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Nokia Lumia 800 : Kein Gadget zum Knutschen

Die neue Schlichtheit: Nokias erstes Smartphone mit Windows-Betriebssystem, das Lumia 800 Bild: Hersteller

Das Smartphone-Betriebssystem von Microsoft soll Nokia den Weg aus der Krise weisen. Jetzt kommt das erste Handy aus Finnland mit Windows Phone 7.5. Wie gut ist das neue Nokia Lumia 800?

          4 Min.

          Man kann sich dem ersten Nokia-Smartphone mit Microsoft-Betriebssystem auf zweierlei Weise nähern. Mit einem Seitenblick auf die Konkurrenz lässt es sich mühelos in den Boden stampfen. Microsoft Windows Phone gibt es seit einem Jahr. Es ist ein Flop. Der Marktanteil liegt bei unter zwei Prozent. Der bescheidenen Nachfrage der Kunden entspricht die Flaute bei den Apps. Entwickler und Content-Lieferanten konzentrieren sich auf Android und iPhone. Vieles Wichtige und Sinnvolle fehlt. Nerds, die sich aus dem Smartphone ein Schweizer Taschenmesser basteln, kommen mit ihrem Spieltrieb zu kurz.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Microsoft und Nokia sind schwach, wenn es um jenes Ökosystem geht, das bei modernen Geräten immer wichtiger wird und ein Netz der Verknüpfungen aufspannt, in dem alle Aspekte der digitalen Lebensführung eng miteinander verwoben sind. Stichworte: Musik, Cloud-Anbindung, soziale Netzwerke und die Verzahnung von Internetdiensten am PC mit dem Gerät in der Hand. Es gibt bei Windows Phone 7.5 auf den ersten Blick kein Alleinstellungsmerkmal, das einen sofort in den Bann ziehen würde. Wer soll hier wen retten, fragt man sich. Ist es sinnvoll, dass Microsoft sein Windows Phone als „bestes Handy für Hotmail“ anpreist? Hotmail? Steht das nicht im Zumutbarkeitsindex für Leidenswillige ganz oben auf der Liste, gleich neben Web.de?

          Bei keinem anderen ist die Facebook-Integration so gelungen

          Lässt man sich jedoch nicht von Vorurteilen leiten, entdeckt man schnell den Charme und die Raffinesse des neuen Nokia Lumia 800, das Mitte November für 500 Euro in den Handel kommt. Es erinnert an das erste iPhone des Jahres 2007. Es kann nicht viel, aber was es kann, macht es mit Bravour und Leichtigkeit. Die Reduzierung auf das Wesentliche gefällt. Der Purismus wird hier noch einmal auf die Spitze getrieben. Üppig dimensionierte Weißräume stehen für Transparenz und Klarheit, die Menüs hingegen sind drastisch reduziert. Der zweite und dritte Blick bringen dann doch ein Alleinstellungsmerkmal ans Licht: Bei keinem anderen Smartphone ist die Integration der sozialen Netzwerke, insbesondere von Facebook, so gelungen wie hier. Daten werden selbsttätig und sicher zusammengeführt, egal, aus welcher Quelle sie stammen. Eins fließt und greift ins Andere. Zumindest, wenn es um Personen geht, bei Themen ist Windows Phone 7.5 eher schwach. Anders ausgedrückt: Wer kein Nerd ist und sich auf die wichtigen Dinge fokussiert, wird mit dem aktuellen Microsoft-Betriebssystem sehr zufrieden sein. Kontakte, Kalender, E-Mail, Facebook und Twitter sind die Stärken aus dem Hause Microsoft. Nokia wiederum spendiert seine Navigation, die Mobilfunkgebühren nur beim Start (zur Ortung und Zielsuche) anfallen lässt. Denn die Karten für alle Länder der Welt kann man vor Reiseantritt unentgeltlich mit Wireless-Lan aufs Gerät laden.

