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Nach dem Hashtag-Crash : Börsenmanipulation mit gefälschten Twitter-Accounts?

Angeblicher Amazon-Deal: Was dieser Twitter-Account in die Welt setzte, wurde in wenigen Stunden 65.000 Mal weitergeleitet Bild: Screenshot Spehr

Mit Zehntausenden gefälschter Twitter-Accounts sollen die Börsenkurse manipuliert werden. Nun haben deutsche Unternehmen die Tricks der Täuscher aufgedeckt.

          Der Angriff erfolgte in zwei Wellen. Anfang Mai hatten sich binnen zwei Wochen die Truppen versammelt. Mehr als 30.000 Accounts standen schließlich bereit. Am 21. Mai, einem Mittwoch, kam es zur Attacke. Die Nachricht lautete: „$AMZN in talks to buy $GRPN for 7B. $FB should have bought them instead of Oculus. Will $GOOG step in?“

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Diese scheinbar kryptische Twitter-Meldung lässt sich für Insider der Tech-Märkte schnell entziffern: Amazon sei in Gesprächen zur Übernahme von Groupon für 7 Milliarden Dollar. Auch Facebook, Oculus und Google werden ins Spiel gebracht. In der Tat hat Facebook den Hersteller von Videobrillen Oculus VR gekauft. Allerdings schon im März. Der Kern der Nachricht, wonach Amazon das Schnäppchenportal Groupon übernehmen wolle, ist indes falsch. Die Verbindung aus Dollarzeichen und Wertpapierkürzeln wirkt jedoch professionell, man spricht in Abgrenzung zum Twitter-Hashtag von einem Cashtag. Ein Mausklick auf den Cashtag zeigt sofort die letzten Äußerungen und Informationen zum Unternehmen.

          Der Tweet wurde von dem Account New York City @NewYorkCittyy abgesetzt, der, wie die Schreibweise bereits zeigt, nichts mit der Stadt New York zu tun, aber stattliche 85.000 Follower hat. Normalerweise werden Tweets von diesem Account spärlich retweeted, also von anderen weitergeleitet. Aber dieser eine wurde am 21. Mai sage und schreibe 65.000 Mal retweeted, und das wiederum hat Folgen: Das Gesprächsaufkommen („Buzz“) über Amazon ist an diesem Tag in den sozialen Netzen 350 Mal höher als normal. Was steckt dahinter?

          Einer der vielen gefälschten Accounts

          Derzeit gibt es rund 255 Millionen aktive Twitterer in aller Welt. Aber bis Januar 2014 hatten sich nach Berechnungen von Peerreach 920 Millionen Menschen bei Twitter angemeldet. Andere Schätzungen liegen noch höher, und Spam-Accounts, die von Twitter selbst schnell wieder gelöscht werden, sind in diesen Zahlen nicht enthalten. Ein Großteil der Menschen, die sich bei Twitter einfinden, springen also wieder ab. Das ist die gängige Erklärung.

          Doch nun wird man die Frage stellen müssen, wie viele Cyborg-Twitterer fremdgesteuert als Roboter durch das Zwitscheruniversum flattern. Gefälschte Twitter-Accounts („Fake“) sind ein bekanntes Phänomen. Meist geht es darum, dass Menschen ihren eigenen Account durch zugekaufte Follower aufwerten wollen. Von vielen gefolgt zu werden ist das Ziel, und wo sich die Gefolgschaft nicht von allein einstellt, hilft man mit dem Follower-Kauf nach. Das ist ein lukratives und scheinbar harmloses Geschäft für mehrere Dutzend Anbieter, die Follower für kleine Preise diskret veräußern. Auch Retweets kann man kaufen.

          Doch am 21. Mai ging es nicht darum, die Aufmerksamkeit anderer in der Twitter-Gemeinschaft zu wecken oder durch viele Retweets als wichtig zu erscheinen. Es ging vielmehr um Manipulation im großen Stil. Über Versuche der verdeckten und interessengeleiteten Beeinflussung wird im Zusammenhang mit dem Internet immer wieder diskutiert: Die massenhafte Manipulation von Wikipedia-Artikeln wird niemand bestreiten. An anderer Stelle geht es um manipulierte Nachrichtenseiten, Kundenempfehlungen, Bewertungsportale, Schnäppchenführer und neuerdings sogar Partnerbörsen.

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