https://www.faz.net/aktuell/technik-motor/digital/siegeszug-der-whatsapp-messenger-erobert-die-welt-13377966.html

Siegszug eines Messenger : WhatsApp erobert die Welt

Weit vor Facebook, Twitter und Skype: Über 700 Millionen aktive WhatsApp-Nutzer sprechen eine deutliche Sprache. Bild: Illustration F.A.S.

Als private Mitteilungszentrale für Freunde und Familie bis hin zum Gruppenchat mit dem Klassenlehrer: Jeder hat sie, jeder nutzt sie. Was steckt aber hinter dem sagenhaften Aufstieg von WhatsApp?

          6 Min.

          Als Facebook im vergangenen Jahr den Messenger-Dienst WhatsApp für eine Rekordsumme von fast 14 Milliarden Euro erwarb, waren sich viele Beobachter und Journalisten einig: Das ist der Anfang vom Ende. Wer will schon mit seinen persönlichen Nachrichten in den Händen eines Konzerns landen, der den Abschied von der Privatsphäre auf seine Fahnen geschrieben hat? Angesagt war die Suche nach und der Wechsel zu anderen Diensten, die beispielsweise mit einer guten Verschlüsselung persönliche Daten besser schützen, auch gegen staatliche Überwachung. Zum Zeitpunkt der Übernahme hatte WhatsApp rund 450 Millionen Nutzer, die mindestens einmal im Monat aktiv waren.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Aber Facebook hat WhatsApp nicht geschadet. Im Gegenteil. Im August waren es bereits 600 Millionen Nutzer, und in diesen Tagen sind zwei weitere Rekordmarken geknackt: Seit Januar zählt WhatsApp 700 Millionen aktive Mitglieder, und es werden in aller Welt täglich mehr WhatsApp-Nachrichten als SMS verschickt: 30 Milliarden gegenüber 20 Milliarden. WhatsApp ist die meistgenutzte und meistgeladene Smartphone-App, junge Leute verbringen im Durchschnitt 100 Minuten mit ihr. Am Tag.

          Ein russisch-amerikanisches Märchen

          WhatsApp ist der am schnellsten wachsende Internetdienst der Geschichte. Das zeigt beispielhaft ein Blick auf die Nutzerzahlen in den ersten vier Jahren nach dem Start. Skype, gegründet 2003, kam im Jahr 2007 auf 52 Millionen Nutzer. Twitter gewann von 2006 bis 2010 rund 54 Millionen Freunde. Selbst der spektakuläre Gratis-E-Mail-Dienst von Google erreichte in seinen ersten vier Jahren nur 123 Millionen Nutzer. Facebook kam auf 145 Millionen. Aber Whatsapp stellte mit 420 Millionen Mitgliedern nach vier Jahren alle Rivalen in den Schatten. Noch in diesem Sommer wird WhatsApp die 1-Milliarde-Marke überwinden.

          Die Gründungsgeschichte von WhatsApp ist ein russisch-amerikanisches Märchen. In ärmsten Verhältnissen wächst der Gründer Jan Koum in der Nähe von Kiew auf. Als die Sowjetunion zusammenbricht, wandert er mit seiner Mutter in den neunziger Jahren nach Amerika aus. In Kalifornien leben beide von Sozialhilfe, aber Koum kann die High School besuchen und zeigt bei vielen Gelegenheiten sein technisches Talent, auch als Hacker. Das Universitätsstudium wird nach kurzer Zeit abgebrochen, Koum landet als Sicherheitstester bei Yahoo und lernt dort Brian Acton kennen, mit dem er fortan eng zusammenarbeitet. Beide verlassen 2007 Yahoo, reisen durch Südamerika und versuchen nach ihrer Rückkehr, in der Tech-Branche Fuß zu fassen: Facebook lehnt die jungen Kandidaten indes ab.

          Kommunikation : Messaging-Services – die Zukunft sozialer Netze?

