkeit von der Hautfarbe.

          Fitbit Charge 3: Mit langer Akkulaufzeit Bilderstrecke

          Beim Laufen ist das Unterscheiden von Herzfrequenz- und Schrittfrequenzsignalen ein Problem, und ungleichförmige Bewegungen beim Tennis oder Boxen sind es ebenfalls. Die Uhr muss perfekt anliegen, und das ist bei schweißtreibenden Aktivitäten leichter gesagt als getan. Sodann sollte sie eher etwas höher am Arm getragen werden. Jede Menge Fehlerquellen können also die Freude an der Fitness-Vermessung trüben. Die Hardware ist noch nicht perfekt. Die gute Nachricht in der Rückschau auf die vergangenen Jahre ist die, dass sie von Jahr zu Jahr besser wird.

          Wir haben die brandneue Apple Watch Series 4 und die ebenfalls neue Garmin 5X Plus vergleichend bei einigen Läufen getragen, die eine am linken, die andere am rechten Arm, die Garmin mehrmals mit zusätzlichem Brustgurt als weiterer Kontrollinstanz.

          Was die Genauigkeit der Messungen betrifft, liegen unter guten Bedingungen beide Uhren gleichauf. Sie zeigen auf den Schlag genau das gleiche Ergebnis, es ist verblüffend. Die Apple Watch, die bislang mit ihrer nicht immer präzisen Messung von Sportlern verschmäht wurde, hat nun mit der Series 4 eine komplett neue Sensorik erhalten. Das gesamte Messsystem am Uhrenboden wurde überarbeitet.

          Wenn es jetzt mit der Series 4 gut läuft, zeigt die Herzfrequenzkurve der Apple Watch ein wunderschön durchlaufendes Band einzelner Messwerte. Aber leider nicht immer, in der Gesamtschau sind die großen Garmin-Uhren besser.

          Der Akku soll bis zu 40 Stunden durchhalten

          Jenseits der beiden Marktführer lohnt ein Blick auf andere Anbieter mit nicht weniger spannenden Produkten. Polar hat Mitte September seine neue Vantage-Sportuhr in zwei Varianten vorgestellt. Die Vantage V bietet als erste Pulsuhr der Welt eine Leistungsmessung beim Laufen, Running Power genannt. Die Metrik stammt aus dem Radsport und zieht nun in die Laufwelt ein. Während die Herzfrequenz nur verzögert auf veränderte Anstrengung reagiert, ändert sich die Leistung unmittelbar mit der körperlichen Belastung. Deshalb nutzen Profi-Radfahrer eigene Pedalsensoren zur Leistungsmessung. Wer derzeit die Running Power mit einer Garmin-Uhr messen will, benötigt dafür zwingend einen Brustgurt oder Laufsensor.

          Dann lässt sich mit Daten wie Tempo, vertikaler Bewegung, Steigung und Windbedingungen ermitteln, wie viel Leistung man beim Laufen auf den Boden bringt. Das alles will Polar nun mit der Vantage V ohne zusätzliche Hardware am Handgelenk erfassen. Der Pulssensor am Uhrenboden arbeitet mit neun optischen Kanälen, mehreren LED-Farben und unterschiedlichen Wellenlängen. Geradezu unglaublich hört sich an, dass der Akku bis zu 40 Stunden durchhalten soll, im Training wohlgemerkt. Die Apple Watch Series 4 bringt es beim Laufen auf höchstens sechs Stunden. Selbst bei der kleineren Vantage M soll die Laufzeit noch 30 Stunden betragen. Die Uhr kommt Ende Oktober in den Handel.

          15 verschiedene Sportarten werden automatisch erfasst

          Fitbit, dereinst ein Pionier bei den Fitness-Trackern, liefert seit einigen Wochen seinen neuen Charge 3 aus. Er kommt mit Oled-Display, ist wasserdicht, die Akkulaufzeit beträgt sieben Tage, und 15 verschiedene Sportarten werden automatisch erfasst. Mit einem besonderen Sensor wird der Sauerstoffgehalt des Blutes gemessen, aber ein fest verbautes GPS hat das Gerät nicht.

