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Schutz der Privatsphäre : App warnt vor App

Will alles schützen: Jumbo-App Bild: Spehr

Datenschutz oder Dual Use: Warum Privatsphäre auf dem Smartphone komplizierter wird.

          2 Min.

          Datenschutz ist sexy. Je mehr man in jedem einzelnen Schritt des digitalen Lebens überwacht wird, um so stärker wächst der Widerstand. Einzelne Skandale wie das Erfassen jeder aufgerufenen Internetseite und jeder Mausbewegung durch die Antiviren-Software von Avast stellen nur die Spitze eines Eisbergs dar. Was Avast jetzt nach Veröffentlichung ihrer jahrelangen Spionagepraxis beendet hat, führen andere Unternehmen munter weiter. Nur weiß man noch nicht, wer die diebischen Elstern sind. Der Trick, den Avast verwendete, heißt Dual Use: Apps haben einen legitimen Zweck, der nach außen hin kommuniziert wird, in diesem Fall: Schutz vor Virenbefall. Insgeheim wird jedoch ein zweites Ziel verfolgt, das natürlich geheim bleibt. Hier war es der Verkauf der gesammelten Daten an Microsoft und Google.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Mitte Februar folgte gleich der nächste Skandal: Google musste 500 Erweiterungs-Apps für seinen Browser Chrome aus seinem Web Store entfernen, nachdem Sicherheitsforscher von Cisco entdeckt hatten, dass sie Nutzer auf Phishing-Seiten umleiteten. Die betreffenden Apps hatten jahrelang ihr Unwesen treiben können. Man ist also gut beraten, möglichst wenig Dienste zu nutzen und vor allem möglichst wenig Apps zu installieren. Denn jede noch so harmlos erscheinende Software kann im Dual-Use-Betrieb heimlich einem Nebenjob nachgehen. So wundert kaum, dass jetzt eine neue Kategorie von Apps auf den Markt kommt: Apps warnen vor Apps, nämlich vor löchrigem Datenschutz und Spionageprogrammen.

          Diese neuen Apps geben Hinweise, wo und wie die Einstellungen bekannter Kandidaten wie etwa Facebook in Richtung auf mehr Datenschutz optimiert werden können. Sie löschen private Daten der Vergangenheit und andere verräterische Fußspuren der eigenen Online-Aktivität und kümmern sich um Datensparsamkeit, indem sie die entsprechenden Einstellungen der zu kontrollierenden Apps genau inspizieren.

          Mehr Kontrolle über die eigenen Daten

          Ein erster Kandidat ist die App „Jumbo Datenschutz“, die es kostenlos für Android und Apples iOS gibt. Entwickler ist Pierre Valade, dessen Kalender Sunrise dereinst von Microsoft aufgekauft wurde. Die App will den Nutzern mehr Kontrolle über ihre eigenen Daten geben und „den potentiellen Schaden von Social Media verringern“. Investoren haben 3,6 Millionen Dollar für die erste Version bereitgestellt.

          Die Anwendung wird auf das jeweilige Smartphone geladen, und anschließend schlägt sie vor, Facebook, den Facebook Messenger, die Google-Dienste, Youtube, Twitter und Alexa zu prüfen. Für die entsprechende Analyse muss man sich allerdings von der App aus in den entsprechenden Apps anmelden. Im Beispiel Facebook folgt dann eine längere Zeit der Auswertung, zu deren Ende hin uns verschiedene Maßnahmen vorgeschlagen wurden. Darunter: alte Facebook-Einträge und alte Suchanfragen löschen und verhindern, dass Werbeanbieter einen anhand der eigenen Kontaktdaten ansprechen. Andere Einstellungen hatten wir bewusst aktiviert, Jumbo warnte davor: etwa die Verlinkung von Suchmaschinen auf das Facebook-Profil und die Einstellung, wer künftige Facebook-Posts sehen darf.

          Das alles ist nicht unbedingt Hexerei, mag aber den einen oder anderen hilfreichen Hinweis enthalten. Je mehr verschachtelte Bildschirmseiten mit Privatsphären-Einstellungen, umso schwieriger wird der Durchblick für die Nutzer. Meist hängen die gewählten Einstellungen auch davon ab, wann man sein entsprechendes Konto eingerichtet hat. Zudem ändern Dienste wie Facebook oder Twitter regelmäßig die vom Nutzer getätigten Einstellungen und schalten zurück auf jene, die das Unternehmen für wünschenswert hält. Dass dann die Jumbo-App warnt „du bist bei Google nicht geschützt“, solange man sich nicht mit seinen Google-Kontodaten einbucht und auch dort eine Sicherheitsprüfung vornehmen lässt, erscheint als unredliche Panikmache. Das hätte eine ordentliche App gar nicht nötig.

          So gesehen können Apps wie Jumbo gewiss nützlich sein. Indes kommt beim Einbuchen in Facebook, Google oder Twitter über die Jumbo-App natürlich gleich der Gedanke, dass auch Jumbo eine Dual-Use-App sein könnte, die sich mit dem Argument des Schutzes der Privatsphäre genau jener ihrer Nutzer bemächtigt. Das wäre ziemlich geschickt eingefädelt, und ist zumindest denkbar.

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