          Ursprünge in Paging-Systemen

          2009 kauft Koum sein erstes iPhone und entwickelt die Idee, dass im Adressbuch neben jedem Eintrag ein Statushinweis des Freundes stehen könne, etwa „Bin gerade beim Sport“. So sähen die Bekannten, ob man für gemeinsame Aktivitäten zur Verfügung stehe. Und so kam die App zu ihrem Namen: Whats up, „Was ist los?“. An seinem 33. Geburtstag, dem 24. Februar 2009, gründete Jan Koum zusammen mit Brian Acton das Unternehmen Whatsapp Inc. Zum Messenger wurde WhatsApp, als Apple im Sommer 2009 die Push-Nachrichten startete. Nun sah man sofort die Statusänderungen seiner Freunde. Bis zur Übernahme durch Facebook ließ Koum alle Interessenten an der jungen Firma abblitzen, und zum sorgfältig gepflegten Gründungsmythos gehört die Vision Koums, das perfekte Programm entwickeln zu wollen, das wirklich jeder ohne Computerkenntnisse bedienen könne. Ein Spickzettel an seinem Schreibtisch bringt es auf den Punkt: „Keine Werbung! Keine Spiele! Kein Schnickschnack!“

          Die Idee für kurze, schnelle Nachrichten hat ihre Anfänge in den „Piepsern“, den Paging-Systemen, die es seit den fünfziger Jahren für Notdienste, Ärzte, Feuerwehr und Polizei gab. Als das aktuelle Mobilfunksystem GSM Anfang der neunziger Jahre startete, war die Textnachricht SMS mit maximal 160 Zeichen zwar schon standardisiert, aber die ersten Handys waren dafür noch nicht gerüstet. SMS galt als Nischenprodukt, mit dem zunächst niemand etwas anfangen konnte. In den Anfangsjahren machte E-Plus seinen Kunden die Kurznachricht als Gratisangebot schmackhaft. Es dauerte viele Jahre, bis das „Simsen“ und der informelle Textaustausch, auch mit vielen Abkürzungen, populär wurde und dann kometenhaft aufstieg. Im Jahr 2000 wurden allein in Deutschland 11,4 Milliarden SMS verschickt, bis 2005 verdoppelte sich die Zahl auf 22 Milliarden, und weitere fünf Jahre später waren es mehr als 40 Milliarden.

          MMS wurde zum Flop

          Allen Beteiligten war klar, dass der Markt der Textnachrichten ein gigantisches Potential bot. Und die SMS hatte den einzigartigen Vorteil, dass sie als Teil des GSM-Standards ohne jeden Konfigurationsaufwand auf wirklich jedem Endgerät problemlos lief. Dass seit etwa 2010 ein internationales Wettrennen um die Nachfolge der SMS begann, haben sich die Netzbetreiber selbst zuzuschreiben. Ihr großer Fehler war ihre Gier. In den Anfangszeiten kostete der Versand einer SMS 39 Pfennig, nach der Umstellung auf den Euro waren es 19 Cent. Die Gestehungskosten lagen hingegen bei nahezu null. Doch das ungeschickte Agieren der Netzbetreiber erzwang geradezu die Entwicklung einer alternativen Technik: Anstatt die SMS-Preise sukzessive den Gesprächspreisen anzupassen, also drastisch zu senken, und einen zeitgemäßen Multimedia-fähigen Nachfolger zu standardisieren, entwickelten die Mobilfunker die MMS. Sie funktionierte zunächst mit nur wenigen Endgeräten, hatte keine Abwärtskompatibilität zur SMS, musste aufwendig am Gerät eingerichtet werden und beruhte auf Techniken, die zum Zeitpunkt ihrer Inbetriebnahme schon veraltet waren. Zudem war die MMS abschreckend teuer, schon die kleinste Variante kostete 39 Cent - und man wusste nicht einmal, ob sie den Empfänger überhaupt erreichte.

          Die SMS war unbeabsichtigt erfolgreich geworden, weil sie gut und einfach war. Die MMS hatte man mit Eurozeichen in den Augen entwickelt, und sie wurde ein Flop. Seit 2010 war jedem klar: Der nächste Nachrichtendienst läuft nicht als Teil des Handy-Betriebssystems, sondern als App. Und hier siegte mit WhatsApp genau jene, die aus der Sicht der Nutzer scheinbar alles richtig machte. WhatsApp kam von Anfang an auf alle wichtigen Plattformen, selbst auf simple Geräte. Die Anmeldung ist supereinfach: Die eigene Rufnummer reicht aus. Man sieht sofort, wer dabei ist - und wer nicht. Man benötigt keine neue Kontaktliste, sondern lässt sein vorhandenes Adressbuch abgleichen. Ist die Nachricht zugestellt, erhält der Absender eine Rückmeldung, ist sie gelesen, gibt es eine weitere. Die App kommt ohne Verbastelungen und Werbung, sie hat keine eingebauten Fallstricke. Jüngere werden das alles als selbstverständlich ansehen. Aber im Blick zurück auf die Anfänge der Nachrichtenprogramme war es das nicht. Dass man sich vor dem Nutzer und Kunden verneigt, ihm dem roten Teppich ausrollt und seine eigenen Interessen als Unternehmen und Anbieter zurückstellt: das ist die Erfolgsgeschichte von WhatsApp.

