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Offenes W-Lan : Internetanschluss mit wildfremden Leuten teilen

Wegen der Störerhaftung, von der Zugangsvermittler (Access Provider) wie beispielsweise die Telekom gemäß Telemediengesetz in der Haftung freigestellt sind, gibt es in Deutschland kaum offene, frei nutzbare Hotspots. Bild: dpa

Überall in der Stadt schnell und gratis ins Netz: Das geht mit offenem W-Lan fast überall. Nur in Deutschland nicht. Jetzt ist Abhilfe in Sicht.

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          Wenn man deutschen Politikern gern eine Dienstreise gönnt, dann wäre es eine nach Seoul, Südkorea. Denn hier kann man als Geschäftsreisender oder Tourist mühelos wie in kaum einem anderen Land von einem Gratis-Hotspot zum nächsten hüpfen, sich ohne teure Roaming-Gebühren mit dem Smartphone oder Notebook im Netz tummeln, die neuen E-Mails abholen, dank Whatsapp und Facebook den Kontakt nach Hause halten und sogar mit Skype oder anderen Diensten für Internettelefonie in sehr guter Akustik mit seinen Liebsten in aller Welt plaudern.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Das alles ist einfach, funktioniert selbst unterirdisch in der Bahn; - von Hotels, Restaurants und sonstiger Gastronomie gar nicht zu reden. Der Hotspot-Ausbau ist in Seoul mit 400 freien Netzen auf 1000 Einwohner besser als in anderen Industrienationen, aber auch in London, Stockholm oder Paris gibt es eine öffentliche W-Lan-Infrastruktur, von der man hierzulande nur träumen kann. In New York sollen künftig 7000 W-Lan-Säulen einen flächendeckenden Gratis-Internetzugang im gesamten Stadtgebiet garantieren. Der Grund für die deutsche Diät ist die sogenannte Störerhaftung: Nach dieser sehr eigenwilligen Rechtskonstruktion kann jemand für etwas in Anspruch genommen werden, ohne Täter oder Teilnehmer der Rechtsverletzung zu sein. Man packt sich verschuldensunabhängig denjenigen, der das W-Lan und den Internetzugang zur Verfügung stellt, wenn man der gesuchten Person nicht habhaft wird.

          Stets geht es um relativ lapidare Urheberrechtsverletzungen, nicht aber um Verbrechen, die ganz anders geahndet werden. Wegen der Störerhaftung, von der Zugangsvermittler (Access Provider) wie beispielsweise die Telekom gemäß Telemediengesetz in der Haftung freigestellt sind, gibt es in Deutschland kaum offene, frei nutzbare Hotspots. Zwar hat die Bundesregierung immer wieder angekündigt, die Lage zu bessern und gleichzeitig die Urheberrechte zu stärken. Aber mit juristischen Formulierungen für W-Lan-Anbieter, dass diese zumutbare Sicherungsmaßnahmen zu treffen hätten, von Nutzern eine sogenannte Rechtstreue-Versicherung einholen müssten oder der Verpflichtung, alle Nutzer eines W-Lan namentlich zu erfassen, ist niemandem geholfen. Deutschland bleibt ein Land, in dem dank juristischer Unsicherheit riesige Potentiale für mobile Kommunikation ungenutzt bleiben.

          Während das Teilen von Internetzugängen in vielen Ländern dieser Welt reibungslos funktioniert, soll hierzulande das Geschäftsmodell der Abmahnindustrie gesichert werden, denn allein sie profitiert von der Störerhaftung. Ein Blick auf die deutschen Hotspots lässt folglich ein düsteres Bild der Netzversorgung entstehen: Von den mehr als eine Million Hotspots in Deutschland ist nur ein kleiner Promillebereich ohne Registrierung und Identifikation offen und frei zugänglich, wie es im Rest der Welt üblich ist. Wo sich Gäste, auch aus dem Ausland, in Deutschland an einem Hotspot anmelden wollen, stoßen sie auf hohe Hürden. Sie fragen, warum Name, E-Mail-Adresse oder Handy-Rufnummer anzugeben sind, und was mit den Daten passiert.

          Cloud- und Streamingdienste erfordern immer mehr Datenvolumen

          Doch neuerdings gibt es wenigstens ein kleines Fünkchen Hoffnung in der deutschen Hotspot-Landschaft, wenn man gewillt ist, sich erfassen zu lassen: Die Mobilfunker bauen die W-Lan-Zugangspunkte kräftig aus. Nicht ohne Hintergedanken: Cloud- und Streamingdienste erfordern immer mehr Datenvolumen, und die in den meisten Mobilfunkverträgen enthaltenen Volumina sind zu gering. Die Deutsche Telekom setzt vor allem auf Hilfe von der eigenen Kundschaft: Wer seinen DSL-Anschluss und seine Bandbreite für andere zugänglich macht, profitiert jenseits seiner Wohnung oder seines Hauses von den öffentlich bereitgestellten Internetzugängen anderer Telekom-Kunden. Das Teilen des Zugangs nach dem Community-Modell war ursprünglich der Gedanke des spanischen Unternehmens Fon, mit dem die Telekom hier zusammenarbeitet.

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