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Nachtrag zum iPad : Apples ästhetische Anbiederung

Alles nur eine Frage der Erscheinung? Apple glaubt anscheinend an die Macht der Imitation Bild: Hersteller

Die Produkte von Apple überzeugen durch ihr durchdachtes Design. Deswegen enttäuscht die Gestaltung einiger iPad-Programme umso mehr. Apple imitiert das Aussehen jener Produkte, die das iPad ersetzt. Das ist albern, langweilig und wenig nachhaltig.

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          Die Seiten des iPad sind in Leder gebunden, abgerissene Notizblätter fehlen, vier Fäden halten das Kontakte-Buch zusammen, Bücher lassen sich blättern und die Bibliothek ist aus Holz. Natürlich sehen die iPad-Programme „Kalender“, „Kontakte“, „Notizen“ und „iBook-Stores“ inklusive der eBooks nur so aus. Sie sollen an Dinge erinnern, die viele im Alltag noch verwenden, um Termine und Notizen einzutragen. Das Design der iPad-Software erscheint in einer Optik, die auf ihre analogen Pendants in der realen Welt referiert. Diese ästhetische Entscheidung ist misslungen.

          Beim iPod hatte sich der Wandel hin zu solchen Realwelt-Simulationen angedeutet, beim iPhone wurde die Strategie weiter geführt und beim iPad hat sie ihren visuellen Höhepunkt erreicht: Apples Designer imitieren die analoge Welt. Ein Effekt ohne Wirkung. Niemand, der ein iPad in den Händen hält, wird überrascht feststellen, dass die Seiten nicht knistern, der Finger am besten trocken sein muss, die Kalenderblätter immer an der gleichen Stellen herausgerissen sind und das Holzregal nicht zustaubt.

          Wozu entwirft also Apple ein solches Design? Über Blumen und Obst aus Plastik macht man sich gemeinhin lustig. Wer seiner Freundin eine Stoffrose kauft, sollte nicht die Antwort erwarten: „Oh toll, das ist ja gut gemacht, ich dachte schon sie wäre echt!“. Etwas anders verhält es sich, wenn der Unterschied zu den echten Dingen nicht zu erkennen ist. Das löst beim Rezipienten - wie etwa beim Trompe-l'œil-Verfahren in der Malerei - Staunen hervor. Doch nur am Anfang, weil man nämlich irgendwann den Trick der Nachahmung kennt. Beim iPad ist es aber schon von vorne herein klar, dass der Nutzer die Seiten nicht umblättern kann. Er vermutet noch nicht einmal eine Attrappe. Der Unterschied zwischen einem Filofax und Apples Kalender und Notizen ist offensichtlich. Das Imitat ist dem Original dann doch zu unähnlich.

          Ei wie nett, blättern im iBook
          Ei wie nett, blättern im iBook : Bild: Dettweiler

          Eine Hommage an die 'guten, alten Dinge' wie den Taschenkalender kann es nicht sein, was die Designer wollten. Apple macht keine Kunst, sondern produziert Gebrauchsgegenstände. Vielleicht will sich Apple mit der Oldfashioned-Anmutung entschuldigen, dass sie mit Geräten wie iPhone und iPad den Notizbüchern, Taschenkalendern und Büchern den Garaus machen, weil die digitale Variante sich vermutlich durchsetzen wird. Wohl auch nicht. Der iPod sah von Anfang an bewusst nicht aus wie der Walkman, dessen Ende durch die MP3-Player eingeleitet wurde.

          Mit Coverflow fing alles an

          Wieso dieser Rückschritt im Design? Apple hat bisher immer gezeigt, dass Hard- und Software anders aussehen kann: dem Medium angepasst, minimalistisch und anwenderfreundlich zugleich. Die Reduktion auf das Wesentliche war ein Merkmal der Appleschen Ästhetik. Das Touchwheel des iPod ist ein wunderbares Beispiel: Ein berührungsempfindliches Rad und eine Taste in der Mitte reichen aus, um dem MP3-Player zu bedienen. Die Oberfläche der Software war ähnlich einfach entworfen. Es geht nach rechts oder nach oben und unten. Keine einzelnen Tasten mit „Play“, „Skip“ oder „Forward“.

          Angefangen hat der Mimesis-Effekt, als die iPods mit der Coverflow-Funktion auf den Markt kamen. Apple wurde inkonsequent. Der Nutzer sollte die Möglichkeit bekommen, virtuell seine Plattensammlung zu durchsuchen. Immerhin war diese Funktion so abstrakt gestaltet, dass die MP3-Sucher nicht erkennen konnten, ob sie jetzt CDs oder klassische Vinyl-Platten durch die Hände gleiten ließen. Die Orientierung fällt jedenfalls leichter: Zu jedem Album gibt es ein visuelles Etikett. Der Mehrwert dieser Suchfunktion ist erkennbar.

          Im Holzregal des iBooks-Store

          Doch wo ist der ästhetische Clou bei den iPad-Programmen „Kalender“, „Kontakte“, „Notizen“ und des „iBook-Stores“? Die Lederoptik und der Buch- und Filofaxcharakter hat keinerlei Auswirkung auf den Umgang mit den Anwendungen. Ihre Gestaltung verschafft dem Nutzer weder einen besseren Überblick noch einen ästhetischen Reiz. Im Holzregal des iBooks-Store lassen sich die Bücher nicht besser finden als in einer strengen, minimalistischen Anordnung. Die Kopf- und Fußzeilen der eBooks stammen aus einer Zeit, als sich das Layout von geraden und ungeraden Seiten aufgrund der Gestalt von Büchern zugunsten der Lesbarkeit unterschied.

          So wie fest steht, dass Apple wert auf Design legt, ist auch bekannt, dass Steve Jobs auf jedes Detail seiner Produkte genauestens achtet. Hat sich Jobs für dieses Design entschieden, um eine neue Käuferschicht zu erschließen? Dass das iPad nicht nur für Apple-Nerds interessant ist, sondern womöglich auch für die Oma, wurde bereits hinreichend in den Medien besprochen. Damit die Großmutter nicht ganz verloren ist, wenn sie das iPad auspackt, schafft Apple mit der Anmutung der iPad-Programme einen Wiedererkennungswert. Die Silversurfer wissen immerhin, was ein Kalender, Notizbuch oder Bücherregal ist. Somit können sie sich leichter zurecht finden.

          Der Effekt wird nicht lange anhalten

          Bisher musste das Unternehmen die Nutzer nie in der alten Welt abholen, um sie an die neue digitale Umgebung erst zu gewöhnen. Apples Produkte zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie kinderleicht zu bedienen sind. Zudem stellt sich die Frage: Was passiert nach der Eingewöhnung - wenn der Nutzer weiß, dass ein digitales Notizbuch ähnlich funktioniert wie die entsprechende iPad-Anwendung? Er wird den Ledereinband und die scheinbar abgerissenen Blätter langweilig finden. Eben darum, weil Nutzer es aus ganz anderen Kontexten kennen.

          Das Oldstyle-Design ist eine Anbiederung an neue Käuferschichten mit alten Wahrnehmungsgewohnheiten. Vielleicht wird Apple all jene einfangen, die sich an die Optik des 21. Jahrhunderts noch nicht gewöhnt haben, und für diesen Look begeistern können. Die aktuellen Verkaufszahlen könnten ein Beweis für den Erfolg dieser Strategie sein: Apple meldet den Verkauf von einer Million iPads. Mit dieser Information schließen wir diese Seite und legen den Stift beiseite.

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