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Künstliche Intelligenz : Der Computer findet das dufte

  • -Aktualisiert am

„Duftschmecker“ im südfranzösischen Grasse, 1943 Bild: Getty

Auch Rechner haben ein Näschen: In den Laboren der Parfümeure kommt neuerdings Künstliche Intelligenz zum Einsatz.

          Neue Parfüms und Duftnoten zu entwickeln gilt vielen Menschen als äußerst mondäne Tätigkeit. Parfümeur ist ein Traumberuf. In der Realität ist die Parfümentwicklung aber schon längst zur Fließbandarbeit geworden. Diese Fließbandarbeit nehmen Computersysteme mit Künstlicher Intelligenz den Parfümeuren zunehmend ab. Die ersten mit Hilfe Künstlicher Intelligenz entwickelten Parfüms kommen auf den Markt.

          4000 neue Parfümsorten sind Jahr für Jahr zu verzeichnen. Das sorgt für enormen Druck auf die Hersteller. Die Konkurrenz ist riesig, die Kritik an der Branche ebenfalls. „Uns wird vorgeworfen, es rieche alles gleich, jeder kopiere den anderen“, berichtet Achim Daub, Vorstand des Parfümherstellers Symrise.

          Dagegen hilft laut Daub nur die Strategie, kreativer zu werden. Doch brauchen kreative Köpfe und Nasen mehr Zeit, um ungewöhnliche Düfte zu entwickeln. Diese Zeit soll ihnen Philyra verschaffen. So heißt eine Software mit künstlicher Intelligenz und einer riesigen Datenbank. 3000 Rohstoffe, aus denen eine neue Duftnote für ein Parfüm gemischt wird, sind in dieser Datenbank hinterlegt.

          „Philyra greift außerdem auf sämtliche Formeln und Rezepturen zurück, die je in unserem Unternehmen entstanden sind“, erklärt Daub. Dabei wählt die Software Rohstoffe für das neue Parfüm aus und entwickelt genau den Duftstoff, den ein Parfümhersteller in der nächsten Saison an den Markt bringen will. „Der Kunde gibt vor, wie der Duft letztendlich sein soll.“ Parfümentwicklung ist ein zielgruppenorientiertes Geschäft. Die KI-Software Philyra wurde zum Beispiel schon eingesetzt, um ein Parfüm für junge Menschen in Brasilien zu kreieren.

          Kombinationen von zwei oder drei Rohstoffen

          Dafür hat Philyra unter anderem Düfte, die in dieser Zielgruppe bisher erfolgreich verkauft wurden, genau analysiert. „Was Philyra im Hintergrund macht: Sie schaut sich alle existierenden Duftrezepte an und sieht Kombinationen, die gut funktioniert haben. Sie nimmt diese Kombinationen von zwei oder drei Rohstoffen als Baustein für ihre eigene Kreation“, erklärt Daub.

          Das ist klassische Mustererkennung. Aber die kombiniert Philyra mit anderen Methoden Künstlicher Intelligenz. „In einigen Fällen verwenden wir neuronale Netzwerke, in anderen Fällen Entscheidungsbäume“, erläutert Softwareingenieur Richard Goodwin von IBM. Dabei werden auch Duftöle der Konkurrenz genau in Augenschein genommen. Mit Gaschromatographen werden Parfümöle in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt.

          „Man sieht dann genau, welche Inhaltsstoffe in welcher Konzentration verwendet wurden“, berichtet Daub. Philyra lernt aus bestehenden Rezepturen und wandelt sie ab. Die endgültige Entscheidung über die neue Parfümkreation ist aber immer noch dem Parfümeur vorbehalten. Philyra soll den menschlichen Parfümeur nicht ersetzen, sondern unterstützten. Deshalb wird es auch weiterhin Dutzende von Tiegeln, eine Batterie von Reagenzgläsern, Stößel und Mörser, Kolben und Messbecher in den Labors der Parfümeure geben. Auch künftig erinnert vieles am Arbeitsplatz des Parfümeurs an die Manufakturen der Genfer Parfümeure aus dem 18. Jahrhundert. „Parfümeur ist ein Traditionsberuf“, meint der im New Yorker Labor von Symrise tätige Duftentwickler David Apel und fügt hinzu: „Aber ein Traditionsberuf mit großer Neugier, und die erfordert die Bereitschaft, mit neuen Technologien zu arbeiten.“

          Kann innerhalb weniger Minuten angerochen werden

          Deshalb finden sich in den Laboratorien der Parfümeure neben den traditionellen Tiegeln und Kolben Gaschromatographen, Computer und Roboter. Hat Philyra eine neue Rezeptur für ein Parfüm zusammengestellt, wird die zum Laborcomputer geschickt. Der gibt entsprechende Befehle an die Abfüllroboter im Labor, und die mischen den neuen Duftstoff dann zusammen. So kann innerhalb weniger Minuten vom Parfümeur angerochen werden.

          Wenn der Parfümeur die von Philyra entwickelte Duftprobe gerochen und begutachtet hat, fügt er noch weitere Inhaltsstoffe zu oder nimmt kleinere Änderungen an Philyras Rezept vor, bis der von ihm gewünschte Dufteindruck getroffen ist. „Die Parfümeure können dank Philyra kreativer experimentieren und werden durch die KI-gestützten Rezepturen auf neue Ideen gebracht“, fasst Softwareentwickler Goodwin die Erfahrungen mit den ersten Projekten zusammen.

          „Der Einsatz von Osmanthus absolut ist ein gutes Beispiel, wie Philyra kreative Freiräume schafft“, sagt Daub. Das ist ein hochwertiger und teurer pflanzlicher Rohstoff für Duftöle, der aus China importiert wird. Während der Entwicklung eines Parfüms hat das KI-System Philyra unlängst den waghalsigen Vorschlag gemacht, Osmanthus absolut in ungewöhnlich großer Menge einzusetzen. „Darauf wäre ich nie gekommen“, berichtet Daub, „da hätte sofort ein Filter in meinem Kopf gesagt: zu teuer.“

          Philyra hat solche Filter nicht in ihren neuronalen Netzwerken eingebaut. Allerdings kennt die KI-Software auch Kostenziele und berücksichtigt die bei der Entwicklung neuer Düfte. So war das auch in diesem Fall. Philyra hat das Osmanthus absolut in den Vordergrund gestellt und dennoch die Kostenvorgaben des Kunden eingehalten, indem sie Kombinationen mit weniger teuren Rohstoffen durchgespielt hat. Die ersten beiden von Philyra entwickelten Parfüms sind am Markt, und Achim Daub ist sich sicher, dass noch viele extravagante und überraschende Düfte mit Methoden künstlicher Intelligenz entwickelt werden.

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