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Produktion von UHD-Inhalten : Endlich wird’s scharf

  • -Aktualisiert am

Knallige Farben: Demo-Video der Band Culcha Candela für den nächsten Schritt Bild: Tunze

Für die hochauflösenden Fernsehgeräte entstehen immer mehr Filme. Mit raffinierter Technik werden alte Aufnahmen angepasst.

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          So langsam, sagt André Prahl, Vorsitzender der Deutschen TV-Plattform, kommt Ultra-HD-Schwung in die Medienproduktion. Und das Thema HDR, Synonym für dramatisch höhere Kontraste, schwappt als Krönung der UHD-Welle womöglich gleich mit in unsere Wohnstuben. Jedenfalls wird es dafür höchste Zeit, wenn man sich ein paar Zahlen anschaut. In deutschen Haushalten stehen bereits über 10 Millionen Fernsehgeräte mit UHD-Bildschirmen, die bewegte Bilder mit 3840 × 2160 Pixel-Pünktchen rastern. 52 Prozent aller verkauften Fernseher sind UHD-Modelle. Unter den Geräten in wohnzimmertauglichen Großformaten liegt der Anteil noch viel höher. Die TV-Plattform – ein Industrieclub, der sich seit mehr als drei Jahrzehnten in branchenübergreifenden Arbeitsgruppen für schönere Bilder engagiert kann die Technik-Debatten um die Hardware somit vorerst zu den Akten legen. Auf ihrem jüngsten Symposion in der vergangenen Woche ging es ihr um die Fragen: Wie kommt die Produktion adäquater Inhalte voran, und was müssen Medienschaffende tun, damit vor der Mattscheibe wirklich deutlich wird: Hier kommt noch einmal dramatisch höhere Erlebnisqualität ins Spiel?

          Interessant ist, über welche Wege die meisten UHD-Produktionen vorerst ins Haus kommen. Die großen amerikanischen Streaming-Portale haben klar die Nase vorn: Apple TV bietet rund 500 Filme und Serienstaffeln in UHD-Auflösung an, Netflix hat 200 Produktionen im Angebot, etwa ebenso viele wie Amazon Prime. Das Repertoire auf Bluray Discs in UHD liegt bei etwa 150 Titeln.

          Damit ist, so sieht es Prahl, eine Tür in die Fernsehzukunft aufgestoßen, durch die nun auch die klassischen Programmanbieter gehen können. Sie tun es bisher eher tastend. Sky überträgt Bundesliga- und Champions-League-Spiele in UHD, vereinzelt auch Spielfilme und Serien. Das ZDF experimentiert mit der Serie „Bergdoktor“, nutzt zur UHD-Übertragung aber noch ausschließlich das Internet. Prosieben und Sat 1 erproben die UHD-Technik auf der Plattform HD+ mit der Doku-Reihe „Galileo“ und Casting-Shows wie „The Voice of Germany“. RTL betreibt ebenfalls auf HD+ einen UHD-Kanal, in dem Formel-1-Übertragungen, Fußball-Länderspiele und Europa-League-Begegnungen laufen – ebenso das Finale von „Deutschland sucht den Superstar“ und seit der zweiten Staffel auch Folgen der Serie „Sankt Maik“, in der sich ein Kleinganove als Priester tarnt.

          Nicht nur mehr Pixel

          Kommt da jetzt rasch mehr? Johannes Züll, Chef von Studio Hamburg, beantwortet diese Frage eher vorsichtig. Die komplette Umstellung von 24-Stunden-Vollprogrammen auf UHD sieht er – schlicht aus Kostengründen – in weiterer Ferne. Vorerst hält er es für sinnvoll, zu entscheiden, welche Inhalte überhaupt UHD-würdig sind. Denn der nächste mediale Qualitätsschritt umfasst eben nicht nur mehr Pixel, er zielt auch auf erweiterte Farbräume, auf HDR-Kontraste und auf höhere Einzelbild-Frequenzen. Welches Kriterium also steht für welche Inhalte im Vordergrund? Für schnelle Sportarten – Eishockey zum Beispiel – ist die Bewegungsauflösung essentiell.

          Wie sehr Dokumentationen und Naturaufnahmen von erweiterten Farbräumen und HDR-Kontrasten profitieren, demonstrierte Technik-Manager Andrew Dunne von der BBC: Er hatte Szenen aus der Produktion „Planet Earth II“ als Anschauungsmaterial mitgebracht, die mit ihrer atemraubenden visuellen Eindringlichkeit begeistern. Schon vor Jahren setzte die erste Folge dieser Dokureihe Maßstäbe; Gerätetester nutzen sie immer noch gern als spektakuläre Referenz. Züll setzt aber auch auf „Repertoirefähigkeit“, wie er es nennt. Zahlt sich anspruchsvolle Produktionstechnik unter Verwertungsaspekten aus, sind die Inhalte also attraktiv genug, um auch nach längerer Zeit im Archiv immer wieder nachgefragt zu werden?

          Nicholas Goodwin, Leiter der Postproduktion von Constantin Film, unterstellt solche Eigenschaften der gesamten Filmbibliothek seines Hauses. Sie wird derzeit nach und nach auf die Höhe der heutigen technischen Möglichkeiten gehoben – unter anderem durch erneute Abtastung von Filmmaterial in hoher Auflösung und durch die Anpassung an die neuen Möglichkeiten, erweiterte Farbräume und Kontrastumfänge digital zu kodieren. Auch Goodwin kennt die Zwänge aus dem Fach Betriebswirtschaft, findet aber, ganz Mann des Films: Ästhetischer Zugewinn motiviert immer.

          Dennoch wäre die Vorstellung naiv, man müsse nur einen Hebel umlegen, um kurzerhand auf die UHD-Zukunft umzuschalten. Denn die ersten Erfahrungen mit Live-Produktionen zeigen die ganze Komplexität der Umstellung. Anfangs waren neben UHD-Kameras auch HD-Kameras im Spiel, zwei parallele Workflows in zwei Regiebereichen sorgten für unwirtschaftlichen Aufwand. Solche Kinderkrankheiten lassen sich nach und nach mit erhöhten Hardware-Investitionen kurieren. Nicht nur in Kameras, sondern auch in Speicherkapazitäten,

          angepasstes Datenmanagement, eine ausreichende Anzahl von UHD-fähigen Übertragungsfahrzeugen und vieles mehr. Es bleiben aber auch offene technische Fragen, etwa nach der Orientierung im Dickicht konkurrierender HDR-Standards sowie der Einigung auf entsprechende Produktions- und Auslieferungsformate.

          Demo-Video der Band Culcha Candela für den nächsten Schritt.

          Der TV-Regelbetrieb in UHD wird noch auf sich warten lassen. Inzwischen wecken 8k-Fernseher schon Erwartungen auf einen weiteren Schritt in der medialen Evolution. Wird der je kommen? André Prahl sieht das skeptisch: „8k, vielleicht sogar 16k – all dies werden Themen von immer engeren Nischen mit entsprechend spezialisierten Distributionswegen“, sagt er. Samsung hat aus der Not eine Tugend gemacht und ein kleines Demo-Projekt in 8k initiiert, ein Musikvideo der Berliner Hip-Hop-Band Culcha Candela. Knackscharf und mit knalligen Farben vermittelt es die Botschaft: Auch der übernächste Schritt in die Medienzukunft bringt mehr als nur weitere Pixelrekorde.

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