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Transparenz gefordert : Algorithmen fallen nicht vom Himmel

Bild: Dmitri Broido

Sie sind überall, sie bestimmen unser Leben. Nun ist die Frage aufgeworfen, wie objektiv Algorithmen arbeiten. Die Politik fordert Transparenz für Rechenregeln und will sie regulieren.

          Nur 100 Jahre zurückgesprungen in der Zeit: Der Großvater, am Anfang des 20. Jahrhunderts geboren, ein Knabe während des Ersten Weltkriegs, hat sich vermutlich zu keinem Zeitpunkt seines Lebens mit Algorithmen beschäftigt, wenngleich er sie, in welchem Beruf auch immer, tagtäglich verwendete. Algorithmen sind Mechanismen, die zu Resultaten führen. Wenn der Maurer seinen Mörtel mischt oder der Schuhmacher ein Stück Leder bearbeitet, dann tut er das aufgrund seines Wissens und seiner Erfahrungen, er verwendet Algorithmen. Indes erschloss sich besagter Großvater seine Welt weitestgehend selbst. Wie er die Welt sah, das war seine Sache und die seiner Umgebung, in der er agierte und von der er lernte.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Heute leben wir in einer Welt, die von Algorithmen geprägt ist. Wir werden von ihnen beeinflusst und sind von ihnen abhängig: Beginnend bei der Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung, sei es im Kraftwerk oder der Heizung im Keller, über die Ampelsteuerung an der Straße bis hin zum Thermostat der Dusche. Simple mechanische und elektronische Geräte werden ersetzt durch Apparate mit programmierter Intelligenz.

          Während das Auto des besagten Großvaters rein mechanisch fuhr, sind alle heutigen Fahrzeuge durch und durch digital. Sie haben mehr als 100 Steuergeräte und Sensoren, und die jüngsten Prototypen selbstfahrender Autos nutzen zum Beispiel einen wassergekühlten Supercomputer von Nvidia mit der Rechenleistung von 150 Macbook Pro, erforderlich nicht nur fürs autonome Fahren, sondern auch für weitere Zukunftsprojekte der künstlichen Intelligenz.

          Blitzschnell werden Hunderttausende von Daten ausgewertet

          Algorithmen im Auto enthalten faszinierende Abfolgen physikalischen Wissens, das in Sekundenbruchteilen dafür sorgt, dass Fahrer und Fahrzeug auf glatter Straße nicht im Graben landen: wenn zum Beispiel die eingebauten Sensoren für den Lenkwinkel, die Gierrate und die Querbeschleunigung im Zusammenspiel mit der Software des ESP-Steuergeräts ermitteln, dass das Fahrzeug schleudert – und es umgehend über gezieltes Bremsen einzelner Räder auf Spur gebracht wird. Das geschieht quasi von allein, dank der Algorithmen. Das Wissen der Ingenieure und die Fahrversuche auf der Teststrecke fließen in Erkenntnisse ein, die von Programmierern in Regeln, Abfolgen, Kommandos überführt werden. Blitzschnell werden Hunderttausende von Daten ausgewertet, in Steuersignale umgesetzt und mit jeder Bewegung des Fahrzeugs wieder aufs Neue angepasst. Hier sind Algorithmen so etwas wie fest verdrahtete Handlungsanweisungen, die das Wissen von Physikern und Ingenieuren widerspiegeln.

          Algorithmen sind jedoch weitaus mehr als nur dezente Diener und beste Freunde im Hintergrund. Sie wirken aktiv in unseren Alltag hinein, sie bestimmen unsere Weltsicht. Denn Algorithmen können jenseits naturwissenschaftlicher Regeln und Prinzipien eine ungeheure Wirkungsmacht enthalten, wo sie nicht den strengen Pfaden eindeutiger Erkenntnisse folgen, sondern subjektiv oder schlimmstenfalls manipulativ sind.

          Rund 7000 verschiedene Verhaltensmuster analysiert Facebook

          Welche Geschichten uns Facebook zeigt, welche Trefferlisten eine Google-Suche hervorbringt und was Spotify als Musikempfehlung ausgibt, das alles ist von Algorithmen erzeugt und auf ein Individuum zugeschnitten, wie es die jeweilige Plattform zu kennen glaubt. Algorithmen der Bank entscheiden, ob ein Kredit vergeben wird oder nicht, und die Verwaltungen arbeiten mit Vorschriften, also mit Algorithmen, selbst wenn letztlich Menschen eine Entscheidung fällen. Rund 70 Prozent aller Stellenbewerber in Großbritannien und den Vereinigten Staaten werden zuerst von algorithmischen Verfahren bewertet, bevor ein Mensch ihre Unterlagen sieht. Rund 7000 verschiedene Verhaltensmuster analysiert Facebook von jedem einzelnen Nutzer und erstellt aus diesen Puzzleteilen ein „algorithmisches Imperium“, sagt Vladan Joler, Leiter des Share Lab und Professor an der Universität Novi Sad.

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