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Smart Mobility Summit : Künftig sieht das Auto alles

So sieht der Sensor von Guardian Optical Technologies den Innenraum eines Autos. Bild: Spehr

Smart Mobility Summit in Tel Aviv: Sensoren und Künstliche Intelligenz im Fahrzeug der Zukunft erfassen sogar das Wohlbefinden.

          3 Min.

          Ein Start-up neben dem anderen: Gefragt sind kluge Ideen rund um die Mobilität der Zukunft. Da werden kleinere und effizientere Motoren für E-Scooter gezeigt, verbesserte Kameras zur Warnung vor dem Stauende, und die Haut des Autofahrers der Zukunft kontrolliert ein Radarsensor. Das alles zeigte zum siebten Mal der Smart Mobility Summit, der in diesem Jahr in Tel Aviv stattfand. Ein Erfinder präsentiert einen Kasten in der Größe eines Kofferradios, mit dem man angeblich jedes herkömmliche Rad zum elektrischen Antrieb bringen könne. Tüftler wie er suchen Sponsoren und Investoren.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Ein Großteil der Aussteller nutzt konventionelle Sensoren und Kameras, um das Auto sicherer zu machen. Dazu kommt ein Schuss Künstliche Intelligenz, denn dieser Modebegriff darf ebenso wenig fehlen wie die vielbeschworene „Smart City“, welche die Mobilität in der Stadt sicherer und nachhaltiger mache. Start-ups wie Viisights wollen auf diese Weise Überwachungsvideos nicht nur statisch auswerten, etwa, ob jemand fällt oder kämpft, sondern komplexe Szenen und Ereignisse holistisch erfassen. Die Software soll also quasi verstehen, was sich auf einer Straße oder in einem Park gerade tut.

          Mehr sehen, erkennen und auswerten will auch Intelligent Traffic Control, das mit Microsoft und Nvidia für bessere Staudaten zusammenarbeitet. Dass jetzt Sensoren eine immer größere Rolle spielen, zeigt Adasky, die mit Infrarotkameras arbeiten, welche kleinste Bewegungen erfassen und damit eine Hauptrolle beim autonomen Fahren spielen wollen.

          Darin besteht der Clou

          Jenseits der visionären Ideen konnten wir einige Systeme ansehen, die im Probebetrieb bereits eindrucksvoll arbeiten. Guardian Optical Technologies zeigte einen Kamerasensor, der im Fahrzeug auf der Höhe des Rückspiegels befestigt ist. Die optische Einheit löst mit 2,3 Megapixel auf und wird von einem Infrarotlicht unterstützt. Das alles ist Standardtechnik. Der Clou besteht darin, dass auf diese Weise die Sitzbelegung im Auto ebenso erkannt wird wie die Kopfhaltung des Fahrers, seine Aufmerksamkeit und ob er die Hände am Lenkrad hat. Auf diese Weise werden also Drucksensoren im Sitz ebenso überflüssig wie die teuren mechanischen Sensoren im Lenkrad, die beim teilautonomen Fahren darüber wachen, dass das Lenkrad nicht länger als erlaubt losgelassen wird.

          Was wir sahen, schien nahezu perfekt zu funktionieren. Neben der Einsparung etlicher herkömmlicher Komponenten kann der Hersteller auch zusätzliche Module für mehr Sicherheit allein per Software implementieren: Eine Erkennung, dass ein Kind oder Tier im Auto zurückgelassen wurde, eine Aufmerksamkeitserkennung anhand der Bewegungen des Augenlids und die Detektierung eines Smartphones in der Hand des Fahrers. Alle Daten würden nur im Auto gespeichert, nichts werde nach außen übertragen, wird versichert. Mit der Idee jedoch, dass Mikrovibrationen im Fahrzeug von Kameras erfasst und ausgewertet werden, ergäben sich möglicherweise noch ganz andere Möglichkeiten: Hatte der Fahrer zu einem bestimmten Zeitpunkt seine Hand auf dem Knie der Beifahrerin oder küsste er sie gar?

          In der Kabine acht Messmikrofone eingebaut

          Guardian Optical Technologies arbeitet mit Skoda zusammen, und das Pendant zur Sitzbelegungserkennung liefert ein ebenfalls mit der tschechischen VW-Tochter kooperierendes Start-up namens Silentium. Hier geht es darum, aus vorhandenen und bekannten Komponenten wie hochwertigen Lautsprechersystemen und Nebengeräuschunterdrückung etwas ganz Neues zu machen: Wir nahmen dazu Platz in einer offenen Kabine, die mit Lautsprechern an den Seiten und der Decke ausgerüstet war. Der Kniff der Software besteht darin, dass Fahrer und Beifahrer ohne irgendwelche mechanischen Hilfsmittel an ihrem jeweiligen Platz unterschiedliche Musik hören können. Dazu sind in der Kabine acht Messmikrofone eingebaut, und die Berechnung des passenden akustischen Signals erfolgt allein per Software. Schon mit wenigen Lautsprechern im Auto gelänge dies, versicherten uns die Entwickler.

          Der Effekt ist allemal verblüffend, gewisse Grenzen gäbe es, hieß es, wenn sich die beiden Musikstile arg voneinander unterschieden, der eine also leichten Jazz und der andere schwere Klassik hören möchte. Denkbar ist nicht nur der Einsatz im Auto, sondern auch die Schaffung von persönlichen Ruhezonen in Bus und Bahn, wo man ja gern mit seiner Geduld auf die Probe gestellt wird. Quiet Bubble nennt das Silentium. Die ersten Produkte sind im kommenden Jahr marktreif.

          Die Verwendung von Sensoren im Auto dient nicht nur dazu, aufwendigere Technik einzusparen oder mehr Komfort anzubieten. Sie führt auch dazu, dass künftig ganz neue Verknüpfungen und Verbindungslinien zu anderen Themenbereichen entstehen, mit denen man nicht unbedingt rechnet. Da stellt sich in Israel ein Unternehmen vor, welches das Auto zur rollenden Gesundheitszentrale machen will. Wie das Handy in Verbindung mit einer Smartwatch unter anderem die Herzfrequenz fortwährend misst, wird in Zukunft auch das Fahrzeug einen Nebenjob als Gesundheitsassistent haben und den Fahrer auf bedenkliche Entwicklungen hinweisen.

          Contin Use Biometrics zeigt in Tel Aviv einen Sensor, der im Auto eingebaut sein, aber auch zu Hause oder im Büro zum Einsatz kommen kann und Spektakuläres leistet: Er erfasst rein optisch und damit berührungslos selbst auf größere Entfernungen hin Vitalwerte des Menschen wie etwa den Blutdruck, die Herzfrequenz, die Herzfrequenzvariabilität und die Atmung. Zudem kann er ein Einkanal-EKG schreiben und die Blutalkohlkonzentration messen. Auto fahren mit der großen Freiheit, die es früher mal gab, von dieser Idee verabschiede man sich also.

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