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MySpace-Chef im Interview : „Wir sind für das Verrückte und Wilde da“

  • Aktualisiert am

„Ich will die rebellische Jugend der ganzen Welt zu uns holen”, sagt Mike Jones, Chef von MySpace Bild: Marcus Kaufhold

Die Konkurrenz unter sozialen Netzwerken ist groß. MySpace-Chef Mike Jones über den Kampf gegen Facebook, die Angst um die eigenen Daten, wie er Musikbands groß macht und warum seine Website überladen und schwer zu bedienen ist.

          4 Min.

          Herr Jones, warum sollte ich meine Zeit bei MySpace statt bei Facebook verbringen?

          Unsere Hoffnung ist, dass vor allem die jungen Menschen sagen: Ich gehe zu MySpace, weil ich dort schnell neue Musik finden und hören kann, Leute kennenlernen, vielleicht ein spannendes Video schauen oder ein Spiel spielen kann. MySpace soll ihnen Dinge zeigen, mit denen sie vorher nichts zu tun hatten. Es ist mir nicht so wichtig, dass sie zu uns kommen, um mit ihren Eltern oder ihren Freunden in Kontakt zu bleiben.

          Und wie soll sich der Nutzer bei Ihnen orientieren? Allein fünf Millionen Künstler weltweit haben auf Ihrer Seite ein Profil.

          Nach dem Motto: „Du magst diese Band? Dann hör dir doch die hier mal an. Die wirst du lieben!“ Das ist nicht neu, aber darin werden wir bald sehr gut sein. Unsere Nutzer müssen die Seite nicht jeden Tag besuchen. Aber wenn sie kommen, bleiben sie länger und verbringen hier eine aufregende Zeit.

          Müssen Sie sich stärker von Facebook abgrenzen?

          MySpace hat bislang nicht gut erklärt, warum das zwei verschiedene Systeme sind. Wir wollen relevante Inhalte bieten. Das können Personen sein, etwa wenn ein Nutzer in eine neue Stadt zieht und Kontakt sucht. Das kann Musik sein. Oder aber der Kontakt zu Prominenten. Es geht weniger um das echte Leben. MySpace ist nicht der Ort, wo man Babyfotos mit seiner Mutter teilt.

          Das überlassen Sie Facebook?

          Bei Facebook geht es um Kontakte als echte Person, vielleicht auch um Karriere. Bei Twitter geht es um die Verbreitung von Neuigkeiten. Bei MySpace geht es um kreative Arten, sich auszudrücken. Es geht um Entdeckungen - und darum, entdeckt zu werden. Wir sind für das Wilde, Verrückte und den Spaß da. Ich will die rebellische Jugend der ganzen Welt zu uns holen.

          Dafür müsste MySpace aber vor allem einfacher zu bedienen sein.

          Ja. Die Website ist wirklich überladen und schwer zu bedienen. Im Moment funktioniert alle Kommunikation nur zwischen dem eigenen Profil und Millionen von anderen. Hin und her, vor und zurück. Es ist ein Irrgarten. Aber überlegen Sie mal: Rund 120 Millionen Menschen nutzen das Produkt jetzt, obwohl es so kompliziert ist. Wie viele werden es wohl nutzen, wenn es viel einfacher ist?

          In Europa wurde MySpace vor allem bekannt, weil Sie Bands wie die Arctic Monkeys berühmt gemacht haben - aber das war vor vier Jahren. Hat die Seite schon ihre 15 Minuten Ruhm gehabt?

          Das war die ursprüngliche, erfolgreiche Strategie von MySpace. Aber irgendwann haben wir versucht, ein Portal für alles zu werden und Eigenschaften der Konkurrenz zu kopieren. Da ging der Fokus verloren für das, was schon früh großartig war. Dahin wollen wir zurück. Wir haben etwa eine Million Nutzer, die mehr als 5000 Freunde haben. Für Künstler bedeutet das ein Publikum, mit dem sie interagieren können. Wir werden also künftig eher Dinge weglassen, als noch mehr Neues zu erfinden. Und in Deutschland wachsen wir auch wieder - hier haben wir fünf Millionen monatliche Nutzer und gerade StudiVZ überholt. Deutschland ist nach Amerika unser zweitgrößter Markt.

          Wie wollen Sie Geld verdienen? Weiter nur mit Werbung oder auch mit kostenpflichtigen Inhalten?

          Wir bleiben bei der Werbung. Wir experimentieren zwar mit virtuellen Gütern und Währungen. Aber MySpace ist eine äußerst gute Plattform für Marken und Kampagnen. Ich mache mir keine Sorgen über die Finanzen. Eher darüber, ob das Produkt MySpace am Ende wirklich mit unseren Visionen mithalten kann. Am Beispiel Musik sieht man es ganz gut: Bands haben wegen unserer Internetseite schon ihren Tourplan geändert, weil sie gesehen haben, wo viele ihrer Fans sind. Das wollen wir auch für andere Künstler und die Industrie leisten.

