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8D : Der jüngste Musik-Hype auf Youtube

  • -Aktualisiert am

Mit Mausbewegungen nun lassen sich zuvor ausgewählte Tonspuren an beliebige Positionen rund um den Kopf dirigieren. Bild: Screenshot Tunze

Musik in 8D? Was soll das sein? Die achte Dimension vielleicht? Was steckt hinter der Technik? Hier weniger als acht Antworten.

          Oh my God! Klänge wie aus einer anderen Welt! Ich muss nie wieder eine Konzertkarte kaufen! Es klingt, als wäre ich mitten auf der Bühne! Euphorische Kommentare wie diese, tausendfach gelikt, sammeln sich seit Monaten in anschwellender Menge unter Youtube-Filmchen, die Musik in 8D anbieten – in einer Technik, deren Name schon allerlei Fragen aufwirft. 8D – was soll das sein? Die achte Dimension vielleicht? Die ist, soweit uns bekannt, noch nicht erfunden. Und was in den Praxistipps von Chip.de steht, erscheint auch nicht viel plausibler: Das D bedeute nicht „Dimension“, sondern „Direction“, der Sound komme also aus acht Richtungen.

          Andere Autoren spekulieren darüber, ob die Zahl 8 nicht einfach für ein Ranking stehe – folglich sei also 8D noch besser als 7D – was immer 7D demnach bedeuten mag. Ganz abwegig scheint die Theorie nicht, denn schon tummeln sich auf Youtube auch Audio-Clips, die sich mit dem Etikett 9D schmücken. Wir verkneifen uns Wetten, ob noch in diesem Jahr das Dutzend vor dem D voll wird. Tatsache ist: 8D ist ein Hype, der sogar schon über Youtube hinausgewachsen ist: Spotify bietet 8D-Musik an, die Musikplattform Soundcloud ebenfalls, und selbst in Apples iTunesStore hat 8D-Musik schon Einzug gehalten. Was also steckt im Detail dahinter?

          Lauschen wir einfach selbst, und zwar mit einem Kopfhörer: Speziell für diese Art der Schallvermittlung ist die Technik ausgelegt. Also: 8D in die Youtube-Suchzeile eingetippt, und schon öffnet sich eine schier endlose Liste an Titeln, derzeit getoppt von Ed Sheerans Schmusesong „Perfect“. Der Video-Part zeigt, passend zum Thema, einfach ein Standbild mit dem Schattenriss einer jungen Frau vor rotglühendem Sonnenuntergang. Mit Beginn der Musik legt sich ein Kranz aus leuchtenden Punkten über dieses Motiv, dessen einzelne Elemente rhythmisch wie Protuberanzen anschwellen und wieder abnehmen – an stets wechselnden Abschnitten des Kreises. Diese Grafik korrespondiert mit dem Höreindruck: Sheerans Stimme schwillt an und ebbt wieder ab, kurvt dabei scheinbar von rechts nach links und zurück oder dreht sich einmal um den ganzen Kopf herum, virtuell natürlich. Zugleich verändert sich der Raumeindruck: Mal wirkt der Klang trockener, als sei er in einem mit dicken Teppichen ausgelegten Wohnraum aufgenommen, dann wieder halliger, der imaginäre Raum wird größer, machmal fast wie eine Fabrikhalle.

          Musiktitel, die man aus den Charts kennt

          Ein anderes Beispiel: Wir klicken „Rockstar“ des R&B-Musikers Post Malone an. Auch hier kreist die Stimme um den Zuhörer, aber auch die elektronischen Instrumente vollführen sphärische Bewegungen. Auffällig zudem: Der ohnehin enorme Bass dieses Stücks klingt hier noch fetter, massiver als in der Standard-Abmischung. Ähnliche Erfahrungen machen wir mit vielen anderen Titeln, die einen Vergleich mit Standard-Abmischungen zulassen. Tatsächlich sind 8D-Stücke auf Youtube überwiegend Musiktitel, die man aus den Charts kennt – nachbearbeitet und hochgeladen. Interessant: Rechtlich scheint das nicht ganz unproblematisch zu sein; iTunes jedenfalls bietet nur speziell produziertes 8D-Material an.

          Aber was passiert denn eigentlich bei der Nachbearbeitung? Ein Theorieangebot im Youtube-Forum geht so: „Beim 8D-Sound wird zusätzlich künstlich an der Wellenlänge herumgewerkelt.“ Nun ja, es ist hübsch, sich diesen Vorgang bildlich vorzustellen, aber es gibt bessere Erklärungen. Eine davon hat Martin Rieger, Akustik-Spezialist für virtuelle Realität, in einem Tutorial parat, das wir – wo sonst – auf Youtube gefunden haben. Dort präsentiert Rieger seine Standard-Arbeitsumgebung, eine Software-Workstation von Reaper, die funktioniert wie ein Werkzeugkasten: Für Spezialaufgaben jeglicher Art lassen sich dort Plug-ins integrieren. Eines davon hört auf den Namen „dearVR pro“.

          Es ist eigentlich ein ideales Instrument für Spieleentwickler, aber damit lässt sich auch alles bewerkstelligen, was wir an 8D-Effekten wahrgenommen haben. Das wichtigste Element ist ein quadratischer virtueller Bildschirm, der in seiner Mitte einen stilisierten Kopf mit Hörer zeigt. Mit Mausbewegungen nun lassen sich zuvor ausgewählte Tonspuren an beliebige Positionen rund um den Kopf dirigieren, und zwar nicht nur statisch: Der Operateur kann sie auch kontinuierlich bewegen, also zum Beispiel um den Kopf kreisen lassen. Ein Elevator-Regler definiert zudem die Höhe der Schallquelle.

          Ein zweites Modul dieses Werkzeugs definiert den Hall und damit die subjektiv wahrgenommene Größe des Raums, ebenso die Reflexionsneigung seiner Begrenzungen. Vordefinierte Einstellungen bieten zum Beispiel Badezimmer, Flure, Treppenhäuser, Live-Bühnen, Autos, Kaufhäuser, Messestände, Kinos oder offene Straßen als Akustik-Umgebungen an, aber natürlich lassen sich Dauer und Intensität des Nachhalls auch mit Reglern definieren. Das dritte Modul schließlich kann die Lokalisierung des akustischen Geschehens noch verfeinern, indem es zum Beispiel virtuelle Wände in den Klangraum einzieht und vieles mehr.

          Sind Musikstücke, die solche Nachbearbeitungsprozeduren durchlaufen haben, nun wirklich so attraktiv? Das akustische Verwirrspiel rund um die Ohren kann schon Spaß machen. Nur eines ist es auf keinen Fall: ein Weg zu einem authentischen Bühnenerlebnis. Kommentatoren, die auf diesen Aspekt abheben, sind schlicht im Irrtum. Manche 8D-Artefakte sind sogar richtig ärgerlich, weil sie eine künstlerisch und technisch wunderbar gelungene Abmischung einfach nur grob verhunzen: Adeles „Hello“ in 8D ist so ein Beispiel, das nicht nur unter bizarren Effekten leidet, sondern auch noch mit Party-Geräuschen unterlegt ist. Wenn das 8D sein soll, dann kann man nur hoffen, dass diesem Hype schnell wieder die Luft ausgeht.

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