          Informiert: Zu jedem Kontakt erscheinen automatisch die aktuellen Einträge von Facebook oder Twitter

          Die Hardware des Lumia 800 folgt dem Nokia N9, allerdings fehlt dem Neuen die zweite Frontkamera für Videotelefonie. Das robust wirkende Kunststoffgehäuse ist aus einem Guss gefertigt. An der rechten Seite sind die mechanischen Tasten angebracht, ihre Anmutung lässt etwas zu wünschen übrig. Mit Maßen von 11,6×6,2×1,2 Zentimeter ist es etwas höher und dicker als ein iPhone, passt jedoch noch prima in die Hosentasche. Der Bildschirm löst auf einer Diagonale von 9,2 Zentimeter mit klassentypischen 800×480 Pixel auf. In geschlossenen Räumen ist das Amoled-Display mit kräftigen Farben überzeugend. 16 Gigabyte Speicher sind fest eingebaut, ein Schacht für Micro-SD-Karten fehlt. Der Akku lässt sich vom Anwender nicht wechseln, und wie im iPhone 4 und 4S benötigt man die kleine Micro-Sim-Karte, die an der Oberseite des Geräts eingesteckt wird. Man nimmt das Lumia gern in die Hand, auch hier ist das puristische Design ein Pluspunkt.

          Kamera kann nicht mit der des iPhone 4S mithalten

          Wie bei allen Windows-Phone-Geräten ist ein Zugriff auf Musik und Fotos im internen Gerätespeicher nicht an jedem PC möglich, auch nicht mit einem USB-Kabel. Für den Austausch von Medien benötigt man unter Windows die unbeliebte Zune-Software von Microsoft, für den Mac gibt es den Windows Phone Connector. Eine ärgerliche Einschränkung. Auch der Umweg über das Hotmail- oder Windows-Live-Konto führt nur einen kleinen Schritt weiter. Zwar erhält man üppige 25 Gigabyte Speicherplatz, und es lassen sich einzelne Fotos direkt in dieses „Sky Drive“ übertragen. Allerdings nur mit reduzierter und herunter gerechneter Auflösung.

          Mitbringsel: Die Fahrzeug-Navigation mit Sprachkommandos und Gratis-Karten gehört beim Lumia dazu

          Die Kamera mit 8 Megapixel ist schnell einsatzbereit und bietet gute Qualität, kann aber mit der des iPhone 4S nicht mithalten. Der Prozessor, ein Snapdragon 2 von Qualcomm mit 1,4 Gigahertz, sorgt für ein ordentliches Arbeitstempo. Dass es sich hier nicht um einen Zweikernprozessor handelt, ist jedenfalls kein Nachteil. W-Lan und Bluetooth 2.1 gehören ferner zur Serienausstattung, im UMTS-Betrieb sind Datenraten bis 14,4MBit/s erreichbar.

          Alles in allem ein faszinierendes Smartphone

          Die Bedienung des Lumia 800 ist kinderleicht und lässt kaum Fragen offen. Einwände und Probleme sind nur bei manchen Details aufzuzählen. Etwa, dass ein für fortgeschrittene Funktionen unabdingbares Hotmail- oder Windows-Live-Konto ungefragt und ohne jede Vorwarnung bei der Inbetriebnahme alles synchronisiert. Oder die feste und ebenfalls nicht änderbare Voreinstellung von Microsoft Bing als Suchmaschine für den Internet Explorer. Ferner die fehlende Wochenansicht des Kalenders in Verbindung mit einer Monatsansicht, die einzelne Einträge so winzig wiedergibt, dass man sie beim besten Willen nicht mehr lesen kann. Ein Push-System für neue Nachrichten und Ereignisse fehlt, aber diese werden teils auf dem Startbildschirm automatisch angezeigt oder sind manuell in bestimmten Kontexten abrufbar. In die rudimentär vorhandene Spracherkennung sollte man keine großen Hoffnungen setzen.

          Rund um die Kacheln: Mit den großen Flächen startet man einzelne Apps, die Belegung ist frei konfigurierbar

          Alles in allem ist das Lumia 800 ein faszinierendes Smartphone. Aber nicht für jedermann. Wer die Verknüpfung mit den großen marktbeherrschenden Ökosystemen sucht oder in die bunte Welt der Apps eintauchen will, wird beim Mainstream bleiben. Denn das Nokia zielt auf Leute, „die noch was anderes machen, als Gadgets zu knutschen“, schrieb Kollege Volker Weber, und dem ist nichts hinzuzufügen.

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