          Studien belegen, dass ihre Nutzer eher aus bildungsfernen Schichten kommen. Das mögen Werbeleute nicht so gern.

          Wir haben weltweit fast 120 Millionen Nutzer - ob die besser oder schlechter ausgebildet sind: Sie kaufen im Supermarkt ein, tragen Nike-Schuhe oder trinken Coca-Cola. Sie haben Kontakt zu Marken. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Werbeleute sich für das Bildungsniveau unserer Nutzer interessieren. Sie interessieren sich für unsere junge, konsumfreudige Zielgruppe zwischen 13 und 34 Jahren. Und die, die jünger sind, haben noch keinen Schulabschluss gemacht - daher vielleicht der Eindruck der Bildungsferne.

          Sie gehören der News Corporation von Rupert Murdoch. Der ist berüchtigt dafür, dass er nur Unternehmen mag, die viel Geld verdienen.

          Ja, das sollte auch so sein. Das ist eine vernünftige Einstellung.

          Sie verdienen aber nicht viel Geld.

          Nun, wir geben nicht bekannt, welches Unternehmen innerhalb der News Corporation wie viel Geld verdient. Bei MySpace ist es keine so kleine Summe, glauben Sie mir. Rupert Murdoch sieht allerdings auch unsere Perspektiven. Es bringt ihm nichts, wenn wir für ihn eines von vielen Unternehmen sind, das nur Geld verdient. Er will mit MySpace auch Risiken eingehen. Und uns wieder zu einem großen Spieler im interaktiven Netz machen.

          Facebook hat gerade große Imageprobleme, weil sich Nutzer um die Sicherheit ihrer Daten sorgen. Woher weiß ich, dass MySpace mein Profil nicht an Werbekunden weiterreicht?

          Wir haben die Privatsphäre schon früh sehr ernst genommen. Wir haben Regeln, die wir mit dem Generalbundesanwalt der Vereinigten Staaten ausgearbeitet haben. Ich kann also nur sagen: Schauen Sie sich unsere Geschichte an. Außerdem interessiert es mich gar nicht so sehr, ob Ihre Daten bei MySpace auch stimmen. Nutzer können ihre eigene, kreative Identität schaffen. Die muss nichts mit ihrem richtigen Leben zu tun haben.

          Ein Markt der Zukunft ist das mobile Internet. Wie wollen Sie sich ihr Stück vom Kuchen sichern?

          Zwanzig bis dreißig Prozent unserer täglichen Nutzer gehen über das Handy auf MySpace. Ende 2011 werden das wohl mehr als die Hälfte aller Nutzer tun.

          Wie reagieren Sie darauf?

          Wir haben natürlich bereits Applications für alle wichtigen Anbieter wie iPhone oder Blackberry. Was wir anders machen wollen: Wir konzentrieren uns nicht auf eine einzige App. Wir wollen eine für Musik auf dem iPhone, eine für Videos auf dem iPad und so weiter. Im nächsten halben Jahr werden wir etwa sechs dieser Programme an den Start bringen. Auch hier wird sich viel um das Konzept drehen, wie sich Inhalt durch die Nutzer im Netz ausbreitet, also um die sogenannten viralen Phänomene.

          Wo sehen Sie MySpace in vier oder fünf Jahren?

          Vier bis fünf Jahre sind im Internet eine Ewigkeit. Das Netz weitet sich aus, die Menschen werden noch mehr Zeit im Internet verbringen. Das Konzept des Entdeckens, das wir verfolgen, kann für Nutzer sehr lange wichtig bleiben. Wir werden darin deutlich besser werden. Und die Leute werden uns dafür lieben. Das ist eine echte Langzeitstrategie.

          Die Führung von MySpace hat dagegen zuletzt extrem schnell gewechselt: Ihr Vorgänger musste nach nicht mal einem Jahr gehen, Ihren Co-Chef, Jason Hirschhorn, verlieren Sie jetzt nach ein paar Monaten. Was ist da los?

          Nur so viel: Wir respektieren Jasons Entscheidung, uns zu verlassen und nach New York zurückzugehen. Sein Rückzug hat ausschließlich persönliche Gründe. Wir sind unglaublich dankbar für die Leidenschaft, die er in das Unternehmen gebracht hat.

          Wird es einen Nachfolger geben?

          Wir fühlen uns gut aufgestellt. Derzeit gibt es keine Pläne für neue Besetzungen im Management.

          Was wird sich ändern, da Sie der nun neue, alleinige Präsident von MySpace sind?

          Meine bisherigen 15 Monate hier waren unglaublich, und ich bin aufgeregter als jemals zuvor. Ich will MySpace in eine neue Phase des Wachstums führen. Ich glaube an unsere Mannschaft, unsere Führungskräfte und vor allem an die Strategie, die wir für das Unternehmen ausgearbeitet haben und umsetzen werden.

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