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Nachkriegsradio ist wieder da : Nostalgiewelle

  • -Aktualisiert am

Das Gerät erscheint in limitierter Auflage von 5000 Exemplaren Bild: Hersteller

Das Nachkriegsradio Heinzelmann von Grundig gibt es jetzt in einer digitalen Ausgabe. Wir haben das Retro-Gerät auf unseren Küchentisch gestellt und ausprobiert.

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          Mit dem Heinzelmann fing alles an. Nein, nicht mit dem saugblasenden Utensil aus dem Loriot-Sketch, sondern mit einem Dampfradio gleichen Namens, das unter abenteuerlichen Bedingungen gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Licht der Welt erblickte und das später zu einem Symbol für ein starkes Stück deutscher Industriegeschichte werden sollte. Jetzt gibt es diesen Apparat als digitale Neuausgabe, außen im schmucken Retro-Look, innen mit moderner Technik.

          Aber der Reihe nach. Im Jahr 1945, als Deutschland in Trümmern lag, krempelte Max Grundig, ein fränkischer Kleinunternehmer und leidenschaftlicher Elektrobastler, die Ärmel hoch und nahm ein Projekt in Angriff, das eigentlich unmöglich schien. Denn die Alliierten hatten damals die Herstellung von Rundfunkgeräten untersagt, die Nachfrage aber war für Grundig mit Händen zu greifen.

          Also kam er auf die Idee, ein Radio für Lang-, Mittel- und Kurzwellenempfang als Bausatz unter das Volk zu bringen, eben den Heinzelmann. 1946 war der Apparat fertig entwickelt, die Produktion durfte starten, und im Folgejahr konnte Grundig ausliefern. Bis Ende 1947 brachte er 12.000 Exemplare an den Mann. Der Heinzelmann kam in einer Art Schuhkarton ins Haus, vollgepackt mit Kondensatoren, Widerständen und Spulen. Röhren lagen nicht im Kasten, denn nach Kriegsende gab es keine intakte Produktion mehr. Dafür existierte ein vitaler Schwarzmarkt, und Wehrmachtsröhren waren noch reichlich im Umlauf.

          Der alte Heinzelmann kostete 176 Reichsmark.
          Der alte Heinzelmann kostete 176 Reichsmark. : Bild: Hersteller

          Der stolze Heinzelmann-Besitzer brauchte Heimwerkertalent, denn er musste nicht nur löten können, sondern auch das Radiogehäuse nach dem mitgelieferten Plan selbst zuschreinern. Der Heinzelmann kostete 176 Reichsmark. Ein Schnäppchen war er damit nicht, denn inflationsbereinigt entspricht dieser Preis etwa 610 Euro. So konnte Grundig einen gewissen Grundstock für die weitere Expansion erwirtschaften. Die Karriere seines Unternehmens fasziniert noch heute. Auf ihrem Höhepunkt beschäftigte Grundig 38.000 Mitarbeiter in 23 inländischen Werken und etlichen weiteren Fabriken in Europa und Taiwan.

          Aber als japanische Unternehmen begannen, den Markt der Unterhaltungselektronik zu erobern, wurde es für Grundig immer enger, und am Ende stand, wie so oft in der Branche, der Verkauf der Marke. Heute gehört Grundig zum türkischen Konzern Arçelic, der nun mit dem Retro-Heinzelmann ein Stück Erinnerungskultur pflegt. Das Gerät erscheint in limitierter Auflage von 5000 Exemplaren, es wird für rund 300 Euro angeboten.

          Internetradio als Alternative

          Wir haben den neuen Heinzelmann auf unseren Küchentisch gestellt und ausprobiert, was er so alles hinter seiner Nussbaum-Fassade verbirgt. Auf seinem rechteckigen LCD-Schirm zeigt er, aus welchen Quellen er schöpfen kann. Klassischen Radioempfang beherrscht er natürlich, allerdings nicht in den antiken Frequenzbändern seines Vorbilds, sondern in den üblichen UKW-Gefilden. Auf digitalen DAB-Plus-Empfang versteht er sich ebenfalls, und wenn er über W-Lan Kontakt zum Heimnetzwerk knüpft, bietet er Internetradio als Alternative an, bringt Podcasts und, wenn er soll, das Spotify-Repertoire zu Gehör. Über Bluetooth kann auch das Smartphone mitspielen, und wenn auf der Rückseite ein mit Musik beladener USB-Stick andockt, greift der Heinzelmann auch auf diese Quelle zu.

          Eine Klinkenbuchse dient als Hochpegeleingang für analoge Zuspieler, ein weiterer Klinkenanschluss gibt den Ton an einen Kopfhörer aus. Auch als Radiowecker funktioniert das Gerät, zwei Speicher merken sich die gewünschten Alarmzeiten. Für die Programmwahl, die Lautstärke und die Navigation im Anzeigefenster gibt es eine handliche Fernbedienung. Alles in allem ist das eine würdige Ausstattung für ein Jubiläumsgerät.

          Andere Details haben uns nicht so überzeugt. Dazu zählt die umständliche Einrichtungsprozedur. Andere moderne Geräte erledigen das eleganter mit einer App. Der Klang des Heinzelmanns geht für die Unterhaltung in der Küche in Ordnung. Zum genussvollen Musikhören aber betont er zu stark die mittleren Frequenzen, selbst dann, wenn man mit dem eingebauten Equalizer den Höhen und Bässen auf die Sprünge hilft. Und das ist schade. Dass man auch aus kleinem Volumen genießbare Klänge zaubern kann, machen ja heute viele Drahtlos-Lautsprecher vor. Was bleibt, ist Erinnerung mit gemischten Gefühlen, passend zur wechselvollen Markengeschichte.

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