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Vernetztes Zuhause : Die smarte Kapitulation

Einsparungen geringer als Kosten

Die Übertragung erfolgt über Funk, Kabel, Internet oder das Stromnetz. Der Hausbesitzer kann dann auf dem Tablet oder dem Smartphone die Informationen zum aktuellen Verbrauch abrufen und via App zum Beispiel einzelne Geräte an- oder abschalten. Größere Verbraucher, genannt werden gern Waschmaschinen und Trockner, können dann zu Zeiten niedrigen Stromverbrauchs und günstiger Tarife aktiviert werden, das soll den Bedarf gleichmäßiger verteilen und den Energieverbrauch insgesamt senken.

Das klingt gut. Stellt sich die Frage, warum fast alle, von den Verbraucherschützern über die Interessenvertreter der erneuerbaren Energien bis hin zum Bundesrat, etwas an den Plänen der Bundesregierung auszusetzen haben. Der erste Grund ist wirtschaftlicher Natur. Smart Meter lohnen sich für die meisten Haushalte nicht: Untersuchungen im Auftrag der Verbraucherzentralen zeigen, dass die Einsparungen deutlich geringer sind als die Kosten der Geräte (gestaffelt bis 100 Euro im Jahr).

Die meisten Kleinverbraucher verlagern, soweit möglich, stromintensive Tätigkeiten wie Waschen und Trocknen ohnehin in die Abendstunden und ins Wochenende, für den Gesamtverbrauch spielt das kaum eine Rolle. Und Großverbraucher wie Kühlhäuser werden bisher schon dann zugeschaltet, wenn der Strom günstig ist. Für die privaten Kunden fehlen außerdem gesplittete Tarife - aber falls es sie geben wird, ist zu erwarten, dass die Einheitstarife für Kunden ohne intelligente Steuerung teurer werden.

Der Kunde als gläserner Verbraucher

Der zweite Grund ist die Datensicherheit. Google und anderen geht es nicht um Strom, Wärme oder das Energiesparen, sondern um den Kunden als gläsernen Verbraucher. Aus der Nutzung einzelner Elektrogeräte lässt sich leicht und sehr detailliert auf die Lebensgewohnheiten schließen. Deshalb muss sichergestellt sein, dass die Daten nur als gesammelte Werte übertragen werden. Dazu sehen die Richtlinien des BSI unterschiedliche Muster vor, die der Kunde mit der Wahl seines Tarifs beeinflussen können soll. So wie es derzeit aussieht, sind intelligente Messsysteme für die Verbraucher eher eine Mogelpackung als nützlich. Die Steuerung der Elektrogeräte im Smart Home funktioniert jedenfalls auch ohne die ständige Datenübertragung an den Energieversorger. Von Google gar nicht zu reden.

Schließlich müssen sich alle Hersteller die Kritik gefallen lassen, dass ihre Systeme nicht sicher genug sind. Zuletzt waren in einer Studie von HP Security Research ausnahmslos alle Anlagen des vernetzten Heims über ihren Cloud-Zugang angreifbar: „Als hätten alle Erfahrungen, die während der vergangenen 25 Jahre hinsichtlich der Sicherheit gemacht wurden, nie stattgefunden.“ Einfachste Verfahren für mehr Sicherheit wie die Pflicht zu langen Kennworten, die Sperrung von Konten nach mehrfacher Falscheingabe eines Kennworts, die Zwei-Faktor-Authentifizierung, die verschlüsselte Übertragung von Daten zum Anbieter und die Prüfung von Updates auf Manipulation hin fehlten laut dieser Studie.

Angesichts überbordender Begeisterung achtet niemand auf solche Details. Wenn sich die fernbedienbare Haustür bereitwillig dem Einbrecher öffnet, weil dessen Handy mit der jüngsten Bluetooth-Hackersoftware bestückt ist, dürfte indes mancher Freund solcher Lösungen erkennen, dass ein Haus kein Spielzeug für Apps ist. Smart soll sein, dass letztlich Eigentümer und Mieter die Kontrolle über ihr Heim aufgeben. Was dort Dritte mit Apps und Daten veranstalten, bleibt vollkommen intransparent. Das kann es nicht sein.

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