Kunst mit GPS : Die Satellitenmaler
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Mit dem Rad ein Rad gezeichnet: GPS-Kunst von David Taylor Bild: Strava Art / David Taylor
Route aufzeichnen und auf eine Karte projizieren: Mit GPS Art wird der Radfahrer zum Künstler. Was braucht man dafür? Wir zeigen es Ihnen.
In den frühen Morgenstunden des 1. Januar 2015 startete der passionierte Rennradfahrer Stephen Lund eine erste Tour in seiner kanadischen Heimatstadt Victoria. Im August hatte er sich ein Garmin-Gerät zur Aufzeichnung der eigenen Strecken gekauft, wie es bereits viele andere in seinem Radclub hatten. Die smarten Uhren erfassen den zurückgelegten Weg metergenau mit dem Satellitensystem GPS. Am Ende eines Trainings lädt man die Daten zu einem Anbieter wie Garmin oder Strava hoch und kann die Fahrt inklusive weiterer Informationen wie Geschwindigkeit, Zeit und Höhenmeter mit anderen teilen.
Lund kannte diese Touren-Schnappschüsse. Aber als er seine ersten Fahrten auf Google Maps hochgeladen hatte, sah er nicht nur den krakelig rotmarkierten Weg, sondern hatte sogleich die Idee, dass man daraus mehr machen könnte. Am 1. Januar fuhr er durch viele kleine Seitenstraßen der Bay Street und malte sein erstes GPS-Bild: „Happy 2015“. Die Freunde in seinem Radclub waren so begeistert, dass Lund aus der GPS-Kunst ein zweites Hobby machte: Bildermalen durch die Visualisierung von Geodaten. Die beiden oberen Fotos stammen von Lund und sind auf Strava zu sehen.
Lund arbeitet mit zwei Verfahren: Entweder malt er sein „Doodle“ in einem Rutsch, die gesamte Strecke wird ununterbrochen abgefahren. Oder er setzt auf die Verbindung zweier Punkte. Wenn man den Garmin-Tracker an einem Punkt pausiert und an einem anderen wieder startet, werden die beiden Punkte in der Visualisierung mit einer graden Linie verbunden. Die Herausforderung besteht darin, die Route vorab zu entwerfen. Eine typische Tour erstreckt sich über 70 Kilometer, und dafür benötigt Lund rund vier Stunden auf dem Rad. Die Werke sind auch auf „Sketchbook of a GPS Artist“, gpsdoodles.com zu sehen.
Der Lehrer Michael Wallace aus Baltimore spricht bei seinen Kunstwerken von „GPX Riding“, seine Fotos sind kleinteiliger, die Eule und das Flugzeug sind seine Kreationen. Wallace ist mit dem Mountainbike unterwegs, und er begann viel früher mit den GPS-Aufzeichnungen, zunächst mit einem Smartphone und einer Tracking-App.
Die Tücke liegt oft im Detail
Heute malt Wallace zunächst eine Skizze auf eine reale Karte und zeichnet anschließend mit dem Smartphone gleichzeitig auf drei Plattformen auf: My Tracks, Map My Ride und Strava, um redundant seine Tour zu sichern. Die Tourenfotos werden von ihm künstlerisch bearbeitet, er koloriert nach und veröffentlicht auf Twitter, Instagram und Facebook. Auf Instagram sind seine Werke unter instagram.com/wallygpx zu sehen. Die Tücke liege oft im Detail, sagt er. Manche Zeichnung ändere sich wegen Baustellen und Straßenbauarbeiten, und um den letzten Fitzel einer Strecke zu zeichnen, musste er das Smartphone durch einen Zaun hindurchstecken, damit es an der richtigen Stelle GPS-Empfang hat.
Als Erfinder der GPS-Kunst gelten Hugh Pryor und Jeremy Wood. Sie zeichneten 2001 einen Fisch auf einer 100-Kilometer-Strecke rund um Wallingford bei Oxfordshire. Der Detailreichtum dieser Zeichnung mit einem Durchmesser von 20 Kilometern lässt zu wünschen übrig, es ist eher ein abstraktes Pixelmuster. Das liegt an der nur beschränkt leistungsfähigen GPS-Technik früherer Zeiten. Mit höherer Empfindlichkeit und geringerem Stromverbrauch gelingen heute detailreichere Aufzeichnungen.
Das europäische Galileo-Satellitensystem soll die Genauigkeit der Ortung noch einmal verbessern. Nicht nur am Boden, sondern auch in der Luft: Piloten fliegen Routen ab, die dann auf Flightradar 24 als Kunstwerk erscheinen. Im März 2016 flog ein Pilot mit seiner einmotorigen Maschine über dem nördlichen Niedersachsen eine Route, die ein Flugzeug zeigte, und im April vergangenen Jahres zeichnete eine Boeing 787 ein gigantisches Selbstportrait über Amerika.