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Umgang mit Push-Nachrichten : Jetzt wird appgedreht

Bild: Illustration Frederik Jurk / Sepia

Apps pushen, was das Zeug hält: Es geht um Aufmerksamkeit um jeden Preis. Was steckt genau dahinter? Und wie entgeht man der Flut von Nachrichten?

          3 Min.

          Männer ignorieren es, Frauen bringt es zur Verzweiflung. „Ständig piepst es bei dir“, heißt der typische Vorwurf, und das ist kein Hinweis auf den angenommenen Mentalzustand des Partners, sondern das Hyperaktivitätssyndrom seines Smartphones. Es piepst, vibriert und schlägt Alarm, weil Apps um Aufmerksamkeit betteln.

          Michael Spehr
          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Warum tun sie das? 77 Prozent aller Apps werden nach einer Studie von Quettra in den ersten drei Tagen nach ihrer Installation wieder gelöscht. Im ersten Monat sind es 90 Prozent. Um die Haltezeit auf dem Gerät zu verlängern, setzen App-Entwickler die piepsenden Push-Notifications ein. Die Rede ist von „ungewöhnlich hohen Interaktionsraten“ als „Trigger in mobilen Kontexten“. Push-Meldungen seien „aufmerksamkeitsstark“ und „persönlich“.

          Programmierer beherzigen solche Ratschläge. Sie glauben, dass sie mit vielen lauten Hinweisen regelmäßige Aktivität in der App erzeugen und damit die Nutzungsdauer verlängern. Personalisierte Push-Nachrichten seien der Schlüssel zum Kunden, es wird von verdreifachten oder gar verfünffachten Öffnungsraten der Apps gesprochen. Mit jeder Interaktion verbringt der Nutzer mehr Zeit mit der Anwendung, und diese Zeit lässt sich von Unternehmen monetarisieren. Je öfter ein Nutzer bei dem, was er gerade macht, von Push-Meldungen unterbrochen wird, desto besser fürs Geschäft des App-Herstellers. Benachrichtigungen erscheinen deshalb oft dringlich, weil sie eine Interaktion herbeiführen wollen.

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          Das Unternehmen Urban Airship hat die Reaktion auf Push-Meldungen in 3000 erfassten Apps ausgewertet. Die plakative Darstellung der Meldungen im Sperrbildschirm von Android sorgt dafür, dass 20 Prozent aller Benachrichtigungen beachtet werden. Apples diskretere Lösung mag die Ursache dafür sein, dass die Aufmerksamkeit nur halb so groß ist. Am häufigsten werden Finanz- und Wirtschaftsmeldungen sowie Neuheiten aus den sozialen Netzwerken zur Kenntnis genommen. Push-Meldungen von Händlern und Geschäften oder Spiele-Apps finden demnach so gut wie kein Interesse.

          Trotzdem pushen fast alle Apps mittlerweile, was das Zeug hält. Stand früher der Nutzwert im Vordergrund, wenn beispielsweise eine Reise-App auf den verspäteten Flug hinweist, dehnt sich nun der Radius des Erwähnenswerten deutlich aus. Instagram beispielsweise schickt eine Meldung, wenn ein Freund nach langer Zeit mal wieder ein Foto hochgeladen hat. Je mehr Apps man hat, umso häufiger wird man unterbrochen. Auf dem Android-Gerät ist bisweilen die gesamte obere Menüzeile mit entsprechenden Hinweisen gefüllt. Wie gesagt: Es geht nicht darum, dass der Nutzer besser informiert wird, sondern es ist ein Kampf um die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen, es sind gewollte Unterbrechungen des Alltags.

          Bordmittel zur Eindämmung der Push-Plage

          Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Beide großen Betriebssysteme bieten Bordmittel zur Eindämmung der Push-Plage. Während man bei der Installation einer App großzügig sein und ihr das Recht auf Push-Meldungen einräumen sollte, lässt sich später feinjustieren, wenn es die Programmierer übertrieben haben. Dazu muss man keineswegs zur Radikallösung greifen und die App komplett deinstallieren. Ein erster Schritt kann der Nicht-Stören-Modus sein, den man beim iPhone in den allgemeinen Einstellungen oder im Kontrollzentrum (Fingerwisch von unten nach oben auf dem Display) aktiviert, gegebenenfalls sogar zeitgesteuert. Damit sind sämtliche Hinweise stummgeschaltet.

          In der Android-Welt mit der Betriebssystemversion 6 befindet sich der Eintrag in den Schnelleinstellungen (zweimal mit dem Finger vom oberen Bildschirmrand nach unten wischen). Hier kann man zudem bestimmte Benachrichtigungen ungeachtet der Stummschaltung durchlassen.

          Etliche Apps geben indes ein fortwährendes Störfeuer ab, das man auf Dauer nicht ertragen will. Es ist einfach zu viel. Man forsche zunächst, ob es entsprechende Einstellungen in der App gibt. Die Android-Software für Facebook zum Beispiel versteckt in einem kaum zu findenden Untermenü (Einstellungen, App-Einstellungen, Benachrichtigungen), welche Ereignisse einen Alarm auf dem Smartphone auslösen. Darunter die unbeliebten Veranstaltungseinladungen, Gruppennachrichten oder Tipps zu Orten. In der Standardeinstellung ist natürlich alles aktiviert. Das Hinweisgewitter lässt sich auf diese Weise bereits deutlich zurückdrängen. Geht es nur um die akustische Belästigung, kann schon die Auswahl eines dezenteren Hinweistons, entweder in der App oder in den allgemeinen Einstellungen, geradezu Wunder wirken.

          Führt die Suche in der App nicht zum Ziel, bemühe man abermals das Betriebssystem. In einem nicht modifizierten Android 6 wähle man die Einstellungen und die Apps, dann die betreffende App und die Benachrichtigungen. Nun lassen sich unter anderem alle Push-Meldungen des Programms blockieren, man kann allerdings die App auch hochstufen und ihre Hinweise mit Priorität durchleiten.

          In Apples Betriebssystem iOS gibt es direkt im Menü „Einstellungen“ ein Untermenü für Push-Mitteilungen, in dem jede einzelne App mitsamt der ihr gewährten Berechtigungen aufgeführt ist. Mit wenig Aufwand schaltet man die Quälgeister stumm oder reduziert ihre Einblendungen dauerhaft. Auch wenn die App sich immer wieder beschwert: Alle Programme laufen ohne Push-Meldungen ebenso gut. Neues sieht man, wenn man die App manuell startet. So wie früher, als man seine Zeit noch sinnvoll verbrachte.

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