https://www.faz.net/-gy9-8wi1e

Teure Smartphones : Lohnt sich eine Handy-Versicherung?

29 Euro für eine neues iPhone-Display sind eigentlich nicht viel. Bild: Picture-Alliance

Ob Bruch, Diebstahl, Wasser oder Leichtsinn: Die Angebote, das Smartphone dagegen zu versichern, sind sehr unterschiedlich. Fallstricke sind manchmal gut versteckt.

          4 Min.

          Die Reparatur des Display-Schadens habe nur 29 Euro gekostet, schwärmt der Vater einer Abiturientin und ergänzt, dass viele ihrer Mitschüler jedes Jahr mindestens einen Glasbruch beklagen. Da sind 29 Euro für eine neues iPhone-Display nicht viel. Denn der Händler um die Ecke verlangt 100 Euro und mehr. Wenn es eine „offizielle“ Reparatur von Apple sein soll, fallen je nach Modell sogar zwischen 150 und 170 Euro an. Der Trick des stolzen Vaters: Er hat eine Handy-Versicherung abgeschlossen, in diesem Fall Apple Care Plus. Für 150 Euro erhält man neben telefonischer Beratung durch Fachleute einen Hardware-Schutz für zwei Jahre mit bis zu zwei Reparaturen. Allerdings nur bei unabsichtlicher Beschädigung und unter Zuzahlung von 29 Euro für den Austausch eines Displays oder 99 Euro für alle anderen Schäden. Ein Displayschaden kostet demnach mindestens 179 Euro, so günstig ist das Angebot also nicht.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Indes sind Handyversicherungen in Mode gekommen. Fachleute schätzen, dass in Deutschland 2,5 bis 3 Millionen Verträge laufen. Bereits beim Kauf eines neuen Geräts werden einem erweiterte Garantieleistungen, Schutzbriefe und Elektronikpolicen geradezu aufgedrängt. Nicht nur im stationären Handel, sondern auch beim Kauf im Netz. Vor dem Gang zur Kasse ploppt der Hinweis auf, dass man doch lieber auf Nummer Sicher gehen soll, und der Appell an die Vollkaskomentalität scheint anzukommen.

          Gewährleistung kann vertraglich nicht ausgeschlossen werden

          Dabei genießt der Kunde in Deutschland ohnehin die gesetzliche Gewährleistungspflicht, die zwar für Gebrauchtwaren auf zwölf Monate reduziert werden kann, aber bei neuen Geräten zwei Jahre beträgt. Die Gewährleistung kann vertraglich nicht ausgeschlossen werden. Tritt ein Problem auf, wird zugunsten des Verbrauchers in den ersten sechs Monaten nach Übergabe der Ware angenommen, dass der Mangel schon zum Zeitpunkt der Lieferung bestand.

          Ergänzend bieten viele Hersteller zusätzlich zur gesetzlichen Gewährleistung eine Garantie an. Das ist eine freiwillige und frei gestaltbare Dienstleistung eines Händlers oder Herstellers, und die Garantiezusage bezieht sich meist auf die Funktionsfähigkeit von Teilen oder des gesamten Geräts über einen bestimmten Zeitraum. Der Zustand der Ware zum Zeitpunkt der Übergabe an den Kunden ist unerheblich.

          Die Tücke liegt wie immer im Detail

          Ob sich eine Handyversicherung lohnt, ist angesichts dieser Basisabsicherung genau zu prüfen, und die Tücke liegt wie immer im Detail. Apple Care Plus für das iPhone springt zum Beispiel nicht nach einem Diebstahl oder Verlust des Geräts ein. Hier sind umfassende Handyversicherungen die bessere Wahl, wie ein Blick auf die Angebote der Netzbetreiber und Provider zeigt.

          Telekom, Vodafone und O2 verlangen für ihre Versicherungen zwischen 9 und 10 Euro im Monat. So kommen 10 bis 20 Prozent des Geräteneupreises pro Jahr zusammen; ziemlich teuer, wenn man beispielsweise vergleichend auf die Kosten einer Vollkasko-Versicherung fürs Auto blickt. Stets gibt es zudem eine Selbstbeteiligung, sie beträgt in der Handyversicherung L der Telekom 60 Euro, in der Smartphone- und Tabletversicherung von Vodafone 35 oder 70 Euro (günstiges oder teures Gerät) und in der PremiumHandyversicherung von O2 10 Prozent des regulären Gerätepreises. Eine Absicherung gegen Diebstahl ist in diesen Paketen enthalten, gegen den Verlust des Geräts ist man jedoch nicht geschützt. Die Mindestlaufzeit des Vertrags beträgt zwei Jahre, danach ist er monatlich kündbar.

          Abzüge je nach Alter des Produktes

          Allen drei Tarifen ist gemeinsam, dass sie keinen Anspruch auf Geldersatz beinhalten. Im Schadensfall versprechen die drei Netzbetreiber ein neuwertiges Gerät gleicher Art und Güte oder, so Vodafone, die Reparatur. Das hört sich gut an, ist aber immer wieder Anlass der Kritik: Denn in der Android-Welt können selbst zwischen zwei scheinbar ähnlichen Geräten ganze Welten liegen. Die Berücksichtigung des Zeitwerts des Geräts kann bedeuten, dass der Kunde selbst bei einem Totalschaden nur einen Teil des ursprünglichen Kaufpreises erstattet bekommt. Die Versicherer nehmen Abzüge je nach Alter des Produktes vor.