          Jenseits der Hardware wird die Software immer wichtiger. Dabei geht es zunächst um das Herausrechnen valider Bewegungsinformationen aus der Fülle der Sensordaten einer Uhr. Wurde der Arm beim Tippen am Computer bewegt oder während des Joggens? Es kommt also auf die Algorithmen an. Die Interpretation der Messwerte ist das große Geheimnis der Hersteller. Wenn das Armband falsche Werte liefert, hat die Software versagt. Auch lässt sich diese bisweilen täuschen, wenn etwa ein rhythmisches Klopfen des Armbandträgers auf den Tisch als Joggen interpretiert wird.

          Neben diesen Finessen will der Hobby-Sportler verwöhnt werden. Reichten früher nackte Zahlen und Fakten, müssen es heute schöne Grafiken und anspruchsvolle Auswertungen sein. Alle großen Hersteller entwickeln ein Ökosystem rund um ihre Sportuhren. Die einzelnen Aktivitäten werden erfasst, man kann wie in einer Tabellenkalkulation mit den Daten spielen, Fortschritte im Laufe der Zeit sehen und vergleichend analysieren, wie sich etwa das Tempo oder die Herzfrequenz unter bestimmten Bedingungen ändern.

          Garmin ist hier mit großem Abstand am weitesten. Garmin Connect im Web-Browser oder auf dem Smartphone ist ein Eldorado für alle Datenverliebten. Man kann seine Aktivitätskalorien über die Zeitachse aufbereiten, bekommt eine Kalenderansicht aller Ereignisse und kann Trainingspläne erstellen. Zwei Neuerungen der vergangenen Monate sind spektakulär: Die „Heatmap“ zeigt für einen beliebigen Standort in aller Welt die beliebtesten Rad- und Laufstrecken in der Nähe an. Es sind die meistverwendeten Wege anderer Garmin-Läufer und -Radfahrer. Es wird sogar zwischen drei Rad-Einsätzen (Rennrad, Mountainbike, Offroad) und dem Laufen sowie Trailrunning unterschieden, und man kann die Vorschläge unabhängig vom PC an der Fenix-Uhr abrufen. Nur die Sportart und die Streckenlänge sind einzugeben.

          Ferner startet Garmin Challenges, Herausforderungen mit anderen Sportlern, die man nicht einmal kennen muss. Man sieht einen unverdächtigen Teil des Profils der Kontrahenten und ist aufgerufen, zum Beispiel innerhalb einer Woche mindestens 100 000 Schritte zurückzulegen. Das alles animiert zur Extrarunde.

          Nicht die Detailtiefe eines EKGs in der Arztpraxis

          Apple verzichtet leider auf eine schöne Visualisierung eigener Erfolge im Web-Browser, viel Analytik auf dem iPhone entschädigt dafür. In der Aktivitäts-App erhält man Auszeichnungen und Medaillen, kann seine Fortschritte mit anderen teilen. Seit Watch OS 5 gehört auch hier der Wettbewerb mit anderen dazu, wobei es nicht um die schiere Leistung geht. Das Wertungssystem erlaubt es nämlich, sogar Freunde herauszufordern, die ein viel höheres oder niedrigeres Bewegungs- und Trainingsniveau haben.

          Wer sich damit anfreunden kann, alle Daten nur auf dem Smartphone zu sehen, bekommt in der Sportwelt von Apple den Vorzug weiter gehender medizinischer Daten. Demnächst kann man mit der Watch Series 4 ein Einkanal-EKG schreiben, das natürlich nicht die Detailtiefe eines EKGs in der Arztpraxis hat, aber zumindest darauf hinweisen kann, dass ernsthafte Probleme vorliegen. Auch will Apple das gefährliche Vorhofflimmern erkennen, es bleibt oft unbemerkt und kann zum Schlaganfall führen. Diese beiden spektakulären Funktionen sind jedoch noch nicht freigeschaltet.

          Wer sich jetzt für eine Sportuhr entscheidet, muss also gewisse Prioritäten setzen und sollte beachten, dass die eigenen Daten nicht von einem Anbieter zum nächsten mitgenommen werden können. Garmin wuchert mit den Pfunden seiner seit jeher starken Analytik und bietet Dutzende von Smartwatches in unterschiedlicher Ausstattung, die durchaus nebeneinander eingesetzt werden können. Polar könnte mit seiner Vantage und der Leistungsmessung wieder zu einem neuen Höhenflug ansetzen, Apple ergänzt sein Portfolio in Richtung Gesundheit und Medizin. Schließlich spricht Fitbit jene an, die für wenig Geld einen Motivationsschub suchen. Man muss also nur wissen, was man will.

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