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Siegszug eines Messenger : WhatsApp erobert die Welt

Weit vor Facebook, Twitter und Skype: Über 700 Millionen aktive WhatsApp-Nutzer sprechen eine deutliche Sprache. Bild: Illustration F.A.S.

Als private Mitteilungszentrale für Freunde und Familie bis hin zum Gruppenchat mit dem Klassenlehrer: Jeder hat sie, jeder nutzt sie. Was steckt aber hinter dem sagenhaften Aufstieg von WhatsApp?

          Als Facebook im vergangenen Jahr den Messenger-Dienst WhatsApp für eine Rekordsumme von fast 14 Milliarden Euro erwarb, waren sich viele Beobachter und Journalisten einig: Das ist der Anfang vom Ende. Wer will schon mit seinen persönlichen Nachrichten in den Händen eines Konzerns landen, der den Abschied von der Privatsphäre auf seine Fahnen geschrieben hat? Angesagt war die Suche nach und der Wechsel zu anderen Diensten, die beispielsweise mit einer guten Verschlüsselung persönliche Daten besser schützen, auch gegen staatliche Überwachung. Zum Zeitpunkt der Übernahme hatte WhatsApp rund 450 Millionen Nutzer, die mindestens einmal im Monat aktiv waren.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Aber Facebook hat WhatsApp nicht geschadet. Im Gegenteil. Im August waren es bereits 600 Millionen Nutzer, und in diesen Tagen sind zwei weitere Rekordmarken geknackt: Seit Januar zählt WhatsApp 700 Millionen aktive Mitglieder, und es werden in aller Welt täglich mehr WhatsApp-Nachrichten als SMS verschickt: 30 Milliarden gegenüber 20 Milliarden. WhatsApp ist die meistgenutzte und meistgeladene Smartphone-App, junge Leute verbringen im Durchschnitt 100 Minuten mit ihr. Am Tag.

          Ein russisch-amerikanisches Märchen

          WhatsApp ist der am schnellsten wachsende Internetdienst der Geschichte. Das zeigt beispielhaft ein Blick auf die Nutzerzahlen in den ersten vier Jahren nach dem Start. Skype, gegründet 2003, kam im Jahr 2007 auf 52 Millionen Nutzer. Twitter gewann von 2006 bis 2010 rund 54 Millionen Freunde. Selbst der spektakuläre Gratis-E-Mail-Dienst von Google erreichte in seinen ersten vier Jahren nur 123 Millionen Nutzer. Facebook kam auf 145 Millionen. Aber Whatsapp stellte mit 420 Millionen Mitgliedern nach vier Jahren alle Rivalen in den Schatten. Noch in diesem Sommer wird WhatsApp die 1-Milliarde-Marke überwinden.

          Die Gründungsgeschichte von WhatsApp ist ein russisch-amerikanisches Märchen. In ärmsten Verhältnissen wächst der Gründer Jan Koum in der Nähe von Kiew auf. Als die Sowjetunion zusammenbricht, wandert er mit seiner Mutter in den neunziger Jahren nach Amerika aus. In Kalifornien leben beide von Sozialhilfe, aber Koum kann die High School besuchen und zeigt bei vielen Gelegenheiten sein technisches Talent, auch als Hacker. Das Universitätsstudium wird nach kurzer Zeit abgebrochen, Koum landet als Sicherheitstester bei Yahoo und lernt dort Brian Acton kennen, mit dem er fortan eng zusammenarbeitet. Beide verlassen 2007 Yahoo, reisen durch Südamerika und versuchen nach ihrer Rückkehr, in der Tech-Branche Fuß zu fassen: Facebook lehnt die jungen Kandidaten indes ab.

          Ursprünge in Paging-Systemen

          2009 kauft Koum sein erstes iPhone und entwickelt die Idee, dass im Adressbuch neben jedem Eintrag ein Statushinweis des Freundes stehen könne, etwa „Bin gerade beim Sport“. So sähen die Bekannten, ob man für gemeinsame Aktivitäten zur Verfügung stehe. Und so kam die App zu ihrem Namen: Whats up, „Was ist los?“. An seinem 33. Geburtstag, dem 24. Februar 2009, gründete Jan Koum zusammen mit Brian Acton das Unternehmen Whatsapp Inc. Zum Messenger wurde WhatsApp, als Apple im Sommer 2009 die Push-Nachrichten startete. Nun sah man sofort die Statusänderungen seiner Freunde. Bis zur Übernahme durch Facebook ließ Koum alle Interessenten an der jungen Firma abblitzen, und zum sorgfältig gepflegten Gründungsmythos gehört die Vision Koums, das perfekte Programm entwickeln zu wollen, das wirklich jeder ohne Computerkenntnisse bedienen könne. Ein Spickzettel an seinem Schreibtisch bringt es auf den Punkt: „Keine Werbung! Keine Spiele! Kein Schnickschnack!“

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