          Die Telekom und O2 bieten einen Gerätetausch „in der Regel“ am nächsten Werktag an, sofern sich der Kunde innerhalb Deutschlands aufhält. Beide übernehmen eventuell anfallende Kosten für unbefugte Nutzung des Geräts nach einem Diebstahl in der Höhe von bis zu 2000 Euro. Dass Diebe gestohlene Handys gezielt dafür missbrauchen, kostenpflichtige Servicenummern anzuwählen, die einen Verbindungspreis von mehreren Euro pro Minute aufweisen, ist nicht neu. Allerdings haben deutsche Gerichte mehrfach die Gebührenforderungen der Netzbetreiber nach solchem Missbrauch verneint.

          Wurde das Handy bei einem Einbruch in den eigenen vier Wänden gestohlen oder fiel mitsamt der Wohnung einem Brand zum Opfer, zahlt ohnehin die Hausratversicherung. Diese ist auch bei einem Raubüberfall in der Pflicht, wenn also die Herausgabe des Telefons mit Gewalt erzwungen wurde.

          Umstände sind entscheidend für die Inanspruchnahme

          Ist Leichtsinn im Spiel, zahlt weder die Hausratversicherung noch die Handyversicherung. Wer das Gerät im Café unbeaufsichtigt auf dem Tisch liegen oder während des Sports in einer unverschlossenen Umkleidekabine in der Tasche lässt, verstößt gegen seine Sorgfaltspflicht und geht leer aus. Ferner dürfen Smartphones gemäß vieler Versicherungsbedingungen nicht in Außentaschen der Kleidung getragen werden.

          Auch bei Feuchtigkeitsschäden differenzieren die Versicherer penibel. Ob man mit dem Smartphone in den Swimmingpool gesprungen ist, es versehentlich mit Limonade überschüttet hat oder es während des Sommergewitters auf dem Balkon nass wurde: Die Umstände sind entscheidend für die Inanspruchnahme von Leistungen. Häufig ist nur der wohl seltenste aller Feuchtigkeitsschaden versichert, nämlich der nach Rohrbruch durch Leitungswasser. Wenn der Versicherungsnehmer vorsätzlich oder grob fahrlässig gehandelt hat, haftet die Versicherung nicht mehr oder nicht in vollem Umfang. Schrammen und Kratzer sind stets von der Haftung ausgenommen, das Gerät muss in seiner Funktion beeinträchtigt sein, etwa bei einem gesprungenen Display.

          Weitere Fallstricke haben manche Versicherungen gut versteckt: Man achte auf Ausschluss-Klauseln, darunter: Wenn das Gerät gewerblich oder im Ausland genutzt wurde oder für Schäden an Verschleißteilen oder für Schäden durch Witterungseinflüsse. Mancher Vertrag endet, sobald der Versicherungsfall eingetreten ist, der Versicherer behält sich ein Sonderkündigungsrecht vor. Man staunt und wundert sich, und letztlich bleibt nur die Empfehlung, die Allgemeinen Versicherungsbedingungen vorab gründlich zu lesen. Dann erkennt man schnell, dass die Handyversicherung kein Rundum-sorglos-Paket ist. Nötigenfalls nutze man das Widerrufsrecht, wenn man erst einige Tage nach dem Vertragsabschluss sieht, dass das gewählte Paket zu teuer oder zu groß ist.

          Direkt beim Kauf eines neuen Smartphones sollte man sich ohnehin nicht unter Druck setzen lassen, meist ist der Abschluss einer Handyversicherung auch noch bis zu vier Wochen nach dem Gerätekauf möglich. Schon die erwähnten Beispiele zeigen: Je günstiger das neue Smartphone ist, desto weniger lohnt sich eine eigenständige Handyversicherung, und selbst bei teuren Modellen bringt der Zusatzschutz nicht immer den versprochenen Nutzen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Proteste in Hongkong : China setzt auf Konfrontation

          Der Hass auf Peking hat eine radikale Eigendynamik entwickelt. In Hongkongs Jugend wächst die Sehnsucht nach einer eigenen Nation. Für alle Seiten droht ein bitteres Ende.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

          Interview zu Shitstorms : #HASS im Netz

          Nutzer überschwemmen seit Jahren Konzerne, Politiker und Privatpersonen mit empörten Kommentaren. Ein Wissenschaftler erklärt, ob man Shitstorms mit mittleralterlichen Prangern vergleichen kann und ob Klarnamen helfen würden.
          Der Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China wird nach Ansicht von Fachleuten auf absehbare Zeit im Zentrum des Interesses an der Wall Street stehen.

          Wall Street : Die Skepsis am China-Abkommen wächst

          Im Handelskonflikt zwischen Amerika und China haben Börsianer wenig Hoffnung auf wirkliche Fortschritte. Der positive Auftakt der Bilanzsaison sorgt zwar für etwas Erleichterung – doch sind noch viele Fragen offen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.