          Befürchtungen haben sich bislang nicht bestätigt

          Die Mobilfunker haben bis heute nichts dazugelernt, sie präsentierten im vergangenen Jahr ihren „SMS-Nachfolger“ Joyn, eine Totgeburt. Der Messenger-Markt lässt sich nicht mehr umdrehen, er ist, zumindest in der westlichen Welt, in der Hand eines Unternehmens: „The Winner takes it all“. Wer heute eine alternative App installiert, stellt als Erstes fest, dass nur wenige Freunde dort zu finden sind. Das Produkt kann so gut sein, wie es will, ohne Massenbasis der Nutzer kommt es nicht aus der Nische.

          Wie geht es mit WhatsApp weiter? Die Befürchtung, dass mit der Übernahme durch Facebook ein grundlegender Richtungswechsel und eine Abkehr von der nutzerfreundlichen Orientierung erfolgen würden, hat sich bislang nicht bestätigt. Durch die Zugehörigkeit zu Facebook sei WhatsApp an sich suspekt, meinen jedoch die Kritiker und verweisen nicht nur auf bedenkliche Datenschutzbestimmungen, sondern auch darauf, dass man sein Telefonbuch zu WhatsApp hochladen müsse. Aber für die Freunde der App hat sich nicht viel geändert: Die pauschale Nutzungsgebühr von weniger als einem Euro im Jahr bleibt geradezu lächerlich gering. Fotos und Multimediales gehören mittlerweile auch dazu. WhatsApp ist nicht nur die private Mitteilungszentrale für Freunde und Familie. Mit Funktionen wie dem Gruppenchat organisieren sich Vereine, Klassenlehrer geben Hilfestellung für die Hausaufgaben, und neuerdings entdecken sogar manche Medienhäuser die Anwendung als Distributionskanal für ihre Inhalte. WhatsApp heißt Echtzeitkommunikation. Nach wie vor führen bei WhatsApp die Ingenieure die Regie, sie stellten mehr als die Hälfte der insgesamt nur 60 Mitarbeiter.

          Nächster Schritt: Sprachtelefonie

          In den nächsten Monaten wird WhatsApp eines der besten Systeme für die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung aller Nachrichten erhalten. Zum Einsatz kommt das angesehene Text Secure, dessen Code öffentlich einsehbar ist. Der Nachrichtenaustausch mit Whats App soll fortan in Bezug auf Sicherheit und Privatsphäre höchsten Maßstäben gehorchen. Damit wird der Schweizer Rivale Threema frontal angegangen. Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung hat ihn vor allem in der Netzgemeinde populär werden lassen. Außerhalb der Social-Media-Kreise bleibt er jedoch mit insgesamt nur drei Millionen Nutzern eine App für Insider.

          Ferner wird WhatsApp eine eigene Anruf-Funktion für die Sprachtelefonie bekommen. Noch fehlt eine offizielle Ankündigung, aber erste Bildschirmfotos sind bereits in Umlauf. Sprachdienste und Internettelefonie sind keine technische Herausforderung, andere Dienste wie Skype oder der BBM von Blackberry erlauben schon jetzt Telefonate in ausgezeichneter Akustik. In Zeiten der Flatrate für alle Netze ist das keine Weltsensation, sondern eher eine konsequente Ergänzung des Portfolios. Aber den Mobilfunkern könnten nach den SMS die nächsten wichtigen Umsatzquellen Sprachtelefonie und Roaming wegbrechen.

          Weitere Themen

          Die Macht der Datenbarone

          FAZ Plus Artikel: DIGTEC : Die Macht der Datenbarone

          Zielt Elon Musk mit seinem Interesse an Twitter wirklich auf mehr Meinungsfreiheit? In jedem Fall geht es um den Zugang zu Daten – mit denen freie Gesellschaften viel Gutes tun könnten.

          Topmeldungen

          Das Kapitol in Washington, vom Supreme Court aus gesehen

          Urteil des Obersten Gerichts : Amerikas Klima-Versager

          Der Supreme Court macht deutlich: Klimapolitik ohne Kongress geht nicht. Seine Entscheidung ist nachvollziehbar – was allerdings nicht tröstet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.